Zahlen / Fakten

Zwischen Freizeit und Fake News – der Medienalltag von Jugendlichen

Ergebnisse der JIM-Studie 2021

Jenny F. Schneider

Medienradar, 12/2021

Jugendliche in der heutigen Zeit gelten als „Digital Natives“, also als Menschen, die in der digitalen Welt aufgewachsen sind. Sie nutzen das Internet ganz selbstverständlich und intuitiv, denn eine Welt ohne Internet haben sie nie kennengelernt. Kein Wunder also, dass sie sich oftmals besser damit auskennen als die meisten Erwachsenen. Die JIM-Studie – Jugend, Information, Medien untersucht jedes Jahr die Mediennutzung der 12- bis 19-Jährigen. Daraus lässt sich ihr aktuelles Nutzungsverhalten ablesen, sie gibt aber auch Aufschluss über Trends und Entwicklungen sowie über problematische Aspekte der Internetnutzung. Der nachfolgende Beitrag stellt ausgewählte Ergebnisse der aktuell erschienenen JIM-Studie 2021 vor.

Die Nutzung des Smartphones gilt als liebste Medienbeschäftigung in der Freizeit von 12- bis 19-Jährigen. Kein Wunder, schließlich umfasst die Smartphonenutzung eine enorme Bandbreite an Möglichkeiten zur Unterhaltung, Kommunikation und Informationsbeschaffung. Zudem besitzen mittlerweile fast alle Jugendlichen (94 %) ein eigenes Smartphone, sodass es auch wenig überrascht, dass sie im Durchschnitt vier Stunden am Tag (241 min) im Netz verbringen – laut eigener Schätzung. Es kann vermutet werden, dass die tatsächliche Nutzungsdauer vielleicht sogar noch höher ist. Schließlich wird das Smartphone nicht selten dutzende Male am Tag in die Hand genommen, um WhatsApp-Nachrichten zu lesen, neu veröffentlichte Posts auf Instagram zu checken oder sich ein Bild auf Snapchat anzugucken.

FOMO – Fear of Missing out

Wenn man dann schon mal dabei ist, kann man auch noch schnell jemandem eine Nachricht schreiben, kurz was auf Google suchen, das Wetter checken oder schauen, welche neuen TikToks hochgeladen wurden. Oft bleibt man dann länger am Smartphone als eigentlich geplant. Das geht auch vielen Jugendlichen so: 72 % von ihnen geben an, dass sie sich oft vergessen und eigentlich viel mehr Zeit am Handy verbringen, als sie geplant hatten. Und da vor allem Jugendliche oftmals dutzende Male am Tag neue Nachrichten bekommen und dank der Push-Funktion[1] immer wieder über neue Posts in den sozialen Netzwerken informiert werden, greifen sie ständig zum Smartphone. Fast die Hälfte (44 %) der Jugendlichen ist genervt von der täglichen Menge an Nachrichten, die allem voran über WhatsApp eingehen.

Insbesondere größere Gruppenchats tragen zu einem enormen Nachrichtenaufkommen bei – so auch der sogenannte „Klassenchat“[2], den 84 % der Schüler:innen mittlerweile haben. Das Handy einfach mal liegen zu lassen oder gar auszuschalten, ist für viele jedoch keine Option. Knapp die Hälfte (44 %) der Jugendlichen hat Angst, etwas zu verpassen, wenn das Handy mal aus ist. Dieses Phänomen wird auch als „Fear of Missing out“[3] (kurz: FOMO) bezeichnet, zu deutsch: die Angst, etwas zu verpassen. Das Phänomen ist nicht neu, hat aber durch Social Media eine neue Tragweite erlangt. Schließlich sind gerade soziale Netzwerke wie Instagram, aber auch Videoportale wie TikTok und YouTube darauf ausgerichtet, ihre Nutzer:innen so lange wie möglich online zu halten. All diese Angebote sind kostenlos und finanzieren sich vornehmlich über Werbung, die den Nutzer:innen eingeblendet wird.

Aber auch die nutzergenerierten Stories[4] auf Instagram und WhatsApp u. a. sind es, die die Nutzer:innen ständig wieder anziehen. Schließlich sind sie nur 24 Stunden online, bevor sie wieder verschwinden und man sie verpasst hat (vgl. auch Artikel Von Streams & Stories). Sich gegen diese ständige Anziehungskraft der ganzen Apps auf dem Smartphone zu wehren, fällt den Jugendlichen eher schwer. Nur ein Drittel der Befragten (32 %) schaltet sein Handy regelmäßig bewusst aus, um Zeit für sich selbst zu haben.

Social Media: Zeitvertreib – Unterhaltung – Inspiration

Der digitale Stress, den WhatsApp und viele Social-Media-Angebote bei Jugendlichen verursachen, wirkt sich jedoch nicht negativ auf die Beliebtheit der Dienste aus. Während der Messenger WhatsApp für die 12- bis 19-Jährigen der wichtigste Dienst zur Kommunikation ist (85 % nutzen WhatsApp täglich), fallen die Nutzungsmotive der verschiedenen Social-Media-Angebote ganz unterschiedlich aus.

So nutzen 92 % der Jugendlichen Social Media, um sich die Langeweile zu vertreiben und 86 % nutzen die Angebote zu Unterhaltungszwecken – allem voran mit YouTube und TikTok. Instagram dient den Befragten eher dazu, eigene Beiträge zu posten und mitzubekommen, was gerade wichtig ist, aber auch um neue Leute kennenzulernen. Wer sich inspirieren möchte oder sich darüber informieren möchte, was in der Welt so los ist, greift vorrangig auf YouTube und Instagram zurück. Nur die Hälfte (51 %) der Jugendlichen nutzt Social Media, um neue Leute kennenzulernen – vornehmlich über Instagram.

Bewusstsein für Datenschutz wenig ausgeprägt

Im Hinblick auf den Schutz ihrer Daten fühlen sich über zwei Drittel 12- bis 19-Jährigen auf den verschiedenen Messengern und Social-Media-Angeboten sicher oder sehr sicher. Das ist in zweierlei Hinsicht bedenklich: 1. Auf Social Media geben Nutzer:innen mittels ihrer geteilten Fotos, Videos und Posts häufig viel Privates über sich preis – nicht selten sogar auf öffentlichen Profilen. 2. Social-Media-Angebote speichern darüber hinaus viele personenbezogene Daten, die weit über das hinaus gehen, was die Nutzer:innen selbst über sich preisgeben – vom Nutzungsverhalten, über Interessen, Vorlieben, Abneigungen bis hin zu politischen und sexuellen Ausrichtungen usw. Jugendlichen fehlt jedoch oftmals das Bewusstsein dafür, welche Daten überhaupt gespeichert werden, was ihre Posts über sie verraten und wofür diese Daten missbraucht werden können. So können beispielsweise anhand von Wohnort, Hobbys, Fotos mit Standort etc. sehr leicht Bewegungsprofile erstellt werden – und zwar auch von anderen, neugierigen Nutzer:innen (vgl. dazu Erklärvideo Ich habe doch eh nichts zu verbergen).

Die Jüngeren haben besonders wenig Sicherheitsbedenken, während die älteren Jugendlichen etwas kritischer auf den Datenschutz blicken. So fühlen sich 59 % der 12- bis 13-Jährigen bei WhatsApp sicher, aber nur 42 % der 18- bis 19-Jährigen. Bei Instagram sinkt der Anteil von 64 % auf 48 %. Ähnliche Tendenzen sind auch bei Snapchat (12–13 Jahre: 68 %, 18–19 Jahre: 52 %) und TikTok (12–13 Jahre: 64 %, 18–19 Jahre: 42 %) zu verzeichnen. Damit fühlen sich aber immer noch ziemlich viele – nämlich rund die Hälfte – der jungen Erwachsenen sicher oder sehr sicher bei den verschiedenen Angeboten.

Dokusoap / Scripted Reality ist das liebste Fernsehformat

Vier Fünftel der Jugendlichen schauen mehrmals pro Woche oder täglich fern, vornehmlich über ein stationäres Fernsehgerät. Das Fernsehen steht damit an Stelle vier der liebsten Medienbeschäftigungen in der Freizeit der 12- bis 19-Jährigen. Laut Eigenschätzung sehen sie dabei durchschnittlich 132 Minuten am Tag – und zwar am liebsten Dokusoap- bzw. Scripted-Reality-Formate.

Daneben stellt das Fernsehen auch die wichtigste Informationsquelle für Jugendliche dar. Ein Drittel (32 %) der Jugendlichen nutzt das Fernsehen, um sich über Nachrichten und aktuelle Themen zu informieren; ein Fünftel (22 %) nutzt dafür das Radio. Darüber hinaus wird auch das Internet ganz allgemein (21 %) zur Informationsbeschaffung genutzt, vor allem die Google News (14 %), Instagram (12 %) und YouTube (11 %). 

Falschnachrichten, Verschwörungstheorien & Beleidigungen gehören zum Alltag

Das Internet nimmt somit eine wichtige Rolle in der Informationsbeschaffung ein. Dies ist insbesondere vor dem Hintergrund zunehmender Falschnachrichten und Verschwörungstheorien relevant, die im Zuge der Coronapandemie seit 2020 und der Bundestagswahl 2021 stärker in den Fokus gerückt sind. Vor allem Jugendliche werden immer häufiger damit konfrontiert. So geben 51 % der 12- bis 19-Jährigen an, im letzten Monat vor der Befragung auf Verschwörungstheorien gestoßen zu sein (im Vergleich 2020: 43 %), 42 % sind auf Fake News gestoßen (im Vergleich 2020: 34 %) – Tendenz steigend. 

Daneben gehören auch Hassbotschaften und beleidigende Inhalte im Internet mittlerweile zum Medienalltag vieler Jugendlicher dazu. Erschreckend ist vor allen Dingen, dass die Jüngeren deutlich häufiger solchen Inhalten begegnen: So sind im letzten Monat vor der Befragung 59 % der 12- bis 13-Jährigen auf Fake News gestoßen, aber nur 27 % der 18- bis 19-Jährigen. Etwa drei Viertel (74 %) der 12- bis 13-Jährigen sind auf Verschwörungstheorien gestoßen, von den 18- bis 19-Jährigen hat dies nur ein Drittel angegeben. Hinsichtlich beleidigender Inhalte sieht es nicht anders aus: Zwei Dritteln der 12- bis 13-Jährigen sind beleidigende Kommentare begegnet, dahingegen nur einem Drittel der 18- bis 19-Jährigen. Selbst Hasskommentare wurden von den 12- bis 13-Jährigen fast doppelt so häufig (81 %) wahrgenommen wie von den 18- bis 19-Jährigen (42 %).

Woran das liegt, geht aus der Studie nicht hervor. Möglicherweise definieren ältere Jugendliche Inhalte wie Fake News, Verschwörungstheorien, Hasskommentare & Co. enger oder können bereits eine bessere Einordnung vornehmen. Es ist aber auch nicht auszuschließen, dass ältere Jugendliche aufgrund ihrer längeren Medienerfahrung bereits stärker an solche Inhalte gewohnt sind und sie daher nicht mehr dezidiert wahrnehmen.

Über die JIM-Studie

Die JIM-Studie 2021 – Jugend, Information, Medien ist am 30. November 2021 erschienen. Sie wird seit 1998 jährlich vom Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest (mpfs) herausgegeben und stellt repräsentative Basisdaten zum Medienalltag von Jugendlichen in Deutschland vor. Der mpfs, als Kooperation der beiden Medienanstalten von Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, führt die JIM-Studie gemeinsam mit dem Südwestrundfunk (SWR) durch. Für die JIM-Studie 2021 wurden 1.200 Jugendliche im Alter zwischen 12 und 19 Jahren im Zeitraum vom 1. Juni bis 11. Juli 2021 anhand von telefonischen Interviews (70 %) und Online-Fragebögen (30 %) befragt. Die vollständige Studie findet sich hier.

 

Studie: Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (mpfs): JIM-Studie 2021 – Jugend, Information, Medien, https://www.mpfs.de/fileadmin/files/Studien/JIM/2021/JIM-Studie_2021_barrierefrei.pdf (abgerufen am 02.12.2021).

1. Push-Benachrichtigungen sind eine Form von Textnachrichten, die direkt auf dem Homebildschirm des Smartphones angezeigt werden, sobald eine App den:die Nutzer:in über etwas informieren möchte, z. B. über eine neue Nachricht bei WhatsApp, einen neuen Post bei Instagram, eine:n neue:n Follower:in bei TikTok. Dank der Push-Benachrichtungen müssen Nutzende nicht erst die jeweilige App öffnen, um nach neuen Inhalten zu sehen, sondern sie werden automatisch informiert. Das kann – je nach App – auch zu einem Überdruss an Nachrichten führen, wenn eine Social-Media-App wie Instagram beispielsweise über neue Posts, neue Follower:innen, neue Likes, neue Kommentare usw. informiert – jedes einzelne Mal. Push-Benachrichtigungen können je App auch deaktiviert werden.

2. In vielen Schulklassen erstellen die Schüler:innen einer Klasse einen gemeinsamen Gruppenchat für die gesamte Klasse, dieser wird meist „Klassenchat“ genannt. Dieser Klassenchat gehört oftmals schon ganz selbstverständlich dazu, spätestens ab dem Zeitpunkt, ab dem der Großteil der Schüler:innen in der Klasse über ein eigenes Smartphone verfügt. Der Ursprungsgedanke des Klassenchats war es, dort schulbezogene Fragen schnell klären zu können und gemeinsame Absprachen treffen zu können (etwa: Wo treffen wir uns morgen? Bis wann müssen wir die Hausaufgabe in Geschichte machen? Fällt die erste Stunde jetzt morgen aus oder nicht?). Viele Schüler:innen sind vom Klassenchat jedoch schnell genervt, weil dieser oftmals völlig unreguliert bleibt und eher folgende Inhalte den Chat dominieren: Begrüßungen, Smileys, Sticker, Spam, Sprachnachrichten, Privatgespräche, Lästereien, Mobbing etc.

3. Vgl. auch Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik: Fear Of Missung Out – FOMO, https://lexikon.stangl.eu/17010/fear-of-missing-out-fomo (abgerufen am 02.12.2021).

4. Die Stories sind eine Funktion sozialer Netzwerke, bei der Nutzende eine Art Slideshow aus Bildern, Videos und Texten erstellen können, die beim Anklicken automatisch nacheinander abgespielt werden. Das Besondere daran: Stories sind nur für 24 Stunden sichtbar.

Autorin

Jenny F. Schneider studierte an der Universität Leipzig Theaterwissenschaft, Psychologie und Journalistik mit dem Schwerpunkt Medienpädagogik. Seit 2012 arbeitet sie als freiberufliche Medienpädagogin und leitet medienpädagogische Workshops, Projekte und Fortbildungen im schulischen und außerschulischen Bereich. Im gleichen Jahr begann ihre Zusammenarbeit mit der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF), wo sie u. a. bei der Studie Scripted Reality auf dem Prüfstand sowie der Aktualisierung des Projekts Faszination Medien mitwirkte. Seit 2017 gehört sie zum festen Team der Medienpädagogik der FSF.

[Bild: privat]
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