Playlist

Die Vielfalt dokumentarischer Formen

Überblick anhand von Beiträgen zu Klimawandel und Nachhaltigkeit

Christian Kitter, Dirk Uhlig

Medienradar, 11/2021

Dokumentarische Formen in den Medien sind vielfältig. Heutzutage gibt es für dokumentarische Medienformate die unterschiedlichsten Produktions-, Distributions- und Rezeptionspraktiken. So kann darunter beispielsweise der klassische Dokumentarfilm oder die Fernsehdokumentation verstanden werden, aber auch Podcasts, bestimmte YouTube-Videos und Stories auf Social-Media-Kanälen können dazu zählen. Die Entstehung neuer, hybrider Formattypen erschwert dabei zunehmend die Definition eindeutiger Genregrenzen. Die Playlist beschreibt die Merkmale verschiedener dokumentarischer Formate und Sendungstypen exemplarisch anhand von Beiträgen zu Klimawandel und Nachhaltigkeit.

Breaking News
Wetterkatastrophe in Deutschland
RTL/ntv Spezial, live übertragen am 15.07.2021

Breaking News sind kurze Eilmeldungen, die aufgrund ihrer Aktualität oft das laufende Programm unterbrechen und ohne Zeitverzug direkt gesendet werden.

Aufgrund des Unwetters im Westen Deutschlands wurde am 15.07.2021 der Eifelort Schuld verwüstet – dutzende Menschen galten als vermisst. Diese Nachricht wurde in vielen Sendungen mittels einer Breaking News aufgegriffen.

Kurzmeldung
Karlsruhe: Politik muss Klimagesetze nachbessern – jüngere Generationen benachteiligt
Euronews, 04/2021

Die Kurzmeldung ist eine journalistische Darstellungsform im Bereich der Nachrichten, die kurz und knapp über ein aktuelles Ereignis informiert. Kurzmeldungen im Fernsehen werden für gewöhnlich mithilfe von bewegten Bildern in 20 bis maximal 60 Sekunden präsentiert.

Euronews informierte in dieser Kurzmeldung vom 29.04.2021 über die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe, dass die Politik in Deutschland das Klimaschutzgesetz von 2019 nachbessern muss.

Bericht
Globaler Klimastreik: Die Macht der Fridays-for-Future-Bewegung
NANO, 3sat, ZDF, 24.09.2021

Ein Bericht kombiniert verschiedene journalistische Formen wie Interview, Reportage-Bilder oder O-Töne und Off-Text miteinander, um – im Gegensatz zur subjektiven und ausführlicheren Darstellung in der Reportage – ein Ereignis möglichst von allen Seiten objektiv, jedoch kurz und knapp zu beschreiben.

Das 3sat-Magazin NANO berichtete in einem Beitrag noch am selben Tag (24.09.2021) vom 8. Globalen Klimastreik der Fridays for Future-Bewegung in Hamburg.

 

Liveübertragung
Live: #Fridays for Future in Hamburg mit Greta Thunberg
tagesschau, ARD, 2019

Liveübertragungen – auch Direktübertragungen genannt – sind Ton- oder Bildaufnahmen, die in Echtzeit, also während sie entstehen, im Fernsehen oder Hörfunk ausgestrahlt werden. Liveübertragungen dienen der aktuellen Berichterstattung. Sie sind bei großen Veranstaltungen, beispielsweise bei Fußballspielen und anderen Sportereignissen, sowie bei Fernsehshows, Talkshows, selten auch bei Fernsehserien oder ‑filmen üblich.

Am 01.03.2019 berichtete ein Journalist der Tagesschau live vor Ort von der Fridays for Future-Kundgebung mit Greta Thunberg am Hamburger Rathausplatz. 

Live-Interview
Wer zahlt für die Klimakrise?
Live-Interview mit Luisa Neubauer und Prof Karen Pittel, ZDFheute live, ZDF, 01.11.2021

Das Live-Interview – als Sonderfall der Liveübertragung – ist die Ton- oder Bildübertragung eines Interviews, das in Echtzeit als Bestandteil aktueller Berichterstattung im Fernsehen oder Hörfunk ausgestrahlt wird. 

In ZDFheute live vom 01.11.2021 wurde Luisa Neubauer direkt vom Klimagipfel in Glasgow ins ZDF-Studio zugeschaltet und live interviewt.

Reportage
neuneinhalb – Deine Reporter: Singvögel in Gefahr
neuneinhalb – Die Reporter, WDR, 2019

Eine Reportage ist ein deutlich ausführlicherer Bericht, der in lebendiger Weise (z. B. durch den Einsatz von Interviews, Kommentaren o. Ä.) über aktuelle Ereignisse berichtet und seine Fakten durch die Vor-Ort-Recherche des Reporters gewinnt. Die Reportage beruht also auf authentischen und einmaligen Beobachtungen des Reporters, greift das Thema zumeist in Form einer Geschichte auf und lässt den:die Zuschauer:in am Geschehen teilhaben. Erzählt wird mit Spannungsbogen, Anfang und Ende. Im Gegensatz zur Dokumentation ist die Reportage eine subjektive Darstellungsform.

In der Sendung neuneinhalb – Die Reporter begibt sich Reporterin Mona auf die Suche nach Gründen für den Rückgang der Singvogelpopulationen in Deutschland. 

Wissenschafts- und Politikjournalismus auf Kanälen von Youtuber:innen
Zerstörung Teil 2: Klima-Katastrophe
Renzo, YouTube, 04.09.2021

„Wissenschafts- und Politikjournalismus auf YouTube“ ist kein etablierter Begriff einer journalistischen Form, wie z. B. der „Bericht“ oder die „Reportage“. Es handelt sich eher um ein junges, dokumentarisches Format der wissenschaftlich und politisch orientierten journalistischen Arbeit im Internet. Bekannt geworden ist das Format einer breiten Zuschauerschaft durch den von Mai Thi Nguyen-Kim betriebenen YouTube-Kanal maiLab, der sich mit diversen Themen aus den Bereichen der Natur- und Gesellschaftswissenschaften beschäftigt.

Das Format lässt sich als eine Art „subjektiver Journalismus“ bezeichnen, bei dem der Anspruch auf Transparenz durch eine umfangreiche und nachprüfbare Quellensammlung sowie die Form der Darstellung und Präsentation im Vordergrund stehen. Im Spannungsbogen zwischen Journalismus und Unterhaltung wird die eigene Haltung mittels faktenreicher Analysen von Inhalten und logisch begründeter Argumentationen präsentiert. Das Auslösen von gesellschaftlichen Debatten ist dabei durchaus erwünscht und durch eine große Reichweite jederzeit möglich.

Im Medienbeispiel Zerstörung Teil 2: Klima-Katastrophe widmet sich der Youtuber Rezo der deutschen Klimapolitik.

Tweet
Klimawandel und Flucht – wie hängt das zusammen?
Tweet der UNO-Flüchtlingshilfe, Twitter, 29.10.2021

Das Wort „Tweet“ stammt von dem englischen Verb „to tweet“, dt.: „zwitschern“. Ein Tweet ist eine bis zu 140 Zeichen lange Meldung, die von Nutzer:innen über den Microblogging-Dienst Twitter versandt wird und für Nutzende in einer Liste nach Veröffentlichungsdatum sortiert wird. Über Twitter werden sehr häufig Nachrichten aus anderen Medien verbreitet, die für interessant befunden werden. Im Unterschied zu anderen sozialen Netzwerken wie Facebook muss die Person, der man folgen will, dem nicht zustimmen. Über Twitter sind deswegen auch viele Menschen verbunden, die sich nicht kennen, sich aber für ähnliche Themen interessieren.

Der Tweet der UNO-Flüchtlingshilfe vom 29.10.2021 erklärt die Zusammenhänge von Klimawandel und Flucht in einem einminütigen Videobeitrag.

Story
Live from Berlin!! – Global Climate Strike No. 8
Instagram-Story von Luisa Neubauer, Instagram, 24.09.2021

Stories bezeichnen eine Funktion, die mittlerweile fast alle großen sozialen Netzwerke wie Facebook, Instagram oder Snapchat beinhalten. Es handelt sich dabei um kurze, zeitlich begrenzte Clips, die in den meisten Fällen nach einer bestimmten Zeit (i. d. R. 24 h) automatisch „ablaufen“ und dann nicht mehr verfügbar sind. Häufig verwenden Nutzer:innen Stories, um (tagesaktuelle) Erlebnisse zu erzählen, Statusmeldungen zu geben oder Informationen zu teilen. Stories bestehen meist aus Bild- und/oder Videomaterial und können durch verschiedene Elemente wie z. B. Texte, Animationen, Emojis, Musik oder Standortangabe ergänzt werden. In den meisten Fällen können die Nutzer:innen sehen, wer sich ihre Story angeschaut hat. Darüber hinaus gibt es mittlerweile verschiedene Funktionen, um z. B. die Sichtbarkeit der Story für bestimmte Personengruppen einzuschränken oder Stories über ihren „Ablaufpunkt“ hinaus zu speichern und dauerhaft im Profil anzuzeigen.

Luisa Neubauer postete die Instagram-Story am 24.09.2021 live vom 8. Globalen Klimastreik der Fridays for Future-Bewegung aus Berlin.

Erklärfilm
Was sind Hindernisse für Nachhaltigkeit?
ARD-alpha, ARD, 10/2021

Erklärfilme dienen dazu, bestimmte technische, organisatorische, gesellschaftliche, ökonomische oder wissenschaftliche Sachverhalte und Abläufe zu erklären. Sie können in ihrer Länge variieren, dauern meist aber nur wenige Minuten. Für die Ersteller:innen liegt die besondere Herausforderung darin, komplexe Sachverhalte möglichst kompakt und verständlich zusammenzufassen und den Zusehenden zu vermitteln.

Der Beitrag Was sind Hindernisse für Nachhaltigkeit? von ARD-alpha geht der Frage nach, warum sich nicht mehr Menschen für Nachhaltigkeit einsetzen und betrachtet die Rahmenbedingungen für Nachhaltigkeit näher.

Podcast
Umwelt-Psychologie - Warum handeln wir nicht nachhaltig?
Podcast Klimazentrale - Der Talk zu Klima & Umwelt, SWR Aktuell, 07/2021

Ein Podcast ist eine Sammlung von einzelnen Medienbeiträgen (Folgen/Episoden) zu einem übergeordneten Thema, die sowohl im Audio- als auch im Videoformat entstehen können und in der Regel kostenlos sind. Podcasts können eher bildungsorientierte Themen behandeln und z. B. politische, kulturelle, historische oder gesellschaftliche Interessen bedienen oder in Form von Krimi-, Sport- oder Comedypodcasts der reinen Unterhaltung dienen.

Podcasts können fiktional oder – wie in unserem Ausschnitt der Episode Umwelt-Psychologie - Warum handeln wir nicht nachhaltig? des Podcasts Klimazentrale - Der Talk zu Klima & Umwelt – dokumentarisch sein.

Dokumentation
Klimawandel - Die Macht der Lobbyisten
ARTE, 10/2021

Als Dokumentation werden vor allem journalistische Beiträge bezeichnet, die sich auf sachliche und deskriptive Weise der Wiedergabe tatsächlich geschehener, meist aktueller oder zeitgeschichtlicher Ereignisse widmen und diese versuchen zu erklären. Der eigene, subjektive Standpunkt der Filmemacher:innen tritt – im Gegensatz zum künstlerischen Dokumentarfilm – zurück. Oft basieren Dokumentationen auf Interviews, Beobachtungen und einem starken Off-Kommentar. Um das Thema in seiner Komplexität aufzuzeigen und in größere Zusammenhänge zu stellen, kann sich die Dokumentation stilistisch und formal verschiedener Methoden der Darstellung bedienen. Auch wenn Dokumentationen versuchen, meist sachlich und weniger subjektiv vorzugehen, können auch sie immer nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit und nie die reine, objektive Wahrheit zeigen.

Der Ausschnitt zeigt das Intro der Dokumentation Klimawandel - Die Macht der Lobbyisten (ARTE, 2021), in der Meinungsmache und gezielte Lobbyarbeit großer Ölkonzerne und Interessenverbände entlarvt werden.

Feature
Anthropozän – Naturgewalt Mensch
Terra X, 3sat/ZDF, 2021

Das Feature ist eine erweiterte Form der Dokumentation. Während in Dokumentationen das Thema bzw. die Geschehnisse in der Realität sachlich deskriptiv behandelt werden, wählen Features häufig neben den authentischen Elementen kreativere Darstellungsweisen (wie szenische Elemente, ungewöhnliche Erzählperspektiven, kontroverse Argumentationswege) und widmen sich umfassend komplexen Fragestellungen zum Sachverhalt.

Das Feature Anthropozän – Naturgewalt Mensch aus der Wissensreihe Terra X beschreibt mittels zahlreicher Experteninterviews in aufwendigen Bildern und szenischen Reenactments eine Reise durch mehrere Kontinente und 10.000 Jahre Menschheitsgeschichte und erforscht dabei den eindrucksvollen, aber zugleich auch beängstigenden „Fußabdruck des Menschen“.

Dokumentarfilm, Kurzform
Luisa
Dokumentarfilm in der Reihe Ab 18!, 3sat/ZDF, 2020

Dokumentarfilme zeigen Situationen, Menschen und Dinge, die es so gibt oder gegeben hat. Anders als in Spielfilmen, bei denen die Inszenierung einer meist fiktionalen Geschichte mit Schauspieler:innen die Filmerzählung bildet, stehen im Dokumentarfilm Menschen vor der Kamera, die keine Rolle spielen, sondern als „sie selbst“ im Film agieren bzw. der Kamera Einblicke in ihr Leben gewähren. Dabei ist zu beachten, dass in Dokumentarfilmen meist versucht wird, den wirklichen Begebenheiten und Tatsachen zu entsprechen. Jedoch sind auch Dokumentarfilme keine objektiven Abbilder der Wirklichkeit, denn auch sie können diese nur in Ausschnitten zeigen und sind geprägt durch die Subjektivität der Filmemacher:innen. 

Die Kurzform des Dokumentarfilms wird in der Regel für das Fernsehen produziert und überschreitet selten eine Länge von 60 Minuten.

Der Dokumentarfilm Luisa aus der Dokumentarfilmreihe Ab 18! porträtiert die Klimaaktivistin Luisa Neubauer auf und hinter den politischen Bühnen.

Dokumentarfilm, Langform
Ich bin Greta
WDR, 2020

Die Langform des Dokumentarfilms entspricht dem üblichen Kinoformat von 90 Minuten und mehr. Dokumentarfilme in der Langform sind zumeist fürs Kino produziert, werden jedoch in einer Zweitauswertung häufig im Fernsehen gezeigt. Ansonsten unterscheiden sich die Merkmale eines längeren Dokumentarfilms nicht von denen einer Kurz-Dokumentation (siehe Medienbeispiel 14/15).

Die WDR-Produktion Ich bin Greta begleitet die Klimaaktivistin Greta Thunberg über einen längeren Zeitraum und zeichnet ein einfühlsames und eindringliches Porträt.

 

Zusammengestellt von

Christian Kitter ist gelernter Erzieher und studierte an der Freien Universität Berlin Erziehungswissenschaften mit dem Schwerpunkt Medienpädagogik. 1996 begann er seine Tätigkeit als Medienpädagoge bei der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen. Schwerpunkt seiner Arbeit waren Grundschulprojekte zur Vermittlung von Medienkompetenz im Unterricht. Als leitender Redakteur war er für die Entwicklung digitaler Materialien für den Einsatz in Schule und Jugendarbeit verantwortlich (Krieg in den Medien, Faszination Medien), die in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung entstanden.

[Bild: Sandra Hermannsen]
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Zusammengestellt von

Dirk Uhlig arbeitete bereits seit 2007 als freier Gestalter eng mit dem Medienpädagogik-Team der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) für die Entwicklung und Umsetzung der Projekte Krieg in den Medien und Faszination Medien zusammen. Seit 2017 gehört er zum festen Team der Medienpädagogik der FSF. Nebenbei ist er als freier Dokumentarfilmschaffender tätig.

[Bild: privat]
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