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Wer hat eigentlich den Rap erfunden?

Entstehungsgeschichte, Werte und Genres des Rap

Christian Kitter

Medienradar, 04/2020

Rapmusik ist nicht nur ungemein erfolgreich, sie polarisiert auch ihre Hörer*innenschaft. Für Jugendliche ist sie eine Art politisches Sprachrohr der „Unterdrückten“ mit großer subversiver Kraft. Für Erwachsene hingegen stehen die expliziten Songtexte sowie der prahlerische Habitus der Rapper*innen, besonders im Sub-Genre Gangsta-Rap, meist stellvertretend für einen kulturellen Verfall: Frauenfeindlichkeit, Homophobie, Antisemitismus und Gewaltverherrlichung sind dabei die häufigsten Vorwürfe. Doch Rapmusik ist nicht nur kontrovers, sondern auch vielfältig. Mit den Jahren ist eine große Bandbreite an lyrischen und musikalischen Ausdrücken entstanden. Sie hat sich von ihren Anfängen in den New Yorker Armutsvierteln der 1970er-Jahre bis in den heutigen Mainstream hinein entwickelt. Wer die Faszination für heutige Rapmusik verstehen will, muss sich mit ihrer Geschichte, den Werten und den unterschiedlichen Genres auseinandersetzen.

Der Rap und seine Ursprünge

Obwohl im Sprachgebrauch selten zwischen Rap und Hip-Hop unterschieden wird, ist die Rapmusik doch nur eine musikalische Teildisziplin des Hip-Hop. Andere, medial weit weniger Aufmerksamkeit erregende Formen des Hip-Hops sind das Breakdancing, das Graffiti-Writing und das DJing, also das Abspielen von individuell ausgesuchter Musik vor Publikum. Zusammengenommen ergeben diese unterschiedlichen Bereiche die Hip-Hop-Kultur, die weltweit größte Jugendkultur. Die Ursprünge des Hip-Hop finden sich vor allem in den politischen Verhältnissen in den USA der 1960er- und 70er-Jahre. Ein ökonomischer Niedergang US-amerikanischer Innenstädte führte zu hohen Arbeitslosenraten und schlechten sozialen Bedingungen. Vor allem in den New Yorker Stadtteilen Bronx, Harlem und Brooklyn stieg die Kriminalitätsrate aufgrund von sozialen Ungerechtigkeiten enorm an und Straßengangs begannen, die öffentliche Ordnung selbstverantwortlich zu organisieren. Vor allem die Bronx wurde zum Symbol eines urbanen Verfalls. Von der Politik im Stich gelassen, begann die überwiegend schwarze Bevölkerung sich gegenseitig zu bekämpfen. Aus dieser Verzweiflung heraus fand sie im Hip-Hop eine künstlerische und friedvolle Form, sich Gehör zu verschaffen – und startete damit eine Art kulturelle Revolution.

Der Rap (englisch to rap: „plaudern“, „schwatzen“) als schneller, rhythmischer Sprechgesang hat seine musikalischen Ursprünge in der afroamerikanischen Kultur. Schon in den sogenannten „work songs“, den Parolen und Gesängen der Feldarbeiter*innen, und in den Gottesdiensten der afroamerikanischen Kirchen sowie später, ab Ende der 1960er-Jahre, auf den Protestveranstaltungen der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung Civil Rights Movement fanden sich politische Botschaften, die sich als Rhythmen zwischen Gesang und Sprechgesang bewegten. Die DJs der 1970er-Jahre griffen diese Formen auf und verwendeten zunehmend Kommentare in Reimen zum Rhythmus ihrer Musik. Auf selbstorganisierten Straßenfesten, den Block Partys, starteten sie eine Form musikalischen Wettbewerbs, bei dem sie über die von mitgebrachten Stereoanlagen abgespielte Musik einfache Reime sprachen. Mit steigender Popularität begleiteten die DJs ihre Musik stimmlich nicht mehr selbst, sondern engagierten eigens dafür sogenannte Masters of Ceremony (MCs).

Daraus entwickelte sich mit der Zeit durch immer längere und elaboriertere Texte eine komplexere Sprechgesangspraxis, die ab da als „rappen“ bezeichnet wird. Die MCs, heute nur noch Rapper*innen genannt, begannen, ihre Ansichten und Gefühle stärker zum Ausdruck zu bringen und einen persönlicheren Stil zu entwickeln, sodass sie bald die Rolle der DJs in den Hintergrund stellten.

Der Rap entwächst seinen Kinderschuhen: unterschiedliche Stile und Genres entstehen

1977 veranstaltete die damals erfolgreichste Hip-Hop-Band Grandmaster Flash vor über 3.000 Zuschauer*innen zum ersten Mal ein Konzert außerhalb der sozialen Brennpunkte New Yorks.

Ihr 1982 entstandener Rap-Song „The Message“ befasste sich kritisch mit den Lebensumständen in der New Yorker Bronx und dem harten Alltag auf der Straße und begründete damit zum ersten Mal einen großen kommerziellen Erfolg der Musikrichtung. Gleichzeitig trat der Song eine Welle von Texten los, in denen ernsthaftere, meist gesellschaftlich brisante Fragen thematisiert wurden. Seit dieser Zeit gilt Rap für benachteiligte Afroamerikaner*innen als Chance, im gesamtgesellschaftlichen Diskurs eine Stimme zu erhalten. Durch künstlerisches Können, Willen und Leistungsbereitschaft können Ansehen, Status und Zugehörigkeit entwickelt werden.

Mit zunehmender Popularität prägten sich in den weiteren Jahren unterschiedliche Rap-Stile aus. Kernthemen wie Kriminalität und Drogen wurden häufig angeprangert und kritisiert. Diese politische und sozialkritische Form des Rap, auch Conscious-Rap genannt, ist kein eigenes Subgenre, sondern beschreibt eher die bewusste Auseinandersetzung mit ernsteren Themen und Missständen.

Dagegen stand in den 1990er-Jahren in den USA ein aggressiveres, gewaltorientiertes Genre der Rapmusik im Mittelpunkt – der Gangsta-Rap. Er konzentrierte sich in den Texten vor allem auf die kriminellen Aspekte des Ghettolebens und glorifizierte diese. In teils derber und vulgärer Sprache wurde über Mord, Drogenkonsum, Drogenhandel und Zuhälterei gerappt. Nicht selten wurde den Interpret*innen Gewaltverherrlichung, Rassismus, Homophobie und die Befürwortung von Drogen vorgeworfen. Ihre „Täter*innen-Rolle“ wurde als existenzielle Notwendigkeit glorifiziert.

Diese aggressive Verbrecher*innenattitüde kam bei den Jugendlichen der weißen Mittelschicht gut an und weckte das Interesse vieler Musikkonzerne, die in der kriminellen Szene verstärkt nach vermarktungswürdigen Rapper*innen Ausschau hielten, um diese zu Stars aufzubauen und ihr Negativ-Image zu pflegen. Feindschaften zwischen den Künstler*innen wurden geschürt und unterstützt – ganz egal, ob diese echt waren oder gespielt. Höhepunkt dieser Strategie war ein regelrechter „Krieg“ zwischen den Rap-Labeln und deren Vertreter*innen der Westcoast und der Eastcoast, wo der Gangsta-Rap Hardcore-Rap genannt wurde. Diese Konflikte eskalierten 1996 und 1997, als die populären Rapper Tupak Shakur und Notorious B.I.G. erschossen wurden.

Im Anschluss begann sich der Gangsta-Rap zu wandeln. Nach wie vor wurde über Gewalt, Waffen, Drogenhandel und das Leben im Ghetto getextet, aber die Produktionen wurden sauberer und unkomplizierter, teils versetzt mit Samples bekannter Pop-Hits, um sich dem Geschmack eines noch breiteren Publikums anzupassen. Um die Jahrtausendwende änderten sich auch die Raptexte. Zunehmend wurde nicht mehr das harte Leben auf der Straße beschrieben, sondern der materielle Erfolg glorifiziert, der in diesem Leben entstehen kann. Statussymbole wie Schmuck, Autos, Kleidung und Frauen wurden zum prägenden Stil von erfolgreichen Rapper*innen – ein Bild, das bis heute das Image im Leben und in den Videos vieler Rapper*innen prägt.

Battle-Rap als ritualisierte Form des sprachlichen Wettstreits

Eine weiteres wichtiges Subgenre ist der Battle-Rap (englisch battle: „Kampf“, „Schlacht“), bei dem das Diffamieren (das „Dissen“) der Gegnger*innen, egal ob fiktiv oder real, und die übertrieben positive Darstellung der eigenen Person im Vordergrund stehen. Wie in einer Art Sportwettkampf werden Konflikte untereinander in einem musikalischen Battle ausgetragen. Das Ziel besteht nicht darin, tatsächlich Gewalt auszuüben, denn der Battle-Rap-Gedanke verfolgt ursprünglich eine friedliche Absicht: es gilt, den Gegner*die Gegnerin im Wettstreit mit möglichst fantasievollen Beleidigungen in Form von Reimen anzugreifen und reale Gewalt somit überflüssig zu machen.

Die Beleidigungen können zum einen in Battle-Tracks verpackt sein, bei denen Interpret*innen ihre „Disstracks“ an einen oder mehrere bestimmte Rapper*innen aus der Szene richten. Meist sind diese Songs in eine persönliche Fehde („beef“) mit den jeweils Anderen eingebettet, die nicht selten im realen Leben weitergeführt wird.

Die zweite Battle-Rap-Form findet organisiert und auf speziellen Veranstaltungen vor Publikum statt, ähnlich den bekannten Poetry-Slams. Beim „freestyle“ versuchen die Gegner*innen dann in einer Art sportlichem Wettkampf direkt auf die Reime des*der Anderen zu antworten und diese verbal zu überbieten. Meist wird vom Publikum durch die Lautstärke beim Applaus ein Sieger gekürt.

In den „Diss“-Attacken wird dem*der Gegner*in nicht nur die Fähigkeit zu rappen abgesprochen und seine*ihre Integrität in der Szene infrage gestellt, sondern es wird auch mit der eigenen sexuellen Potenz geprahlt und die des Gegenübers ins Lächerliche gezogen. Dabei spielen Homophobie und Sexismus eine große Rolle. Gerade Beleidigungen, die den Gegner als verweichlicht bzw. unmännlich darstellen, finden häufig Verwendung. Auch die Mütter oder Freundinnen des Gegners werden angegriffen und beleidigt, was besonders kritisch gesehen werden kann, exponiert es doch ein tief sitzendes und frauenverachtendes Menschenbild in unserer Gesellschaft.

Es gibt jedoch viele Künstler*innen, die versuchen, dem Bild des frauenfeindlichen, homophoben, auf Statussymbole fixierten Rappers ganz bewusst etwas entgegenzusetzen. So möchten zum Beispiel Vertreter*innen des Queer-Rap in der heterodominanten Raplandschaft traditionelle Geschlechterrollen unterwandern und die Grenzen des Hip-Hops künstlerisch erweitern. Vielleicht noch nicht erfolgreich genug, um als eigenes Subgenre zu gelten, gibt es inzwischen eine ganze Reihe homosexueller Künstler*innen, die in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden.

Derzeit gibt es einen Trend zu deutlich tanzbaren, fast poppigen, Rap-Songs, der zu Diskussionen über den musikalischen Ursprung und die Relevanz neuer Entwicklungen führt. Aber Rap wird sich – wie alle anderen Musikformen auch – stetig verändern und weiterentwickeln. Was jedoch die Grundlage der Rap-Musik bleiben wird, ist der Ausdruck des Wunsches nach Autonomie und Selbstbestimmung von marginalisierten gesellschaftlichen Gruppen gegenüber der Fremdbestimmung durch privilegierte Schichten – selbst wenn sich im Songtext oberflächlich alles nur um Geld, Frauen und schicke Autos dreht.

Capital Bra VS Z Rap am Mittwoch, Battle-Rap mit den Rappern Capital Bra und Zehir, https://youtu.be/VXThOv7cUVw (abgerufen am 29.04.2020).

Denk, Felix: Yo! Stammbaum, in: fluter – Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung vom 23.08.2017, www.fluter.de/wie-entstand-eigentlich-der-rap#menu (abgerufen am 29.04.2020).

Dietrich, Marc: Rap als Forschungsgegenstand, in: Politik und Zeitgeschichte (APUZ 9/2018), www.bpb.de/apuz/265098/rap-als-forschungsgegenstand (abgerufen am 29.04.2020).

Grandmaster Flash ft. The Furious Five: „The Message“, Album: 100 Hollywood Movie Soundtrack Hits (Re-Recorded / Remastered Versions), Warner Music Group (WMG), https://youtu.be/4kjeWGQ175g (abgerufen am 29.04.2020).

Klein, Gabriele & Friedrich, Malte: Is this real? Die Kultur des HipHop, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2011.

N.W.A.: „Straight Outta Compton”, Album: Straight Outta Compton, Ruthless/Priority/EMI, https://youtu.be/TMZi25Pq3T8 (abgerufen am 29.04.2020).

Ogbar, Jeffrey O.G.: Rapkultur und Politik. Eine US-amerikanische Geschichte, in: Politik und Zeitgeschichte (APUZ 9/2018), www.bpb.de/apuz/265100/rapkultur-und-politik (abgerufen am 29.04.2020).

Schumacher, Holger: Themenforum: Straßenrap – Bedrohung oder Spiegelbild?, in: BPJM-Aktuell (3/2018), www.bundespruefstelle.de/blob/128960/c3ffe81e37d6da5f7537cbae4753b933/201803-strassenrap-data.pdf (abgerufen am 29.04.2020).

Autor

Christian Kitter ist gelernter Erzieher und studierte an der Freien Universität Berlin Erziehungswissenschaften mit dem Schwerpunkt Medienpädagogik. 1996 begann er seine Tätigkeit als Medienpädagoge bei der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen. Schwerpunkt seiner Arbeit waren Grundschulprojekte zur Vermittlung von Medienkompetenz im Unterricht. Als leitender Redakteur war er für die Entwicklung digitaler Materialien für den Einsatz in Schule und Jugendarbeit verantwortlich („Krieg in den Medien“, „Faszination Medien“), die in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung entstanden.

[Bild: Sandra Hermannsen]