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Deutscher Rap – von den Ursprüngen bis heute

Entwicklung und Szene

Christian Kitter, Markus Sator

Medienradar, 06/2020

Keine Musikrichtung in Deutschland ist derzeit so erfolgreich wie der Rap. Spätestens seit 2001 ist der deutsche Gangsta-Rap im Music Business konkurrenzfähig und prägt maßgeblich eine ganze Jugendkultur. Rapmusik ist allgegenwärtig – sie begegnet uns in der Filmmusik, als Werbesong oder als Einspieler bei Sportveranstaltungen. Die Rangliste der am häufigsten gestreamten Künstler*innen auf Spotify wird im Jahre 2019 von neun Deutschrappern angeführt. Aktuelle gesellschaftliche Themen wie Sexismus, Gewalt oder Drogen werden in den Songs auf so explizite und provozierende Weise inszeniert, dass sich weite Teile der Gesellschaft davon abgestoßen fühlen und eine verrohende Wirkung auf die Jugend befürchten. Der Artikel beleuchtet die Entwicklung der deutschen Gangsta-Rap-Szene von den Anfängen bis in die aktuelle Zeit.

Rap in Deutschland – alles anders?

Rap bleibt spätestens seit dem kommerziellen Erfolg in den USA nicht nur auf den englischsprachigen Raum beschränkt, sondern erfreut sich vor allem in Frankreich, wo in den Songs häufig die sozialen Missstände der Pariser Vorstädte besungen werden, und auch in Deutschland großer Beliebtheit.

Nachdem die Musik aus Amerika durch die in Deutschland stationierten Soldat*innen in den 1980er-Jahren ins Land kam und für kurze Zeit populär wurde, entwickelte sich hier der Hip-Hop eher aus einer Untergrundbewegung, bei der sich Sprayer*innen, Breakdancer*innen, DJs und Rapper*innen aus ganz Deutschland auf selbstorganisierten Partys in Jugendclubs trafen und dort im musikalischen Wettbewerb gegeneinander antraten. Vieles wurde aus der amerikanischen Szene kopiert. Auf Deutsch zu rappen galt anfangs als altmodisch und uncool, bis ein Mitglied der Gruppe Advanced Chemistry begann, erfolgreich in der Muttersprache zu freestylen. Wirklich populär wurde der Deutschrap erst in den 1990er-Jahren durch die Stuttgarter Band Die Fantastischen Vier.

Nach dem großen kommerziellen Erfolg ihrer Single „Die da?!“, vom bekannten Plattenlabel Sony/Columbia verlegt, hagelte es Kommerzvorwürfe von anderen Rapper*innen mit einer antikommerziellen Haltung. Es kam zu Auseinandersetzungen zwischen Vertretenden der „Alten Schule“, die eine ernsthaft politische Ausrichtung verfolgten, und den Rapper*innen der „Neuen Schule“, denen vorgeworfen wurde, nur den Spaß in den Vordergrund zu stellen und Rap nicht ernst zu nehmen.

Der Durchbruch zur Jahrtausendwende

Um die Jahrtausendwende war Deutschrap so erfolgreich, dass er zum Bestandteil der nationalen Popszene geworden war und es etablierten sich in den Großstädten Hamburg, München, Berlin, Düsseldorf und Frankfurt eigenständige Hip-Hop-Zentren, die jeweils unterschiedliche Rapstile ausprägten. Der Battle- und Gangsta-Rap wurde nun verstärkt – vor allem durch den Rapper Kool Savas – auch in Deutschland auf den Weg gebracht. Das 2001 gegründete Label Aggro Berlin schaffte es, durch gezielte Image-Kampagnen seine Künstler Sido, Bushido und Fler in kürzester Zeit gekonnt in Szene zu setzen und so „zum erfolgreichsten Independent-Label, das deutscher HipHop je hervorgebracht hatte“ (Szillus 2012, 52), zu werden. Die Künstler von Aggro Berlin waren es, die den gezielten Tabubruch kommerziell ausschlachteten. Zum größten Star des Labels wurde Sido, dessen 2004 veröffentlichter Song „Mein Block“ „zu einem der stilprägendsten Songs der deutschen HipHop-Geschichte“ wurde und „das vermeintliche deutsche Ghetto in den Mainstream“ (Saied 2012, 81) katapultierte.

„Realness“ und „Street Credibility“ wurden immer zentraler; die Raptexte wurden zunehmend von der Härte der Straße und der damit einhergehenden Faszination für soziale Verelendung, Gewalt und krimineller Handlungen dominiert. Gewaltverherrlichung, aber auch die Verwendung vulgärer Sprache führten immer wieder zur Indizierung von Tonträgern, wodurch eine mögliche Gefährdung von Jugendlichen – als wichtigste Zielgruppe der Musik – verhindert werden sollte.

Immer häufiger wurden Rivalitäten zwischen den Rapper*innen öffentlichkeitswirksam ausgetragen, so zum Beispiel zwischen Kool Savas und Eko Fresh, die sich nach erfolgreicher Zusammenarbeit aus künstlerischen Gründen trennten und sich von da an musikalisch „dissten“, oder auch zwischen Sido und Bushido, die sich nach ihrer gemeinsamen Zeit beim Label Aggro Berlin musikalische Kämpfe lieferten. Durch die Verbreitung des Internets konnte der „beef“ dann auch direkt in den sozialen Medien für alle nachvollziehbar weitergeführt werden.

Die Zehner-Jahre

Auch nach dem Ende des Labels Aggro Berlin im Jahre 2009 blieb Gangsta-Rap ein Dauerphänomen in den Massenmedien, nicht zuletzt da sich Szillus (2012, 59) zufolge „gewisse Verschränkungen von organisierter Kriminalität und der Gangsta-Rap-Szene“ entwickelten. Zum einen hätten Rapper*innen an Figuren aus der Unterwelt Schutzgeld gezahlt, um ihr hartes Gangster-Image aufrecht erhalten zu können. Zum anderen seien einige Künstler*innen wegen krimineller Handlungen ins Gerede gekommen. Xatar zum Beispiel, ein deutscher Rapper kurdischer Abstammung, sei nach einem Überfall auf einen Goldtransporter bei Ludwigsburg in den Irak geflohen, dort festgenommen, gefoltert und am Ende nach Deutschland ausgeliefert worden. Wer wie Xatar einen kriminellen Background vorweisen kann, erreicht so bei jugendlichen Fans in gewissen sozialen Kreisen fast schon Held*innenstatus.

In den Zehner-Jahren gab es einen stärkeren Einfluss von in Deutschland lebenden Migrant*innen auf die deutsche Hip-Hop-Szene. Viele arabische, türkische oder serbische Wörter fanden durch die Songs, in denen Themen wie Straßen- und Drogenhandel, Prostitution, Rassismus, Waffengewalt und die Chancenlosigkeit der Jugend eine große Rolle spielten, Einzug in die deutsche Jugendsprache. In der Kritik standen vor allem die teils sexistischen, homophoben, gewaltverharmlosenden und antisemitischen Songtexte.

Bisheriger Höhepunkt dieser öffentlichen Kritik ist der Skandal um die Rapper Kollegah und Farid Bang, die trotz ihrer äußerst expliziten, brachialen und aggressiven Texte („Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen“) 2018 mit dem Echo-Musikpreis ausgezeichnet wurden. Dieser wurde daraufhin von vielen Künstler*innen scharf kritisiert und infolgedessen abgeschafft.

Die aktuelle Szene

Heute zählt der Rap zu den erfolgreichsten Musikformen in Deutschland. Seine berühmtesten Vertreter*innen sind Millionär*innen, wohnen in Villen und prahlen mit ihren Luxusschlitten. Dieser Erfolg bringt es in der Konsequenz mit sich, dass sie die „Crime-Armut-Geschichten“ (Baum 2018), für die sie von ihren Fans geliebt werden, und die für ihre Street-Credibility stehen, selbst nicht mehr erleben.

Umso wichtiger ist die Inszenierung der eigenen Person und Geschichte in den sozialen Netzwerken. Capital Bra, dem aktuell erfolgreichsten Rapper Deutschlands, folgen auf Instagram mehr als vier Millionen Abonnent*innen, seinen YouTube-Kanal abonnieren über zwei Millionen Leute. Auf diesem Weg werden die Fans der Stars mittels Postings und Videos stündlich mit Geschichten rund um die eigene Person versorgt, um das gewünschte Image am Leben zu halten.

Dieses Image dreht sich um den eigenen Erfolg, es von „ganz unten“ nach „ganz oben“ geschafft zu haben, ohne der Verhaltensetikette der bürgerlichen Mehrheitsgesellschaft zu entsprechen. Die meisten der erfolgreichsten Deutschrapper*innen haben einen Migrationshintergrund, kommen aus sozial benachteiligten Milieus und sind schon in früher Jugend mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Dass sie es geschafft haben, sich trotz aller gesellschaftlichen Benachteiligungen und Ausgrenzungen durchzusetzen, es zu Wohlstand gebracht und dabei den Duktus des sozialen Außenseiters beibehalten haben, macht sie zu Vorbildern vieler Jugendlicher.

Dass es im deutschen Rap – die Übergänge vom Gangsta-Rap zum sozialkritischen Conscious-Rap sind oft fließend – nicht immer nur um Geld, Frauen und Drogen geht, beweisen unter anderem K.I.Z, Alligatoah oder Trettmann. Weibliche Protagonistinnen wie Loredana, SXTN, Leila Akinyi oder Eunique haben mit jeweils unterschiedlichen thematischen und stilistischen Schwerpunkten das Ende der Männerdomäne eingeläutet.

Ob die weiblichen Rapperinnen weiterhin so viel an Bedeutung gewinnen und irgendwann vielleicht gleichauf mit ihren männlichen Kollegen stehen, wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Es würde allerdings zum wandelbaren Image des Rap passen, wenn die aktuell stattfindende weibliche Emanzipation aufgegriffen und das Genre damit mal wieder zeitgemäß die gesellschaftlichen Bewegungen wiederspiegeln würde.

Baum, Antonia: Was hör ich da eigentlich?, in: ZEITONLINE vom 03.05.2018, www.zeit.de/2018/19/deutschrap-texte-frauenfeindlichkeit-antisemitismus/komplettansicht (abgerufen am 30.03.2020).

Die Fantastischen Vier: „Die Da?!”, Album: 4 Gewinnt, Columbia, https://youtu.be/VUosAGDM8Sg (abgerufen am 30.03.2020).

Eunique: „Wer ist so nice“, Album: Gift, Budde Music Publishing GmbH, https://youtu.be/rSXAYO4gCGM (abgerufen am 30.03.2020).

Saied, Ayla Güler: Rap in Deutschland. Musik als Interaktionsmedium zwischen Partykultur und urbanen Anerkennungskämpfen, transcript Verlag, Bielefeld 2012.

Samra ft. Capital Bra: „Berlin”, Sony/atv Music Publishing Gmbh, Sony/atv Music Publishing Allegro I, Fisherman Songs Gmbh, Bmp Berlin Music Publishing Gmbh & Co. Kg, https://youtu.be/ZLso2OV0lwk (abgerufen am 30.03.2020).

Sido: „Mein Block“, Album: Maske, Aggro Berlin/Sony/ATV Music Publishing LLC/Universal Music Publishing Group, https://youtu.be/0UKtOhLVeyA (abgerufen am 30.03.2020).

Szillus, Stephan: UNSER LEBEN – Gangsta-Rap in Deutschland, in: Dietrich, Marc und Seeliger, Martin (Hrsg.): Deutscher Gangsta-Rap. Sozial- und kulturwissenschaftliche Beiträge zu einem Pop-Phänomen, transcript Verlag, Bielefeld 2012, S. 7-20.

Autor

Christian Kitter ist gelernter Erzieher und studierte an der Freien Universität Berlin Erziehungswissenschaften mit dem Schwerpunkt Medienpädagogik. 1996 begann er seine Tätigkeit als Medienpädagoge bei der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen. Schwerpunkt seiner Arbeit waren Grundschulprojekte zur Vermittlung von Medienkompetenz im Unterricht. Als leitender Redakteur war er für die Entwicklung digitaler Materialien für den Einsatz in Schule und Jugendarbeit verantwortlich (Krieg in den Medien, Faszination Medien), die in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung entstanden.

[Bild: Sandra Hermannsen]
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Markus Sator veröffentlichte 2016 eine wissenschaftliche Arbeit zum Thema Gangsta-Rap – eine Studie zur Rezeption von Schülerinnen und Schülern der Sekundarstufe I. Als Autor entwickelt er Beiträge und Lehrmaterial für Medienradar.

[Bild: privat]
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