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Faszination Rap

Eine Untersuchung Jugendlicher im Kontext sozialer Benachteiligung

Dr. Claudia Wegener, Jenny F. Schneider

in: tv diskurs: 11. Jg., 2/2007 (Ausgabe 40) sowie 3/2007 (Ausgabe 41); Beitrag Rap im Kontext sozialer Benachteiligung (Teil 1 und 2); überarbeitet von Medienradar, 06/2020

In öffentlichen Debatten zum Rap werden die Musik und mit ihr die Protagonist*innen der Rapszene oftmals für soziale Missstände und kriminelles Verhalten Jugendlicher verantwortlich gemacht. Demgegenüber existiert die Meinung, die im Rap inszenierte Ghetto- und Gangkultur sei weniger Verursacherin als vielmehr Projektionsfläche der Auseinandersetzung.
Da eine empirische Grundlage für beide Thesen nicht existierte, nahm die Universität Bielefeld dies 2006 zum Anlass, im Rahmen des Forschungsprojektes Jugend, Musik und Gewalt der Frage nachzugehen, welche Bedeutung jugendliche Rap-Fans aus sozial benachteiligten Milieus vor allem solchen Protagonist*innen zuweisen, deren Texte die Beschwerden von Kinder- und Jugendeinrichtungen auf sich ziehen und indiziert wurden. Dafür wurden insgesamt 18 Jugendliche interviewt. Im Folgenden werden die Ergebnisse dieser Untersuchung vorgestellt.

Wie sieht das Alltagsleben der Rap-Fans aus?

Die Jugendlichen sehen ihren Alltag als durch wenig Abwechslung geprägt. Chillen, Rauchen, Rumhängen – das sind die Aktivitäten, die für gewöhnlich auf der Tagesordnung stehen. Letztlich geht es darum, Langeweile zu vertreiben. Dass dies auch mit Alkoholkonsum verbunden ist, gehört zur Normalität.

Die zur Verfügung stehende Zeit wird mangels anderer freizeitlicher Aktivitäten beinahe als lästig empfunden. Die Zeit ist sinnentleert, mehrheitlich können Jugendliche für sich keine Aufgaben definieren und haben keine Ziele, die unmittelbar auf Umsetzung angelegt sind. Ihr Zeiterleben findet primär in der Gegenwart statt.

Welche Bedeutung nimmt die Rapmusik im Alltagsleben der Jugendlichen ein?

Die Jugendlichen schauen fern, spielen Playstation und hören Musik – mit Vorliebe Rap. Die Musik begleitet den Alltag umfassend und stellt die Hintergrundfolie für den Tagesablauf dar. Jederzeit auf Handys und MP3-Playern verfügbar, konstituiert sich so der Rap als Lebensgefühl, das soziale und lokale Kontexte überlagert. Die jugendlichen Rap-Fans hören ihre Lieder auf dem Weg zur Schule, bei den Hausarbeiten und mitunter im Unterricht. Rapmusik dient der Erhaltung des subjektiven Lebensgefühls in unterschiedlichen Kontexten. Sie erlaubt darüber hinaus den wenn auch nicht physischen, so doch emotionalen Rückzug aus der institutionalisierten Welt der Schule in die eigene Welt der Musik. Indem sie Deprivation und Resignation thematisieren, unterstützen die Texte der Rapper*innen die Abgrenzung gegenüber dem Normativen und Regulierten der bürgerlichen Welt.

Was bewundern die Jugendlichen an ihren Rap-Idolen?

Die Jugendlichen schätzen ihre jeweiligen Rap-Idole vor allem deshalb, weil sich im Abgleich mit der eigenen Lebenswelt Parallelen aufzeigen. Eine gemeinsame regionale Herkunft, eine ähnliche Biografie, die gesellschaftliche Randstellung, ähnliche soziale Probleme, mangelnder schulischer Erfolg, das Leben auf der Straße – das sind die Attribute, auf deren Grundlage sich Jugendliche gut mit ihren Vorbildern identifizieren können. Die Anerkennung ist damit vielmehr auf den biografischen Verlauf gerichtet als auf den musikalischen Erfolg.

Gleichzeitig haben viele Rapper*innen gezeigt, dass es möglich ist, trotz einer als gesellschaftlich randständig empfundenen Position Fähigkeiten zu entwickeln, mit denen man sich Anerkennung verschaffen kann. Weil der*die Rapper*in nicht trotz seiner*ihrer Probleme erfolgreich ist, sondern sich sein*ihr Erfolg gerade auf der Basis schwieriger Lebensumstände ausformuliert, schafft er*sie ein Angebot, dass dazu beiträgt, die eigenen Probleme wandeln und besser integrieren zu können. Deshalb geben die Karrieren von Rapper*innen den Jugendlichen Anlass zur Hoffnung, das eigene Leben könne eines Tages besser sein. Zum Idol werden die Künstler*innen nicht aufgrund textlicher und musikalischer Botschaften oder spezifischer Kompetenzen. Die Bewunderung ergibt sich vielmehr aus der Lebensführung, in der sich Unabhängigkeit und Omnipotenz in unterschiedlicher Weise ausformulieren. Entscheidende Kriterien der Anerkennung sind Berühmtheit und bei männlichen Rappern das Image des bedingungslosen Erfolges bei Frauen.

Welche Bedeutung nehmen Cliquen für die Jugendlichen ein?

Zentrale Themen der jugendlichen Fans sind einerseits Ausgrenzung, andererseits Zusammenhalt, schließlich aber auch die Notwendigkeit, sich durchzusetzen und den eigenen Standpunkt zu behaupten. Alle in der Studie befragten Jugendlichen sind in Cliquen eingebunden, die ihnen Halt geben und somit die eigene Identität stützen. Eben diesen Zusammenhalt finden die Jugendlichen in den Gangs der Rapper*innen symbolisiert. Sich in den Texten zu erwähnen, das ist mit Wertschätzung verbunden, mit dem Öffentlich-füreinander-Einstehen. Deutlich wird auf diese Weise angezeigt, wer sich auf wen verlassen kann. Damit sind Werte angesprochen, die die jugendlichen Fans in ihren Herkunftsfamilien nicht immer verbürgt sehen. Die Gangs der Rapper*innen dienen da als Vorbild.

Welchen Zweck erfüllen die Battles im Battle-Rap?

Selbstwert resultiert aber nicht nur aus der Anerkennung durch die eigene Clique, sondern auch aus der kritischen Bewertung anderer. Letztere findet ihre Parallele in den Battles der Rapszene. Abwertung, Ausgrenzung und massive Formen verbalen Angriffs in den Texten werden von den Jugendlichen als „Krieg“ oder „Schlägerei“ wahrgenommen. Tabus gibt es in der verbalen Auseinandersetzung kaum. Die Auseinandersetzung allerdings ist oftmals Selbstzweck. Es geht keineswegs um Werte und Ideale, sondern ausschließlich darum, Überlegenheit zu demonstrieren. Mit dem Battle wird ein Feld konstruiert, das gleich einem sportlichen Wettkampf Gelegenheit bietet, sich zu messen, zu vergleichen und bestenfalls über den*die Gegner*in zu dominieren. Die Anlässe für die jeweiligen Auseinandersetzungen sind dabei nachrangig.

Die jugendlichen Fans wollen mitverfolgen, wer sich in welcher Manier gegen wen behaupten kann. Der Rap wird somit zur performativen, pointierten und narrativen Inszenierung von Überlegenheit und Unterlegenheit, von Gewinn und Niederlage.

Wie rechtfertigen die Jugendlichen die drastische Wortwahl in den Battle-Raps?

Der Rezeptionsgenuss von Rap liegt in der Abwertung des anderen, verbunden mit der für den Rap typischen Glorifizierung der eigenen Person. Die mitunter drastische Wortwahl in der Abwertung des Gegenübers und damit verbunden die Thematisierung und Darstellung gewaltbezogener Handlungen machen den Rap für Jugendliche erst authentisch. In Wortwahl und Themen der Rapper*innen finden die Jugendlichen ihre eigene Wut und Resignation wieder. Die favorisierten Idole werden als Verbündete wahrgenommen, die den selbst empfundenen Schwierigkeiten eines sozial benachteiligten Lebens eine Stimme verleihen.

Die überwiegend männlichen Fans schätzen Aggressivität und überzeichnete Darstellung der Auseinandersetzungen in den Texten, nicht zuletzt deshalb, weil so die nötige gesellschaftliche Aufmerksamkeit generiert wird.

Wie stehen die Jugendlichen selber zu körperlicher Gewalt?

Welchen Stellenwert körperliche Auseinandersetzung und damit reale Gewalt für die jugendlichen Rap-Fans tatsächlich hat, lässt sich in keiner Weise pauschal sagen. Einzelne Fans lehnen körperliche Gewalt explizit ab, sind hinsichtlich möglicher Handlungsalternativen aber ratlos. Diese Ratlosigkeit mag auch in dem durch den Rap vermittelten typischen Klischee von Männlichkeit liegen, das Konfrontation ebenso propagiert wie Härte und Kompromisslosigkeit.

Einige wenige Fans trennen zwischen der Auseinandersetzung im Battle und körperlicher Gewalt und befürworten Letztere, wenn es darum geht, relevante Werte zu verteidigen und auf starke Provokationen anderer zu reagieren. Dabei orientieren sie sich an den Protagonist*innen der Rapszene. So gibt es immer wieder auch körperliche Auseinandersetzungen vor allem zwischen männlichen Rappern, die der eigentlichen Absicht des Rap, im Battle verbal den eigenen Status zu verteidigen, widersprechen.

Wie beurteilen Jugendliche die Texte indizierter Rapsongs?

Hinsichtlich der inhaltlichen Beurteilung von indizierten Songs zeigen sich die Jugendlichen ambivalent. Die Kritikpunkte, auf denen die Indizierung beruht, sind für sie mehrheitlich nachvollziehbar, dennoch sind es ihrer Meinung nach die konstitutiven Elemente des Rap, die hier der Zensur anheimgestellt werden. Der sprachliche Ausdruck und die spezifische Art der Darstellung im Video sind im Kontext der Szene legitimiert und gängig. Gewaltbezüge werden vor allem mit der Authentizität der vermeintlichen Darstellung legitimiert, die sich häufig auf die biografische Vergangenheit der Protagonist*innen bezieht.

Sich mit dieser Authentizität auseinandersetzen, den Gewaltbezug annehmen und aushalten zu können, bedeutet für die Fans auch, sich von der eigenen Kindheit abzugrenzen und als erwachsen zu definieren. Damit finden die Jugendlichen einen Weg, sich als selbstbewusst und eigenständig zu präsentieren und einer gesellschaftlichen Realität standzuhalten, die mit Ablehnung, Widrigkeiten und Risiken behaftet ist.

Popstars statt Rap-Stars als Vorbilder – ist das realistisch?

Die befragten Jugendlichen stellen den Rapper*innen die Stars der Popwelt gegenüber, die für sie Establishment und gesellschaftlichen Erfolg repräsentieren. Eine Welt voller Träume, Ruhm und Reichtum, die nichts mit der Realität zu tun hat. In dieser Gegenüberstellung von Pop als Traumwelt und Rap als Realität wird der Ausdruck der Musik als Alltagskultur des Milieus deutlich. Denn Träumen heißt, den Blick von der Realität abzuwenden, sich nicht mit den Widrigkeiten des Lebens auseinandersetzen zu müssen und dies gleichzeitig auch nicht zu können. Der Alltag der jugendlichen Rap-Fans lässt die Konstruktion einer solchen Phantasiewelt nicht zu. Wer nicht zur Auseinandersetzung bereit ist, kann sich nicht durchsetzen. Der Rap mit seinen Protagonist*innen wird damit zum symbolischen Ausdruck einer Alltagskultur, in der es sich – zweifelsohne auch aus Mangel an Alternativen konstruktiven Handelns – im Gegeneinander zu behaupten gilt.

Wo sehen sich die Jugendlichen in ihrer eigenen Zukunft?

Die Protektion der Kinder geht mit dem Wunsch einher, sie in einer besseren Welt aufwachsen zu sehen. Gleichermaßen findet sich eine solche Symbolik aber auch in den Zukunftsträumen der jugendlichen Rap-Fans selbst. Nur sehr wenige von ihnen wünschen sich, die Karrieren der erfolgreichen Rapper*innen imitieren zu können und als Stars zu Ruhm und Unabhängigkeit zu gelangen.

In der Regel sind ihre Zukunftswünsche von grundlegenden Bedürfnissen und traditionellen Werten geprägt. Das sichere Leben wird zum Ideal, eine eigene Familie, ein Haus, die Unabhängigkeit von den Eltern. Schlussendlich sind es die Grundpfeiler gelingender Identitätsarbeit wie Anerkennung, Respekt und Wertschätzung, gemeinschaftliche Einbindung und berufliche Perspektiven, die sich die Jugendlichen mehrheitlich erträumen.

Claudia Wegener: Rap im Kontext sozialer Benachteiligung. Teil 1: Alltagskultur und subjektive Deutung, Printausgabe tv diskurs: 11. Jg., 2/2007 (Ausgabe 40), S. 74-79.

Claudia Wegener: Rap im Kontext sozialer Benachteiligung. Teil 2: Zur Bedeutung von Gewalt und Indizierung, Printausgabe tv diskurs: 11. Jg., 3/2007 (Ausgabe 41), S. 54-59.

Autorin

Dr. Claudia Wegener ist Professorin in den Studiengängen Digitale Medienkultur und Medienwissenschaft an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF. Zudem ist sie Mitglied im Aufsichtsrat der Medienboard Berlin-Brandenburg GmbH sowie Vorsitzende im Kuratorium des Deutschen Kinder- und Jugendfilmzentrums.

[Bild: Herbert von Halem Verlag]
Zusammengestellt von

Jenny F. Schneider studierte an der Universität Leipzig Theaterwissenschaft, Psychologie und Journalistik mit dem Schwerpunkt Medienpädagogik. Seit 2012 arbeitet sie als freiberufliche Medienpädagogin und leitet medienpädagogische Workshops, Projekte und Fortbildungen im schulischen und außerschulischen Bereich. Im gleichen Jahr begann ihre Zusammenarbeit mit der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF), wo sie u. a. bei der Studie Scripted Reality auf dem Prüfstand sowie der Aktualisierung des Projekts Faszination Medien mitwirkte. Seit 2017 gehört sie zum festen Team der Medienpädagogik der FSF.

[Bild: privat]
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