Rezension

Themenforum: Straßenrap

Bedrohung oder Spiegelbild?

Brigitte Zeitlmann

Rezension eines Beitrags des BPJM Aktuell, 03/2018

Im Rahmen des Themenforums Straßenrap – Bedrohung oder Spiegelbild? (BPJM-Aktuell 3/2018) diskutierten der Filmemacher Holger Schumacher mit dem Rapper Alexander Terboven (alias Tatwaffe), dem Rapper und Buchautoren Hannes Loh sowie dem Soziologen Martin Seeliger über aktuelle Phänomene des Gangsta- und Straßenrap in Deutschland.

Dabei werden interessante Einblicke in die Thematik gegeben, wie etwa die Verbindung zwischen dem aufkommenden Gangsta-Rap und den Geschehnissen am 11. September 2001, durch die ein antimuslimischer Rassismus an die Oberfläche trat. „Das ist sozusagen der symbolische Rohstoff, aus dem die Rapper letztlich ihre Images machen: Schaut mal, ich bin genauso gefährlich, wie ihr es in der Zeitung lesen könnt.“ (S. 4)

Konträr diskutieren die Interviewpartner selten. An manchen Stellen analysieren sie gemeinsam ganz konkret und treffend das Geschehen, an anderen Stellen bleiben sie – leider auch gemeinsam – etwas vage und ratlos. So führt die Frage nach den Auswirkungen des Gangster-Rap auf Jugendliche und nach deren Motivation, die Musik zu hören, zu keinen neuen Erkenntnissen. Vielmehr wird deutlich, dass eine fundierte Studie an dieser Stelle hilfreich wäre.

Interessant wird der Austausch der Beteiligten jedoch, wenn sie sich auf eine gewisse Metaebene begeben. Zunächst beschreiben sie dafür treffend, dass die Rapper*innen weder Interesse an gesellschaftskritischen oder selbstreflexiven Songtexten haben, noch diese für sie ökonomisch lukrativ wären. Distanziert betrachtet macht aber genau die präsentierte Inszenierung der Rapper*innen, die ökonomischen Erfolg und Einflussnahme einfordert, eine Kritik an der kapitalistischen Gesellschaft deutlich. Diese distanzierte Betrachtung ist jedoch nicht Teil des öffentlichen Diskurses. Deshalb fordern die Interviewpartner von der Presse eine objektivere Haltung, die über eine einfache Positionierung zwischen Verehrung auf der einen Seite und Projektionsfläche tiefsitzender Ängste auf der anderen Seite hinausgeht. Ebenso ist für die Pädagogik eine dialogoffene Beziehungsarbeit gefragt, denn nur dieser Zugang ermöglicht einen Erkenntnisgewinn und einen Austausch mit der Zielgruppe über die transportierten rassistischen und antisemitischen Ressentiments.

Dass es sich bei Gangsta- und Straßenrap immer noch um eine Männerdomäne handelt, wird auch durch das Geschlechterverhältnis bei den Interviewpartnern abgebildet. Hier diskutieren – recht einvernehmlich – vier Männer über das häufig von Sexismus geprägte Musikgenre. Kritik an rassistischen und antisemitischen Aussagen der Rapper und an deren positiven Einstellungen zum Kapitalismus nehmen deshalb mehr Platz ein als die Problematisierung ihrer frauendiskriminierenden Aussagen. Dies geschieht sicherlich nicht aufgrund einer Befürwortung der frauenfeindlichen Inszenierung der Rapper. Dennoch hätte eine (weibliche) Interviewpartnerin diesen Aspekt nicht unerwähnt gelassen und die Diskussion zweifellos um weitere Aspekte bereichert.

Um in das Thema Rap einzusteigen, hält die Diskussion für Lehrende und Erziehende jedenfalls interessante Inhalte bereit. Vor allem der Aspekt der notwendigen „Beziehungsarbeit“ ist erkenntnisgewinnend. Wer jedoch Antworten auf große Fragen sucht, wie etwa, welche Auswirkungen der Rap auf die nächste Generation hat, wird hier nicht fündig. Dies kann auch eine kurze Diskussion nicht leisten. Ein Verständnis für Rezipient*in und Produzent*in entfaltet sich jedoch in der Diskussion sehr wohl, kommt man doch zu der Schlussfolgerung, dass auch diese Kunstform ein Spiegelbild der Gesellschaft darstellt und als solches wahrgenommen werden muss.

Diskussionen wie diese können also fortgesetzt werden, das nächste Mal bitte auch mit der Beteiligung von Frauen. So könnte die von Hannes Loh geforderte weitergehende Diskussion über die Inszenierung von Coolness im Gangsta-Rap auch mit einer Kritik über das präsentierte Frauenbild bereichert werden.

Zum Themenforum: Straßenrap – Bedrohung oder Spiegelbild?

Rezensierter Beitrag:

BPJMAKTUELL vom 24.09.2018: Themenforum: Straßenrap – Bedrohung oder Spiegelbild?, www.bundespruefstelle.de/bpjm/service/publikationen/bpjm-aktuell/themenforum--strassenrap---bedrohung-oder-spiegelbild-/128974 (abgerufen am 20.02.2020).

Rezension von

Brigitte Zeitlmann ist hauptamtliche Vorsitzende in den Prüfausschüssen und arbeitet in dem Bereich der Medienpädagogik bei der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF). Als Redakteurin verantwortete sie beim multimedialen Lehrangebot Faszination Medien den Bereich Jugendschutz und war jahrelang Mitglied der Auswahlkommission der Internationalen Filmfestspiele Berlin (Berlinale) Generation. Sie ist außerdem Prüferin bei der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) sowie regelmäßig Mitglied der Nominierungskommission und Jury des Grimme-Preises.

[Bild: Sandra Hermannsen]
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