Interview

doku.klasse – Wir geben Stoff

Die Klasse mit der Lizenz zum Mitreden

Jihad Azahrai, Pia Isabell Nelles, Gudrun Sommer, Tanja Tlatlik, Dirk Uhlig

doxs!, 08/2021

Die doku.klasse ist ein Workshop-Programm des Filmfestivals doxs! dokumentarfilme für kinder und jugendliche. Sie richtet sich an junge Erwachsene, die sich für Dokumentarfilme interessieren und Lust haben, mit Regisseur:innen in einen kreativen Dialog über deren Filmprojekte zu treten – unmittelbar und von beidseitigem Nutzen. Im ersten Teil des Beitrags wird die doku.klasse vorgestellt. Im zweiten Teil sprechen junge Teilnehmer:innen darüber, was für sie den besonderen Reiz an der doku.klasse ausmacht.

Die Klasse mit der Lizenz zum Mitreden

In der doku.klasse tauschen sich junge Filminteressierte im Alter von 16 bis 28 Jahren mit Regisseur:innen über deren Dokumentarfilmprojekte aus. Grundlage sind die Exposés, die die jeweiligen Filmemacher:innen bei der 3sat-Ausschreibung für die Dokumentarfilmreihe Ab 18! eingereicht haben. Jedes Jahr werden aus allen eingereichten Filmprojekten sechs Projekte ausgewählt, die im darauffolgenden Jahr ihre TV-Premiere auf 3sat und in der 3sat-Mediathek haben sollen. Bei allen eingereichten Filmprojekten handelt es sich um kreative Dokumentarfilme junge Erwachsene zwischen 18 und 28 Jahren – das ist Bedingung für die Teilnahme. Alle Teilnehmer:innen an der Ab 18!-Ausschreibung haben zusätzlich die Möglichkeit, sich mit ihrem eingereichten Exposé bei der doku.klasse zu bewerben.

Im Rahmen von jeweils eintägigen Workshops im Vorfeld des doxs!-Festivals (8. bis 21. November 2021) werden die bei der doku.klasse eingereichten „Stoffe“ gemeinsam diskutiert. Den Filmemacher:innen bietet sich dabei die Möglichkeit, die Themen und Sehgewohnheiten junger Zuschauer:innen besser kennenzulernen und neue Potenziale in ihren Filmentwürfen zu entdecken. Die jugendlichen Teilnehmer:innen wiederum sind direkt am künstlerischen Prozess beteiligt und erfahren aus erster Hand, wie filmisches Arbeiten funktioniert.

Die Erfahrungen aus den Workshops werden während des Festivals öffentlich präsentiert und auf dem Projektblog begleitet. Die Dokumentationen der einzelnen Jahrgänge finden sich hier: 2020, 2019, 2018, 2017, 2016, 2015, 2014.


„Die doku.klasse ist das Tor zu einer mir mittlerweile unbekannteren Welt: Empfindungen, Denk- und Sichtweisen junger Erwachsener – umso wichtiger ist dieser Austausch mit ihnen. Ihre Perspektiven, Wünsche und Anregungen sind für mich und das Projekt essenziell.“

Pantea Lachin – Regisseurin und Stipendiatin der doku.klasse

„Ich war sehr überrascht, wie genau die Teilnehmer:innen das Treatment gelesen und die Filmausschnitte angesehen haben. Das spielt sich auf einem analytischen Level ab, wie ich es eigentlich nur von Leuten kenne, die selbst Filme machen.“

Florian Baron – Regisseur und Stipendiat der doku.klasse


Zwei Stoffe im Fokus

Für den siebten Jahrgang der doku.klasse wurden 2020 aus zahlreichen Einreichungen zwei Projektideen ausgewählt: Chao’s Transition von Mieko Azuma und Susanne Mi-Son Quester sowie Ferdinand (AT) von Elke Magarete Lehrenkraus. Zur Bewerbung eingeladen waren alle Filmemacher:innen, die sich an der ZDF/3sat-Ausschreibung für die Dokumentarfilmreihe Ab 18! mit Exposés beteiligt haben. In dieser Reihe stellt 3sat, mittlerweile in der neunten Staffel, Produktionen über sehr unterschiedliche Lebensentwürfe junger Erwachsener vor.


„Mein Interesse an der doku.klasse besteht in der Chance, einen uralten Teil des Geschichtenerzählens wieder nutzen zu können: Die direkte, wirkliche Verbindung zum Publikum während des Erzählens.“

Kilian Helmbrecht – Regisseur und Stipendiat der doku.klasse

„Die Perspektive von Außenstehenden kann einen gedanklich weiterbringen, eine andere Sicht ermöglichen.“

Rosa Hannah Ziegler – Regisseurin und Stipendiatin der doku.klasse


Werkstattgespräche zum anderen dokumentarischen Fernsehen

Die doku.klasse ist ein Projekt von doxs!, das in Kooperation mit ZDF/3sat, Deutschlandfunk Kultur, der Grimme-Akademie und der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF e.V.) konzipiert und durchgeführt wird. Sie wird realisiert im Rahmen von dok you, einer Initiative zur Förderung der Rezeption und Produktion des Dokumentarfilms für Kinder und Jugendliche. Ziel ist es, durch Teilhabe und kreativen Dialog junges Publikum für dokumentarische Formen zu gewinnen. Eine Schule des Sehens, die Heranwachsende dazu einlädt, Ästhetiken und Erzählformen abseits des medialen Mainstreams kennen und verstehen zu lernen. Filminteressierte Jugendliche sind bei der doku.klasse herzlich willkommen.

Jung & wild sind die 18 Teilnehmer:innen der doku.klasse 2020, zwischen 18 und 28 Jahre alt, haben Lust auf Dokumentarfilme, wollen darüber sprechen und sind neugierig auf die, die Filme machen. Jihad Azahrai (24) ist schon mehrfach dabei gewesen, für Pia Nelles (22) ist 2020 das erste Mal. Moderator Dirk Uhlig will wissen, was sie an der doku.klasse reizt.

Was euch miteinander verbindet, ist das gemeinsame Interesse an Dokumentarfilmen. Wie seid ihr dazu gekommen, euch mit diesen Stoffen auseinanderzusetzen?

Pia Nelles: Mir ist aufgefallen, dass ich in den letzten Jahren immer mehr Dokumentarfilme, Reportagen oder Dokus konsumiert habe. Im Alltag schaue ich sehr häufig Beiträge von verschiedenen Accounts von funk. Mit doxs! und der doku.klasse habe ich dann die Möglichkeit gefunden, mich mal bewusst mit diesen Stoffen auseinanderzusetzen und die nicht immer nur beiläufig zu konsumieren.

Jihad Azahrai: Für mich hat es mit der Großen Klappe, der Jugendjury von doxs!, angefangen. Da bin ich das erste Mal richtig in Berührung mit diesen Stoffen und auch den Diskussionen gekommen. Das hat mir dann die Welt in diese Richtung geöffnet. Inzwischen habe ich sogar einen Dokumentarfilm in meine Bachelorarbeit mit einbezogen.

Die Filmemacher:innen sind nach den Atelier-Gesprächen mit euch immer begeistert von den Diskussionen und auch von eurer klaren und differenzierten Haltung. Wie bereitet ihr euch auf ein Gespräch in der doku.klasse vor? Wie geht ihr an die Exposés der Filmemacher:innen ran?

Jihad Azahrai: Ich gehe sehr offen an die Exposés. Ich versuche mir alles sehr bildlich vorzustellen und frage mich, wie weit der Text filmisch realisierbar ist. Ich mache mir Notizen und schreibe mir Fragen auf.

Pia Nelles: Ich versuche auch sehr unvoreingenommen an die Exposés zu gehen. Da ich aus dem Bereich der Theaterwissenschaft komme, frage ich mich, wie der Film aus einer dramaturgischen Perspektive umgesetzt werden kann. Ich sammele dann Ideen, Fragen und Gedanken erstmal für mich, um sie dann mit der Gruppe und den Filmschaffenden zu besprechen.

Wie schätzt ihr den Aufbau der Atelier-Gespräche ein? Zuerst gibt es eine Kennenlernrunde, dann werden Vorgängerprojekte der Filmemacher:innen besprochen, es folgt ein intensives Gespräch über das Treatment. Circa ein halbes Jahr später gibt es dann eine Rohschnittbesprechung. Und dann seht ihr euch noch mal zur Filmvorführung mit abschließendem Gespräch. Findet ihr dieses ganze Paket wertvoll? Was gefällt euch besonders, was weniger?

Jihad Azahrai: Ich finde den Aufbau echt gut. Ich finde es gut, dass wir uns zuerst als Gruppe besprechen, bevor wir mit dem:der Filmemacher:in sprechen. Da sammeln wir dann meistens auch ein paar Fragen und tauschen uns aus. Wenn wir uns dann die Vorgängerprojekte ansehen, bekommt man einen guten Einblick in die Arbeit des:der Filmemachers:Filmemacherin und kann sich schon mal vorstellen, wie Text hier in Visuelles übersetzt wird. Ich finde es auch gut, dass die Filmemacher:innen uns so vertrauen, dass sie dann mit dem Rohschnitt zu uns kommen und nochmal offen für Feedback sind.

Pia Nelles: Bei mir waren es bis jetzt immer nur Teilgespräche, die ich von diesem gesamten Aufbau erlebt habe. Ich finde es aber besonders spannend, wenn es dann um die Rohschnittfassung geht. Die Filmemacher:innen präsentieren sich mit dem Rohschnitt auf eine Weise nackt, weil der Film einfach noch nicht fertig ist. Bei dem Film Hinter unserem Horizont haben wir uns gegenseitig noch viele Fragen gestellt, und durch das Gespräch hat sich dann tatsächlich auch noch einiges an der finalen Fassung verändert.

Wie erlebt ihr diesen Austausch mit den Filmschaffenden? Ist das ein Austausch „auf Augenhöhe“?

Jihad Azahrai: Ja, auf jeden Fall. Natürlich ist das bei jedem:jeder Filmemacher:in unterschiedlich. Aber bis jetzt haben wir fast nur positive Erfahrung gemacht. Es ist nochmal was ganz anderes, wenn man sieht, dass er oder sie richtig nachhakt und sich Notizen macht und man dann das Gefühl hat, dass man wirklich gehört wird.

Pia Nelles: Ich war das erste Mal schon etwas aufgeregt, mit einem Filmemacher zu sprechen und war dann total beeindruckt, dass der Austausch wirklich so auf Augenhöhe stattfindet. Die Filmemacher:innen sind wirklich interessiert an uns und wollen wissen, was wir denken und was wir zu ihren Projekten zu sagen haben.

Das Spektrum der Filme, die ihr gesehen habt, reicht von sehr intimen Portraits bis hin zu intensiven Auseinandersetzungen mit politischen Systemen. Wenn ihr so einen Weg mit einem Film gegangen seid und am Ende im Kino sitzt, habt ihr dann das Gefühl, der Weg hat sich gelohnt? Findet ihr etwas wieder von dem, was ihr miteinander diskutiert habt?

Jihad Azahrai: Ich würde sagen, ja. Es ist schon besonders, wenn man den Stoff gelesen hat und dann in Bilder übersetzt sieht. Es geht dabei ja auch um echte Menschen, der Stoff ändert sich mit der Zeit. Man kann zwar einiges einschätzen, aber was dann wirklich passiert, ist immer wieder spannend. Bei dem Film Ich habe dich geliebt habe ich im Film nochmal ganz andere Ebenen gesehen, als die, die ich im Exposé wahrgenommen habe.

Pia Nelles: Bei dem Film Hinter unserem Horizont war die Besprechung des Rohschnitts an einigen Stellen schon sehr kritisch. Da war ich sehr gespannt, wie die Filmemacher Dennis und Patrick Weinert damit umgehen werden. Das Ergebnis hat sich dann wirklich nochmal sehr verändert. Das ist ein schönes Erlebnis, wenn man sieht, dass die doku.klasse einen Film so beeinflussen kann.

Ihr erfahrt viel über Stoffentwicklung, Dramaturgie, über die Umsetzung und stilistische Mittel. Habt ihr als Besucher:innen der doku.klasse das Bedürfnis, mehr über einzelne Teilbereiche zu erfahren? Wo seht ihr Grenzen?

Jihad Azahrai: Also ich sehe die Grenze vor allem darin, dass wir nicht bei einem Filmdreh dabei sein können. Ich würde mich aber freuen, mal bei einem Schnitt dabei zu sein, um den Prozess der Dramaturgie so mitzuerleben. Ich fände es auch interessant, wenn wir die Möglichkeiten hätten, die Protagonist:innen öfter mal zu treffen, um über ihre Perspektive des Films zu sprechen.

Pia Nelles: Für mich wäre es interessant, schon bei der Entwicklung der Idee dabei zu sein, also noch bevor ein ausgearbeitetes Exposé entsteht. Ich wäre auch an einem redaktionellen Teil interessiert, in dem grundlegende Fragen besprochen werden. Welche Geschichte soll hier erzählt werden und vor allem, wie?

Seit März 2020 mussten wir ja auf rein digitale oder hybride Formate in unseren Atelier-Gesprächen ausweichen. Wie schätzt ihr die Arbeit unter den Bedingungen der Pandemie ein?

Pia Nelles: Die Situation ist ja besonders für Filmemacher:innen, die eigentlich gerade im Ausland drehen würden, sehr schwierig. Deswegen finde ich es sehr wichtig, dass wir diese digitale Möglichkeit in Anspruch nehmen, und bin auch froh, dass die doku.klasse da von Anfang an so schnell umgestiegen ist.

Jihad Azahrai: Mir würde nichts einfallen, wie man es noch verbessern könnte. Die Schritte, die wir genommen haben, damit es weiter stattfinden kann, sind ja gut gelungen.

Abschließend ein Blick in die Zukunft: Welche Stoffe würdet ihr gern in Dokumentarfilmen sehen und in der doku.klasse besprechen?

Jihad Azahrai: Ich wünsche mir vor allem Filme über unterrepräsentierte Gruppen in Deutschland. Ich würde mich über einen Stoff mit einer muslimischen Protagonistin freuen. Es wird zwar viel über Brennpunkte geredet, aber statt mit den Menschen zu sprechen, spricht man nur über sie.

Pia Nelles: Für mich wären Stoffe interessant, in denen junge Menschen gezeigt werden, die vielleicht einen anderen Weg gegangen sind und mutig waren, etwas Eigenes auszuprobieren. Beispielsweise mit der Gründung eines Start-ups oder generell einen Weg zur Selbstverwirklichung gewählt haben, der sich von gesellschaftlicher Konvention abwendet.

Neben Jihad Azahrai und Pia Nelles waren 2020 auch Teil der doku.klasse: Basar Al Murabea, Houda Ben Said, Ceyda Celikdemir, Etriane Emini, Priska Epping, Nils Feldkamp, Nils Fröhlich, Rabea Gruber, Nadine Hendriks, Joanna Ibsch, Luisa Kamps, Paula Meier, Daria Motalebsade, Finn Schenkin, Leonie Schlüter und Rames Wahidi.

Gespräch mit

Jihad Azahrai studiert Französisch und Physik auf Lehramt. Sie ist seit 2014 bei der doku.klasse dabei und verbringt gerne ihre Zeit damit, sich in Geschichten und Erzählungen jeglicher Art zu flüchten. Am liebsten tut sie das mit einem guten Buch, im Kino oder beim Schauen einer koreanischen Serie.

[Bild: privat]
Gespräch mit

Pia Isabell Nelles zog es, inspiriert von ihrer Literaturlehrerin, nach dem Abitur nach Bochum, um an der Ruhr-Universität Theaterwissenschaft und Germanistik zu studieren. Zwischen Theateraufführungen, Performances und kultureller Arbeit stieß sie auf doxs! und wurde 2020 Teil der doku.klasse, während sie ein Praktikum im Bereich der Festivalorganisation absolvierte. Ab dem kommenden Herbst studiert sie Kulturpädagogik und Kulturmanagement im Master an der HS Niederrhein.

[Bild: privat]
Autorin

Gudrun Sommer ist studierte Philosophin, langjährige Festivalarbeiterin und zertifizierte Green Consultant Film & TV. Ihr Engagement kreist um die Themen Dokumentarfilm, Nachhaltigkeit, Filmvermittlung und junge Publika. Zwischen Berlin und Lissabon um die Jahrtausendwende im Ruhrgebiet angekommen, gründete sie doxs! dokumentarfilme für kinder und jugendliche, einige Jahre später den Verein Freunde der Realität e.V. und das regionale Satellitenfestival doxs! ruhr. Von 2019 bis März 2021 leitete sie gemeinsam mit Christian Koch die Duisburger Filmwoche. Als Kuratorin und Programmberaterin hat Gudrun Sommer Festivals wie die Diagonale, das Internationale Frauen* Film Fest (IFFF) Dortmund+Köln und das Kindermedienfestival Goldener Spatz unterstützt. Die gebürtige Österreicherin ist Jurorin für den Grimme-Preis und Prüferin bei der FSK. Lehrtätigkeiten u. a. an der Universität Duisburg-Essen, der Ruhr-Universität Bochum, an der KHM (Köln) und der School of Filmagents (SOFA).

[Bild: privat]
Autorin

Tanja Tlatlik ist die Projektleiterin von doxs!, dem Dokumentarfilmfestival für Kinder und Jugendliche. Eingebettet ist das Festival in die Duisburger Filmwoche, welche jedes Jahr im November stattfindet. Neben doxs! ist sie außerdem für die organisatorische Leitung der doku.klasse zuständig, ein Kooperationsprojekt von doxs!, der Grimme Akademie, der FSF und 3sat.

[Bild: privat]
Gesprächsführung

Dirk Uhlig arbeitete bereits seit 2007 als freier Gestalter eng mit dem Medienpädagogik-Team der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) für die Entwicklung und Umsetzung der Projekte Krieg in den Medien und Faszination Medien zusammen. Seit 2017 gehört er zum festen Team der Medienpädagogik der FSF. Nebenbei ist er als freier Dokumentarfilmschaffender tätig.

[Bild: privat]
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