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Selbstinszenierung und Selbstoptimierung

Lena Wandner

Medienradar, 05/2019

Die Fotoplattform Instagram bietet den idealen Mix aus sozialer Vernetzung, Kommunikation und Selbstinszenierung. Insbesondere bei 14- bis 19-Jährigen liegt Instagram hoch im Trend und wird entsprechend häufig genutzt. Der Onlinedienst steht für moderne, digitale Kommunikation und Partizipation, da erscheint es umso widersprüchlicher, dass ausgerechnet die Nutzung von Instagram und anderen sozialen Netzwerkdiensten konventionelle und traditionelle Ansichten über Rollenbilder verstärkt.

Traditionelle Ansichten über Rollenbilder werden durch eine häufige Nutzung von Social-Media-Diensten eher verstärkt als aufgebrochen: Zu diesem sehr überraschenden Ergebnis kam eine Umfrage von Plan International, die im August 2019 vorgestellt wurde. Befragt wurden insgesamt 1.000 junge Menschen zwischen 14 und 32 Jahren hinsichtlich ihres Nutzungsverhaltens in sozialen Medien und ihrer Einstellungen zum Thema Rollenbilder.

Die zentralen Erkenntnisse: Je intensiver junge Menschen Plattformen wie Instagram und Co. nutzen, desto stärker vertreten sie stereotype Geschlechterrollen. Dies zeigt sich beispielsweise darin, dass ein Drittel der befragten Frauen und mehr als die Hälfte der befragten Männer es gerecht finden, wenn Frauen bei gleicher Arbeit weniger verdienen als Männer. Zudem kommt die Umfrage zu dem Ergebnis, dass Vielnutzende von sozialen Medien klassischen Schönheitsidealen, insbesondere beim anderen Geschlecht, mehr Bedeutung zuschreiben als Wenignutzende. Bedeutet konkret: Mädchen und Frauen sollen schlank und hübsch sein, Männer beziehungsweise Jungen muskulös und gutaussehend. Doch woher kommt dieser Fokus auf Äußerlichkeiten und zugegebenermaßen überholte Schönheitsideale?

Der Drang zum Perfektionismus

Die Antwort auf diese Frage liegt nicht weit. Instagram wird primär zur visuellen Selbstdarstellung genutzt. Das Aussehen und die körperliche Erscheinung sind Facetten, die dabei besonders oft hervorgehoben werden. So auch in den Profilen von angesagten Influencer*innen, die auf Instagram sehr aktiv sind. Influencer*innen sind mediale Persönlichkeiten, die sich in sozialen Medien präsentieren und zu verschiedenen Themenbereichen Inhalte veröffentlichen. Sie haben eine hohe Reichweite und eine Vielzahl an Followern, die ihre Aktivität in sozialen Netzwerken verfolgen. Influencer*innen nutzen Instagram vor allem zur Selbstvermarktung, weswegen sie darauf achten, möglichst positiv aufzufallen. Insbesondere Beauty- und Lifestyle-Influencer*innen begeistern ihre Follower mit scheinbar makellosen Bildern, auf denen alles stimmt: Location, Haare, Make-up, Figur. Betrachtet man mehrere Accounts dieser Art, so fällt auf, dass sie sich in ihren Inszenierungen stark ähneln: Zufall? Nein, argumentieren Maya Götz und Josephine Becker. Die beiden Medienforscherinnen untersuchten die Accounts der zehn followerstärksten deutschen Influencerinnen auf Instagram hinsichtlich Bildinhalte und Inszenierung. Heraus kam eine Klassifizierung typischer Inszenierungsmuster, auf die Influencerinnen gerne zurückgreifen. Hierzu gehören Bilder mit Rückenansicht, ein zufällig wirkender Blick über die Schulter oder auch verweilende Blicke in die Ferne. Auch die Körperhaltung folgt oftmals einem bestimmten Schema. Bei Ganzkörperaufnahmen wird ein Bein meist vor das andere gestellt, überkreuzt, oder der Körper in eine S-Form gebracht.

Fazit der Betrachtungen

Es ist wichtig, möglichst schlank, möglichst vorteilhaft auszusehen: ein Schönheitsideal, das von jungen Instagram-Nutzerinnen wahrgenommen und imitiert wird. So konnte Maya Götz in einer weiteren Untersuchung zur Selbstinszenierung von Mädchen auf Instagram aufzeigen, dass bei jungen Nutzerinnen ein Zusammenhang zwischen dem Folgen von Influencerinnen und dem Wunsch, auf Bildern schlank auszusehen, besteht. Dies ist insbesondere darauf zurückzuführen, dass Influencerinnen eine Inspirationsquelle für junge Mädchen sind. So gaben die Studienteilnehmerinnen an, dass sie die medialen Trendsetterinnen aufgrund ihrer professionellen und makellosen Inszenierung auch als Vorbilder ansehen. Verstärkt wird dies nicht zuletzt auch dadurch, dass Influencerinnen für ihre Bilder unzählige Likes und positive Kommentare bekommen, quasi als Wertschätzung und Honorierung für die perfekte Inszenierung.

Likes stehen für einen quantifizierbaren Erfolg

Götz bezeichnet Likes in ihrer Studie auch als einen „quantifizierbaren Erfolg“. Viele Likes suggerieren nach außen das Bild von Beliebtheit und Anerkennung. Insbesondere für junge Menschen sind soziales Feedback und Anerkennung essenziell für die Persönlichkeits- und Identitätsentwicklung. Positives Feedback stärkt das Selbstbewusstsein und mindert zumindest teilweise persönliche Unsicherheiten. Im Jugendalter sehen sich junge Menschen mit vielen Unsicherheiten und Fragen konfrontiert: „Wie komme ich bei anderen an? Wie sehe ich aus?“ Da ist es hilfreich und stärkend, wenn man von anderen gelobt und geschätzt wird.

Die Studienergebnisse von Götz zeigen, dass junge Instagram-Nutzerinnen oftmals bemüht sind, ein ideales, perfektes Bild von sich zu präsentieren und gleichzeitig einen hohen Qualitätsanspruch an ihre eigenen Bilder haben. Einige Studienteilnehmerinnen geben an, dass sie sich im Zuge ihrer Instagram-Nutzung verstärkt mit anderen Nutzenden, insbesondere aber mit ihren medialen Vorbildern vergleichen. Dabei nehmen sie ihre eigene äußere Erscheinung als schlechter, unperfekter wahr und versuchen sich zu optimieren. Hierfür wird auf Filter und Bearbeitungsprogramme zurückgegriffen, ganz nach dem Motto: den Bauch ein bisschen flacher, die Beine etwas länger. Dabei kommt es ihnen zugute, dass bekannte Influencerinnen wie Dagi Bee in Videos offenlegen, wie sie selbst ihre Bilder optimieren.

Was nicht passt, wird retuschiert, doch welche Botschaft wird dadurch vermittelt?

Der Blick der Nutzerinnen wird kritischer, der Zeitaufwand, um sich selbst perfekt zu inszenieren, größer. So kann es passieren, dass in eine scheinbar so zufällige Momentaufnahme mehrere Bildanläufe und längere Bearbeitungszeiten investiert werden. Was nicht passt, wird retuschiert, doch welche Botschaft wird dadurch vermittelt? Dass alles, was nicht dem Instagram-Ideal entspricht, per se verborgen werden sollte? Dass die eigentlich natürliche Erscheinung nicht mithalten kann, nicht mehr „genug“ ist?

#nofilter #mehrrealität

Fakt ist, dass durch das Nachahmen stereotyper Schönheitsideale Accounts auf Instagram immer ähnlicher werden, während individuelle Facetten in den Hintergrund treten. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, macht sich auf Instagram eine Bewegung stark, die sich gegen den Hang zum Perfektionismus ausspricht und mehr Diversität einfordert. Unter Hashtags wie #nofilter und #mehrrealität werden unbearbeitete Bilder gepostet, die für Natürlichkeit und Authentizität stehen und symbolisieren sollen: „Du bist gut, so wie du bist, auch ungeschminkt, auch ohne perfekt gestylte Haare und 90-60-90-Körpermaße!“ Mehr und mehr Influencerinnen schließen sich dieser Bewegung an. Ihr Ziel: Transparenz schaffen und zeigen, dass Instagram oftmals ein verzerrtes Realitätsbild vermittelt. Ein wichtiger Schritt, um insbesondere junge Nutzer*innen von dem Druck zu befreien, einem bestimmten Ideal zu entsprechen und sie stattdessen zu ermutigen, sich kreativ und vor allem selbstbestimmt auf Instagram darzustellen.

Selbstinszenierung auf Instagram – ein reines „Frauenthema“?

Auch Jungen und Männer, die Plattformen wie Instagram häufig nutzen, sind um eine optimale Selbstdarstellung bemüht. So zeigen die Studienergebnisse von Plan International, dass männliche User in ihrer Selbstinszenierung auf Instagram zwar weniger präzise vorgehen als Frauen, dennoch genau überlegen, wie sie sich möglichst gut darstellen können. Entsprechend werden vor dem Posten eines Fotos der Bildhintergrund, der Gesichtsausdruck sowie die Körperhaltung kontrolliert. Die männlichen Befragten gaben außerdem an, sich in den sozialen Medien cooler und lustiger zu präsentieren, als sie sich im realen Offline-Leben einschätzen würden.

Handlungsbedarf für die Medienpädagogik

Für die Medienpädagogik ergibt sich daraus großer Handlungsbedarf. Wichtig ist es, junge Menschen über die verschiedenen Inszenierungsstrategien auf Instagram aufzuklären und sie für Themen wie Filter, übermäßige Bearbeitungen und unnatürliche Körper- und Schönheitsideale zu sensibilisieren. Werden die verschiedenen Inszenierungsmuster durchschaut, fällt es jungen Nutzer*innen eventuell leichter, Instagram-Inhalte kritisch zu reflektieren und ihre Wirkung auf sich selbst zu relativieren.

Plan International: Rollenbilder in den sozialen Medien. Umfrage von Plan International zu Rollenbildern in den sozialen Medien, https://www.plan.de/presse/rollenbilder-in-den-sozialen-medien.html (abgerufen am 01.05.2019).

Götz, Maya / Becker, Josephine: Das „zufällig“ überkreuzte Bein. Selbstinszenierungsmuster von Influencerinnen auf Instagram, https://www.br-online.de/jugend/izi/deutsch/publikation/televizion/Digital/Goetz_Becker-Ueberkreuztes_Bein.pdf (abgerufen am 01.05.2019).

Götz, Maya: „Man braucht ein perfektes Bild“. Die Selbstinszenierung von Mädchen auf Instagram, https://www.br-online.de/jugend/izi/deutsch/publikation/televizion/Digital/Goetz-Perfektes_Bild.pdf (abgerufen am 01.05.2019).

Instagram-Nutzung bei 14- bis 19-Jährigen, in: Medienpädagogischer Forschungsbund Südwest (mpfs): JIM-Studie 2018, S. 38 f. https://www.mpfs.de/studien/jim-studie/2018/ (abgerufen am 01.05.2019).

Autorin

Lena Wandner ist künftige Absolventin des Masterstudiengangs Kinder- und Jugendmedien der Universität Erfurt. Ihre Arbeits- und Interessenschwerpunkte liegen in der Medienwirkungsforschung und dem Bereich des Jugendmedienschutzes. Derzeit unterstützt sie die Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen e.V. (FSF) in redaktionellen Tätigkeiten als Autorin für den fsf blog sowie den Medienradar.

[Bild: Privat]
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