Interview

Partizipativer Jugendmedienschutz

Wie junge Nutzer*innen digitalen Jugendmedienschutz wahrnehmen

Elena Frense, Lena Wandner

aus: fsf blog, 18. September 2020

Die Frage nach einem zeitgemäßen Kinder- und Jugendmedienschutz ist nicht nur politisch brandaktuell, sondern muss auch die Perspektive von Kindern selbst mit einbeziehen. Der Schutz von Kindern und Jugendlichen im Kontext von digitalen Medien wird an- und ausdauernd diskutiert, aber meist wird über sie diskutiert, statt mit ihnen. Lena Wandner sprach mit Elena Frense über deren Masterarbeit mit dem Titel: Kinder- und Jugendmedienschutz in der digitalen Welt aus Perspektive junger Nutzer*innen – Ein partizipatives Projekt.

In deiner Arbeit geht es um die Ausgestaltung des Jugendmedienschutzes aus Perspektive von Kindern und Jugendlichen. Wie bist du auf das Thema gekommen? 

Während meines Praktikums beim Bundesfamilienministerium bin ich zum ersten Mal näher mit der Novellierung des Jugendmedienschutzgesetzes in Berührung gekommen. Ich fand das Thema aus einer Kinder- und Jugendschutz-Perspektive sehr interessant. Allerdings ist mir dabei deutlich geworden, dass es in dem Diskurs vielfach an der Perspektive von Kindern und Jugendlichen mangelt, also denen, die der Jugendmedienschutz direkt betrifft.  

Warum ist es so wichtig, Kinder in die aktive Ausgestaltung des Jugendmedienschutzes miteinzubeziehen?  

Der Jugendmedienschutz kann nur dann Kinder und Jugendliche effektiv vor Risiken schützen, wenn er an der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen ansetzt. Daher ist es von zentraler Bedeutung, sie an diesem Prozess zu beteiligen, um zum einen die Risiken zu erfassen, die die Kinder und Jugendlichen selbst als solche wahrnehmen, zum anderen auch gemeinsam Strategien zu entwickeln, damit die Jugendmedienschutzmaßnahmen so umgesetzt werden, dass sie von Kindern und Jugendlichen als hilfreich empfunden und akzeptiert werden. Die Beteiligungsrechte der UN-Kinderrechtskonvention – insbesondere Artikel 12 – besagen, dass Kinder in allen Angelegenheiten, die sie betreffen, gehört werden sollen und ihre Meinung zu berücksichtigen ist. Der Jugendmedienschutz ist ein Thema, das die Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen direkt betrifft. Deshalb haben sie auch bei diesem Thema ein Recht dazu, gehört zu werden.

In deiner Arbeit schreibst du, dass du eine „Studie mit und nicht über Kinder“ durchgeführt hast – wie lief das genau ab?  

In der Studie habe ich eine qualitative partizipative Forschungsmethode gewählt. Konkret waren das in meinem Falle Workshops und darauf aufbauende leitfadengestützte Gruppendiskussionen. Diese habe ich dann in einer sechsten und in einer zehnten Schulklasse durchgeführt.

Inhaltlich hatten die Workshops drei Schwerpunkte: im ersten Teil stand vor allem die Sensibilisierung für das Thema Jugendmedienschutz und dessen Rolle in der Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen im Vordergrund. Im zweiten Teil wurden Online-Risiken und Umgangsstrategien mit diesen behandelt. Und im dritten Teil wurden in Kleingruppen Handlungsempfehlungen für die verschiedenen Säulen des Jugendmedienschutzes erarbeitet. Diese Ergebnisse habe ich dann noch einmal mit jeweils vier bis sechs Kindern und Jugendlichen in insgesamt vier Gruppendiskussionen kritisch reflektiert.

In deinem konzipierten Workshop und den Gruppendiskussionen hatten die Schüler*innen die Möglichkeit, aus ihrer Perspektive relevante Online-Risiken zu benennen – Welche Risiken sprachen sie an?

Die Kinder und Jugendlichen haben eine unglaubliche Fülle an Risiken benannt. Diese im Einzelnen aufzuzählen, würde hier den Rahmen sprengen. Ich kann jedoch schlaglichtartig einige der wichtigsten Erkenntnisse zusammenfassen: Gewalt und Pornografie – also quasi die inhärenten Risikodimensionen des Jugendmedienschutzes (siehe Glossareintrag Wirkungsrisiken (Jugendmedienschutz)) – stellen auch für die Kinder und Jugendlichen wichtige Risiken dar. Viel zentraler sind für diese Altersgruppen jedoch Datenschutz- und Privatsphäre-Risiken. Das sogenannte Screenshotting – die Aufnahme eines Bildschirmfotos – ohne Konsens der betreffenden Person und die Weiterleitung dieser privaten und/oder persönlichen Daten und Inhalte, stellt beispielsweise ein häufig genanntes Risiko dar. Dies wiederum steht in enger Verbindung mit dem Risiko des Cybermobbings, aber auch mit Mobbing im analogen Alltag, wenn diese Inhalte für Peers Ausgangspunkt für Mobbing sind. Als besonders problematisch wird nicht nur empfunden, dass es überhaupt die Möglichkeit zur Anfertigung von Screenshots gibt, sondern insbesondere, dass dies vollkommen anonym geschehen kann.

Insgesamt wurde von vielen Heranwachsenden kritisiert, dass Datenschutzeinstellungen entweder intransparent oder unzulänglich bis nicht vorhanden sind. Auch suchtfördernde Features innerhalb populärer Messengerdienste, wie beispielsweise die Flammen auf Snapchat, werden kritisch betrachtet.

Ein weiteres Risiko, das mit den viel rezipierten Influencer*innen zusammenhängt, ist, dass diese in sozialen Medien unrealistische Lifestyles und Schönheitsideale vermitteln und nicht transparent über ihre Geschäftsmodelle kommunizieren, weshalb Kinder und Jugendliche leicht von ihnen manipuliert werden können.

Wie wird auf die benannten Risiken reagiert, haben die Kinder bestimmte Strategien?

Die Kinder und Jugendlichen haben eine Vielzahl an Strategien entwickelt, um diesen Risiken entweder vorzubeugen (präventive Strategien) oder diesen zu begegnen (reaktive Strategien). Dazu zählen beispielsweise das Melden, Blockieren oder Löschen von Personen, die ihnen merkwürdig vorkommen. Zudem wird, um sich vor Privatsphäre-Risiken zu schützen, von den Privatsphäre-Einstellungen der Anwendungen Gebrauch gemacht. Wenn Inhalte rezipiert werden, die als verstörend empfunden werden, wird oft mit den Eltern oder Peers darüber kommuniziert.

Bei den Strategien, bei denen die Heranwachsenden von den Anbietern abhängig sind, stoßen sie allerdings auch an Grenzen – wenn beispielsweise auffällige Personen häufig gemeldet werden und dies keine Konsequenzen hat. An diesen Stellen sehen sie deutlichen Handlungsbedarf seitens der Diensteanbieter und des Gesetzgebers, indem effektive Beschwerdemechanismen etabliert werden.

Wie bewerten die Schüler*innen (gesetzliche) Sicherheitsmaßnahmen und Regulierungsmechanismen? Werden etablierte Schutzmaßnahmen wie Altersfreigaben als sinnvoll erachtet?  

Die befragten Kinder und Jugendlichen schätzen durchaus die staatlichen Regulierungsmaßnahmen. So wurde beispielsweise befürwortet, dass bestimmte Altersstufen auf gewisse Inhalte (wie z. B. Pornografie) keinen Zugriff haben sollten. An einigen Stellen wünschen sich Kinder und Jugendliche sogar noch verstärkte Regulierung, wie beispielsweise einen Verhaltenskodex für Influencer*innen oder Altersverifikationssysteme für bestimmte Inhalte, vor denen sie geschützt werden wollen. Zudem wurden Wünsche, was die Ausgestaltung des Systems der Regulierten Selbstregulierung angeht, geäußert. So wurde beispielsweise für eine stärkere Ausdifferenzierung der Alterskennzeichen plädiert, da die Lücken zwischen den Altersstufen teilweise als zu groß wahrgenommen werden.

Sowohl aus den Workshops als auch aus den Gruppendiskussionen geht hervor, dass seitens der Heranwachsenden ein großes Bedürfnis nach Partizipation besteht, um an der Ausgestaltung des Jugendmedienschutzes mitzuwirken. Was sind dabei konkrete Forderungen?

Sie wünschen sich vor allem, an politischen Prozessen partizipieren zu können, damit erlassene Gesetze ihre Lebenswelt berücksichtigen. Konkret wurde dabei das Beispiel von Artikel 12 der EU-Urheberrechtsreform (► Urheberrecht) genannt. Dieses wurde für die Konsequenzen kritisiert, die dies für die Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen in sozialen Medien mit sich bringe. Primär steht bei den Kindern und Jugendlichen der Wunsch im Vordergrund, beteiligt zu werden, um mitgestalten zu können.

Dein Projekt ist aus medienpädagogischer Sicht sehr relevant, da es den Diskurs über Onlinerisiken in den schulischen Kontext einbettet und somit zur schulischen Medienbildung beiträgt. Was wünschen sich Lernende von der schulischen Medienerziehung?

Zunächst einmal wünschen sie sich, dass Medienerziehung überhaupt Eingang in die Schule findet, und das ab einem möglichst frühen Alter – sei es im Unterricht oder in einer AG. Diese sollte dann auch an der Lebenswelt und dem Mediennutzungsverhalten der Kinder und Jugendlichen ansetzen. Ein anderer Wunsch bestand nach Formaten der Peer Education, da Bildungsansätze, die rein von Erwachsenen konzipiert und durchgeführt werden, teilweise als realitätsfern angesehen werden.

Basierend auf deinen Projekterfahrungen, aber auch aus deiner eigenen Perspektive heraus, wie sieht für dich ein zeitgemäßer Jugendmedienschutz aus?

Ein zeitgemäßer Jugendmedienschutz sollte Kinder und Jugendliche in den Mittelpunkt stellen und sich an ihrer Lebenswelt orientieren, diesen in den Prozessen Gehör verschaffen und vor allem agil bleiben, um sich an die komplexen, sich verändernden Realitäten anpassen zu können.

Was ist die wichtigste Erkenntnis, die du für dich aus dem Projekt mit den befragten Schüler*innen ziehen konntest?

Die wichtigste Erkenntnis ist wahrscheinlich, dass der Ansatz Schutz durch Partizipation und Befähigung, also dass Kinder durch Befähigung an Maßnahmen zu ihrem Schutz partizipieren, funktioniert. Bei Erwachsenen besteht oft ein Schutzimpuls, da sie glauben, am besten einschätzen zu können, wovor Kinder wie geschützt werden sollten – und in vielen Fällen ist dies auch richtig und wichtig. Mit Kindern dennoch in den Dialog zu treten und – entsprechend ihrer sich entwickelnden Fähigkeiten – die Schutzmaßnahmen gemeinsam mit ihnen zu entwickeln und deren Ausgestaltung zu planen, ist jedoch meiner Ansicht nach der viel effektivere Weg, da gemeinsam erarbeitete Maßnahmen nicht nur besser akzeptiert werden, sondern auch effektiver an den Problemlagen und Bedarfen der Heranwachsenden ansetzen.

Interview mit

Elena Frense ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Stiftung Digitale Chancen im Projekt Medienerziehung im Dialog, Dozentin an der Fachhochschule Potsdam im Masterstudiengang Childhood Studies and Children’s Rights und Mitbegründerin der Kinderrechtsinitiative Children’s Rights Academy. Im März 2020 erschien beim Verlag Debus Pädagogik ihre erste Monografie Partizipativer Jugendmedienschutz – Anforderungen an einen zeitgemäßen Jugendmedienschutz aus Perspektive von Kindern und Jugendlichen. Sie publiziert regelmäßig zu kinderrechtlichen Fragen, insbesondere im Bereich des Jugendmedienschutzes.

[Bild: privat]
Interview von

Lena Wandner ist künftige Absolventin des Masterstudiengangs Kinder- und Jugendmedien der Universität Erfurt. Ihre Arbeits- und Interessenschwerpunkte liegen in der Medienwirkungsforschung und dem Bereich des Jugendmedienschutzes. Derzeit unterstützt sie die Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen e.V. (FSF) in redaktionellen Tätigkeiten als Autorin für den fsf blog sowie den Medienradar.

[Bild: Privat]
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