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Jugendmedienschutz im gesellschaftlichen Wandel

Uwe Breitenborn, Barbara Weinert

Medienradar, 10/2020

Die Gesellschaft befindet sich in einem ständigen Wandel. Ebenso ist auch der Jugendmedienschutz keine statische Größe. Wie sich der Blick der Jugendschützer*innen auf Kinder und Jugendliche über die Jahrzehnte verändert hat, und wieso der restriktive Jugendmedienschutz heute immer mehr an seine Grenzen gerät, wird im folgenden Artikel erläutert.

Traditionell standen lange Zeit Aspekte des Bewahrens „bestehender Normen und Werte bei der Erziehung“ und Beschützens „vor möglichen schädlichen Einflüssen“[1] im Fokus des Jugendmedienschutzes. Kinder und Jugendliche galten als passive, leicht zu beeinflussende Rezipierende. In einem Streifzug durch mehrere Jahrzehnte deutscher Medien-Indizierungsgeschichte der Bundesprüfstelle haben der Kommunikations- und Medienwissenschaftler Daniel Hajok und der Medienpädagoge Daniel Hildebrandt die Veränderungen des Jugendmedienschutzes in Deutschland auf anschauliche Weise nachvollzogen. Hieraus lässt sich eine „veränderte Sicht der Jugendschützerinnen und Jugendschützer erkennen, die der Jugend zu Beginn aus einer normativ-reglementierenden Haltung heraus enge Grenzen setzte, bevor differenzierter und in vielen Punkten liberaler auf Heranwachsende geschaut wurde“[1]. Deshalb sollte heute neben der Frage „Was machen die Medien mit Kindern und Jugendlichen?“ auch die Frage „Was machen Kinder und Jugendliche mit den Medien?“ im Zentrum des Interesses stehen. 

Wie sehen Jugendschützer*innen Kinder und Jugendliche?

Ein Blick in die Geschichte seit den 1950er-Jahren

Diese Zusammenstellung basiert auf dem Text Das veränderte Bild von Jugend im Jugendmedienschutz: Ein Streifzug durch 64 Jahre Indizierung von Medien von Daniel Hajok und Daniel Hildebrandt (2018). Online ist der Originaltext hier zu finden.

50er- und 60er-Jahre:

Eine neugierige Jugend – (noch) ohne gefestigte moralische Widerstandskraft

Die Perspektive der Jugendschützer*innen:

  • Vorstellung von Jugendlichen als leicht zu beeinflussende, passive Rezipierende
  • Jugendliche gelten als (lebens-)unerfahren, urteilsunsicher, unkritisch und ohne gefestigte moralische Widerstandskraft 
  • insbesondere Kinder sollen vor einer sexual-ethischen Verwirrung bzw. Desorientierung bewahrt werden 

 

1970er- und 1980er-Jahre

Eine (zunehmend) aktiv rezipierende Jugend auf der Suche nach Identität

Die Perspektive der Jugendschützer*innen:

  • die Ausdifferenzierung des Medienangebotes durch den Videoboom mit Horror-, Kannibalen-, Zombie-, Action- und Sexfilmen wird als Gefahr für die Jugend angesehen 
  • durch die „sexuelle Revolution“ ausgelöste gesellschaftliche Entwicklungen und ihre Auswirkungen auf Gesetze und Medien werden stärker berücksichtigt 
  • deutlich häufiger fließen aktuelle Erkenntnisse psychologischer bzw. psychoanalytischer und sexualwissenschaftlicher Forschung in die Argumentation für oder gegen die Annahme einer Jugendgefährdung ein 
  • innerhalb der Wirkungsforschung werden Erkenntnisse der Lerntheorie (siehe Glossareintrag Gewaltwirkung) stärker hinzugezogen 
  • die Vorstellungen von der Entwicklung Heranwachsender sind vorwiegend von der Frage geprägt, wie die Sicherheit eines persönlichen Identitätsbewusstseins erlangt werden kann

 

1990er- und 2000er-Jahre

Eine medienerfahrene Jugend auf dem Weg zu (mehr) Eigenverantwortlichkeit

Die Perspektive der Jugendschützer*innen:

  • die Medienerfahrungen der Heranwachsenden werden stärker berücksichtigt
  • das wahrgenommene Gefährdungspotenzial von Medien differenziert sich aus
  • bei der Beurteilung von Medieninhalten wird zwischen der Meinungsfreiheit und dem Gefährdungspotenzial von Medienprodukten, die zum Beispiel Rassenhass anheizen und Gewalt propagieren, abgewogen
  • pornografisches Material oder explizite Gewaltdarstellungen werden Heranwachsenden vorenthalten
  • befürchtet wird z.B. eine Verrohung, Abstumpfung und Desensibilisierung gegenüber „real erfahrbarer“, alltäglicher Gewalt

In der 2000er-Jahren konzentrieren sich Wirkungsvermutungen vor allem auf folgende Faktoren:

  • die direkte Nachahmung eines medial repräsentierten Verhaltens wird befürchtet
  • es besteht die Sorge vor negativen emotionalen Wirkungen, z.B. einer Beeinträchtigung der Empathiefähigkeit
  • Toleranz, Respekt und Solidarität gelten als wesentliche Orientierung für die Erziehungsziele

2010er-Jahre

Eine Jugend, von der (mehr) Partizipation gewünscht wird

Die Perspektive der Jugendschützer*innen:

  • Jugendliche haben durch Internet und smarte Technologien nahezu unbegrenzten Zugriff auf alle möglichen Medieninhalte
  • neben pornografischen Inhalten werden vermehrt extremistische Inhalte als besondere Gefahr gesehen
  • der Jugend wird immer noch eine (leichte) Beeinflussbarkeit attestiert, da sich die Heranwachsenden noch im geistigen und charakterlichen Reife- und Entwicklungsprozess befinden
  • Kinder und Jugendliche sollen lernen, andere Menschen zu tolerieren und zu respektieren, auch wenn diese anderen Rassen, Religionen oder Ideologien angehören
  • ein konstruktiver und kritischer Umgang mit Medien soll ermöglicht werden

Neue Entwicklungen – Neue Herausforderungen

Die Zeiten, in denen Jugendmedienschutz allein mit Ausweiskontrollen an der Kinokasse und Sendezeitfreigaben bei den deutschen Privatsendern realisiert werden konnte, sind längst vorbei. Je mehr der Medienmarkt gewachsen ist, desto komplexer ist auch das System des Jugendmedienschutzes mit all seinen Institutionen geworden. Die feingliedrige Segmentierung nach Mediensparten und Vertriebswegen ist für viele nur noch begrenzt verständlich und nachvollziehbar. Zudem, so konstatiert es auch Claudia Mikat, Geschäftsführerin der FSF, kommt das Jugendmedienschutzsystem angesichts zunehmender Verschmelzung verschiedener Medien- und Kommunikationskanäle auf der technischen und inhaltlichen Ebene sowie der Nutzungsebene (Medienkonvergenz) an seine Grenzen[2].  

Globalisierte Medienmärkte und die damit einhergehende Zunahme “grenzüberschreitender Distributions- und Kommunikationsplattformen” stellt Jugendschützer*innen vor neue Herausforderungen[3]. Das massenhafte Onlineangebot, zunehmend erweitert durch nutzer*innengenerierte Inhalte, verbreitet sich in internationalen Netzwerken. Diese fallen nicht unter den Geltungsbereich der nationalen Gesetzgebung und verhindern oder erschweren damit bisherige Formen der Zugangsbeschränkung. Dennoch zeigen sich auch internationale Anbietende kooperativ und versuchen verstärkt mit technischen Sicherheitsvorkehrungen den jugendschutzrelevanten Standards in Deutschland gerecht zu werden. Eine Übersicht zu den verschiedenen Jugendschutzvorkehrungen beliebter Dienste wie Netflix, Amazon und Co. kann hier eingesehen werden:

Die Jugendschutzbereiche der verschiedenen Streamingdienste sind auf den jeweiligen Seiten einzusehen. Amazon Prime Video verfügt über Informationen zur Kindersicherung und einer Anleitung zur Einrichtung der Kindersicherung. Joyn informiert hier zum Jugendschutz. Auch Netflix stellt eine Anleitung zur Einrichtung der Kindersicherung und eine Erläuterung der Alterseinstufung bereit. Informationen zum Jugendschutz bei Sky findet sich bei Sky allgemein und Sky TICKET.

„Konvergente Medienwelten” bieten Heranwachsenden nicht nur eine Fülle an Inhalten, sondern ermöglichen ihnen eine zunehmend aktive und autonome Mediennutzung[4]. Das Bild des passiv rezipierenden Heranwachsenden ist längst überholt. Kinder und Jugendliche bringen sich in den medialen Diskurs mit ein, partizipieren. Dies geht mit Chancen, aber auch mit neuen Risiken einher. So haben es Jugendschützer*innen im Internet schon seit einigen Jahren mit (neuen) Phänomenen wie Cybermobbing, Hate Speech oder sogenannten “Challenges” zu tun. Mehr dazu erfahren Sie auch in der Playlist "Gefahren im Netz".

Vor diesem Hintergrund kommt dem „präventivem Jugendmedienschutz“ als gesamtgesellschaftliche Aufgabe eine immer zentralere Rolle zu. Hierbei geht es um die Förderung der individuellen Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen. Die jungen Nutzenden sind hier ebenso gefragt wie Eltern, Pädagog*innen, gesellschaftliche Institutionen und Anbieter*innen. Das Lehrangebot des Medienradars soll bei der Stärkung von Medienkompetenz helfen. Zahlreiche Institutionen haben außerdem Informationen und Materialien bereitgestellt, um Erwachsene, Lehrende und Multiplikator*innen in der Medienpädagogik zu unterstützen. Eine exemplarische Auswahl dieser Anbieter soll die Recherche erleichtern und einen kleinen Einblick geben.

Informationen und Hinweise zur sicheren Mediennutzung für Erwachsene, Lehrende & Multiplikator*innen:

Projekte und Unterrichtsmaterialien für die schulische Medienbildung:

Apps und Anwendungen:

1. Hajok, Daniel, Hildebrandt, Daniel: Das veränderte Bild von Jugend im Jugendmedienschutz. Ein Streifzug durch 64 Jahre Indizierung von Medien, in: tv diskurs, Ausgabe 85, 3/2018, S. 68-73 (Zitat S. 69).

2. Mikat, Claudia: Jugendschutz im Fernsehen. Stand und Perspektiven nach 25 Jahren FSF, in: tv diskurs, Ausgabe 88, 2/2019, S. 51-54.

3. Dreyer, S., Hasebrink, U., Lampert, C. & Schröder, H.-D. (2013): Herausforderungen für den Jugendmedienschutz durch digitale Medienumgebungen. Soziale Sicherheit (CHSS), (4), S. 195-199 (Zitat S. 198).

4. Hajok, Daniel: Veränderte Medienwelten von Kindern und Jugendlichen. Neue Herausforderungen für den Kinder- und Jugendmedienschutz, in: BPjM-Aktuell 3/2014, S. 3-17 (Zitat S. 12).

Autor

Dr. Uwe Breitenborn ist Publizist und Autor mit den Schwerpunkten Mediengeschichte, Musiksoziologie, Sozial- und Kulturwissenschaft.

[Bild: Inter.Vista]
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Barbara Weinert arbeitete bei der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen als Redakteurin für die Zeitschrift tv diskurs. Derzeit ist sie an der Universität Passau in der Abteilung Kommunikation und Marketing tätig.

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