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Gafferkultur?

Anmerkungen zum True-Crime-Boom

Uwe Breitenborn

In: tv diskurs: 25. Jg., 3/2021 (Ausgabe 97)

„Gehen Sie weiter, es gibt nichts zu sehen!“ So mögen Kritiker des True-Crime-Hypes rufen. Mit moralischen Interventionen wird man diesem Hype kaum beikommen. Das ist auch nicht unbedingt nötig. Aber die teils schamlose dokumentaristische Ausweidung menschlichen Unglücks zum Zwecke des Amüsements bleibt eine Herausforderung für den Jugendmedienschutz.

Die mediale Verwertung von psychopathischen oder sozial-dysfunktionalen Beziehungen samt Mord und Totschlag ist im vollen Gange. Auch die Auseinandersetzung damit nimmt an Fahrt auf, wobei sich zwei Perspektiven herausschälen. Einerseits werden sozialethische Schieflagen registriert, andererseits wird True Crime als ein weiteres „unterhaltendes“ Programmangebot aus dem Reality-Doku-Kosmos mit begrenzter Relevanz wahrgenommen. Beide Perspektiven spiegeln sich in der Spruchpraxis der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) wider, wobei milde True-Crime-Exemplare wie Mein (fast) perfektes Verbrechen (2010) es mittlerweile bis ins Tagesprogramm schaffen. Die meisten Produktionen erhalten eine Freigabe zwischen 12 und 16 Jahren, bei besonderer Intensität aber auch schon mal eine 18. So wurde eine Episode der Produktion Jeffrey Dahmer: Killer Cannibal (2019) dementsprechend bewertet, da sie sich im Wesentlichen auf die Erzählung grausamer Morddetails inklusive Kannibalismus und Nekrophilie konzentrierte und dabei recht deutlich die Täterperspektive als Mittel einer spekulativen, reißerischen Spannungserzeugung einnahm. Die Opfersicht war hingegen marginal. Gleiches traf auf den deutschen Vierteiler Der Rhein-Ruhr-Ripper (2021) zu, dessen Drastik nur eine Freigabe ab 18 Jahren zuließ.

Vermehrt erscheinen kritische Beiträge, die ernsthafte ethische Bedenken bezüglich dieser Formate vortragen. So nimmt Margarete Stokowski in ihrer „Spiegel“-Kolumne im Mai 2021 viel Diskussionswürdiges ins Visier, insbesondere die ausbeuterische Ruchlosigkeit („widerliches Business“), die häufigen Femizide in diesen Formaten und das „pietätlose Stochern im Leben der Opfer“ (Stokowski 2021). Ihre aufgebrachte Analyse gipfelt in einer satirischen Replik auf Neil Postman: „Wir amüsieren uns über Tode.“ Oder wie es Torsten Körner medienethisch zuspitzte: „Wie […] kommen [eigentlich] die Täter jenseits der kriminologischen und justiziellen Aufarbeitung und Sanktionierung davon? Auf wem liegt der Empathie-Fokus des Formats? Und wie wird die Opferbiografie im Verhältnis zum Täter gewürdigt?“ (Körner 2020, S. 78)

Konfektionsware versus epische Formate

True Crime wird schnell zur Konfektionsware. Auch deutsche TV-Produzenten ziehen nach. Nur ein paar Beispiele: 2016 gingen fünf Episoden der Serie Protokolle des Bösen an den Start, in denen Profiler Stephan Harbort Gespräche mit „deutschen Serienkillern“ führt, die in den Folgen von Schauspielern wie Uwe Ochsenknecht, Michaela May oder Fritz Wepper verkörpert werden. Joe Bauschs Format Im Kopf des Verbrechers (2016) kommt mittlerweile auf sechs Staffeln. Für TVNOW ging im Mai 2021 der Vierteiler über den Rhein-Ruhr-Ripper Frank Gust an den Start, reichhaltigst bestückt mit Originalaufnahmen des Mörders. Das ZDF hat seit 2020 mit Das Böse im Menschen eine True-Crime-Talkshow mit Sven Voss und der medial stark präsenten Kriminalpsychologin Lydia Benecke am Start.

So unterschiedlich die Formate auch sein mögen, Emotions- und Produktionsdesign sind oft sehr ähnlich. Reenactments, Talking Heads, Originalaufnahmen, viel Text. Oft stehen die Täter im Zentrum einer raunenden Erzählung. Pathologisierung und eine um Fassung ringende Psychologisierung – à la „Wie konnte das passieren? – sind an der Tagesordnung. Formate wie I am a Killer (Netflix 2018) setzen gleich ganz auf die Täterperspektive. Während viele Formate auf schnell konsumierbare Einheiten setzen, entwickeln sich vor allem im Streamingbereich epischere Formate, die eine ausgedehnte Erzählung bestimmter Aspekte favorisieren. Im europäischen Raum wird beispielsweise mit Produktionen über das Verschwinden von Madeleine McCann immer wieder nachgelegt. Für Furore sorgte auch die US-Serie Making a Murderer (Netflix 2015), bei der die beiden Autorinnen Laura Ricciardi und Moira Demos den Fall des zunächst unschuldig Verurteilten Steven Avery über einen Zeitraum von zehn Jahren begleiteten. Die kontroverse Produktion enthält einige Twists und hatte direkte Auswirkungen auf reales Justizgeschehen in den USA (siehe Dehn 2017).

Auch Ted Bundy geht immer. Er ist sozusagen der Darling unter den Serienkillern, da er eine starke Ambivalenz aufweist. Einerseits der Sonnyboy, andererseits die Bestie. Äußerst populär war die Netflix-Produktion Conversations with a Killer: The Ted Bundy Tapes (2019) mit Originalinterviews. Derzeit kann man sich mit Ted Bundy: Falling for a Killer (USA 2020) der Frage widmen, wie sein „pathologischer Hass auf Frauen mit den Kulturkriegen und der feministischen Bewegung der 70er kollidiert“ (Amazon Prime Video). Zu Wort kommen vor allem überlebende Frauen und Gefährtinnen des Mörders, wie die Langzeitfreundin Elizabeth Kendall und ihre Tochter Molly. Hier wird ein größerer Rahmen aufgezogen, was durchaus spannend ist, aber im Kern sind wir wieder im Fahr­wasser von Ted Bundys Mordlust. Das Thema „Emanzipation“ lässt sich zweifellos auch ohne Killer erzählen.

Mit Sky Crime gibt es seit April 2021 in Deutschland einen weiteren True-Crime-Kanal, das „neue Zuhause für alle Fans von Hochspannung und True Crime“, so der Sender auf seiner Website. Zu finden sind dort exklusive Erstausstrahlungen wie z.B. The Vow (2020), die HBO-Serie über die Psycho-Sekte NXIVM, oder nonfiktionale Crime-Konfektionsware wie The Mark of a Killer (2019), Snapped: Killer Couples (2013) oder Diabolical – Teuflische Morde (2018). Hinzu kommen exklusive Eigenproduktionen wie die Dokumentation Wirecard – Die Milliarden-Lüge (2021). Außerdem am Start: der True-Crime-Podcast Verbrechen von nebenan (2019). Das Zeug läuft also! Netflix und Co. setzten von Beginn an auf diese Formate und puschten gehörig deren Aufstieg. Auch ARD und ZDF haben mächtig aufmunitioniert, sodass im öffentlich-rechtlichen TV wie im Hörfunk ebenfalls ein umfängliches Arsenal an wahren Verbrechensgeschichten lauert. Und dann sind da noch all die Fahndungs- und Ratgebersendungen: Täter – Opfer – Polizei (RBB), Kripo live (MDR), Maintower Kriminalreport (HR) oder Kriminalreport (ARD). Auch hier geht es um „wahre Kriminalität“ – aber aktuell, mit weniger Psychologie.

Menschen mögen Verbrechen. Nicht am eigenen Leibe, aber als Beobachtung, als Entertainment. True Crime ist nicht nur das Gruseln und Ergötzen am Leiden der anderen. Nein, es ist auch eine Art Crashkurs in Psychopathologie, der sich wohlkonfektioniert und häppchenhaft durch das TV-Dickicht schiebt, hübsch dramatisiert zum wohligen Glotzabend zwischen Ingwerlimonade, Gin Tonic und Jalapeño-Nüssen. Scharfes Zeug. Die Formate sind einerseits wahre Schauergeschichten, sie sind aber auch forensisch-dokumentarisch aufbereitete TV-Rätsel, die in der Regel nach 40 Minuten mit der Erklärung aufwarten. Quiz und Rätsel – das Publikum liebt es, Jung und Alt.

Karambolagen authentischen Lebens

Das Label „True Crime“ nobilitiere den Mörder, so Torsten Körner, „denn es macht ihn zum Auteur des Erzählens, er ist nicht nur der Täter, sondern auch der Regisseur, der Erzähler, der Handschriften-Inhaber. Er mordet, damit wir unterhalten werden. Diese Formate antizipieren den Albtraum prospektiver Opfer: Ich musste sterben, damit die Quote stimmt.“ (Körner 2020, S. 77) Da ist natürlich etwas dran, denn es erinnert uns auch an unsere Rolle. Wir sollten uns auch mit den Tiefenwirkungen dieser „bluttriefenden Erzählungen“ befassen. „Das Verbrechen beginnt im Kopf und manchmal ist Hinsehen ein Verbrechen.“ (ebd.)

Eigentlich sind wir Gaffer bei den Auffahrunfällen und Karambolagen des menschlichen Lebens. Helmut Thoma meinte einmal, Fernsehen bestehe immer auch aus Voyeurismus. Reality-TV sei das unsägliche Glück, bei einem Unglück dabei zu sein. So ist es auch ein bisschen mit den True-Crime-Formaten. Sie sind voller Unglück, Hinterhältigkeit, Niedertracht, aber auch durchspült von Emotionen und Getriebensein. Wie bei allen neueren TV-Formaten wird True Crime auch von technologischer Verdichtung, kommunikativer Beschleunigung, Übererregung, Spekulationslust und endloser Informationsgier getrieben. Die grenzenlose Vernetzung und schier endloses Bildmaterial ermöglichen die Ausleuchtung jeder Schmuddelecke der Welt. Alles kann gesehen, behauptet, beleuchtet werden. Fiktion ist schön, aber „Realität“ ist schöner.

True Crime hat sich in eine Spirale um Dramatisierung und höchste Authentizität begeben. Waren es in früheren Formaten oft noch statische Opfer-, Täter- und Tatortfotos, so bieten viele True-Crime-Formate mittlerweile originale Film- und Tonaufnahmen der Täter an. So dürfen wir beispielsweise in The Mark of a Killer (2019) (Episode 201) den bizarren Anrufen des „Weepy Voiced Killers“ Paul Stephani lauschen und ihm kurz beim TV-Interview zusehen („ich lächelte“). Spooky. Auch Opfer kommen in solchen Authentizitätsreferenzen vor, manchmal als panische Anruferin, manchmal als Foto einer zugerichteten Leiche oder als Überlebende. Noch intensiver kommt der Vierteiler Der Rhein-Ruhr-Ripper daher. Bestückt mit sehr vielen O-Tönen des Mörders aus den Interviews mit der Kriminologin Petra Klages wird der Täterperspektive ein riesiger Raum eingeräumt. Und das ist auch das Problem. Hier entsteht eine Distanzlosigkeit, die sozialethisch problematisch ist (siehe Breitenborn 2021).


„Eine Verwischung der Grenzen zwischen Dokumentation und Fiktion ist für viele True-Crime-Formate konstitutiv.“


Die nächste Stufe der True-Crime-Spirale ist bereits gezündet: das Echtzeit-Verbrechen. Seitdem jeder einen Livestream über Social-Media-Plattformen einrichten kann, ist auch diese Grenze gefallen. Noch mehr Bildmaterial. Noch authentischer. Über all dem thront der Anspruch des Dokumentarischen – oder zumindest des Dokumentierten. Das bleibt der Kern von True Crime: einen dokumentarischen Anspruch erheben durch Strategien der Authentifizierung. „Hierzu gehören: das filmische Beharren auf der Kontingenz des jeweils Sicht- und Hörbaren; genaue Angaben zu Raum und Zeit des jeweiligen Geschehens; dessen Einordnung in geografische, historische und soziale Zusammenhänge; die Präsentation von Zeugen; die Hervorhebung der Augenzeugenschaft der Dokumentaristen oder Journalisten; Zitierung von Quellen und anderes mehr.“ (Keppler 2017, S. 240) Ob ein Film den von ihm erhobenen dokumentarischen Gestus jedoch erfüllt, zeigt sich hingegen nicht nur an seinen formalen Eigenschaften. Hier ist letztlich das Urteil des Publikums gefragt, so Keppler (ebd., S. 241). Eine Verwischung der Grenzen zwischen Dokumentation und Fiktion ist für viele True-Crime-Formate konstitutiv. Übrig bleibt ein gefühlsschwangerer Dokumentarismus, bei dem die Bilder ihre „eigene“ Wirklichkeit konstituieren. Vielen Produktionen mangelt es an Distanz. Nähe und Intimität in der Verbrechensdarstellung sind das A und O.

Wahre Kriminalität, Ware Kriminalität

Der Realitätsgehalt ist ein wesentliches Kriterium in der jugendschützerischen Bewertung. Die Begriffe „Post-Truth“ und „postfaktisch“ wurden 2016 in den jeweiligen Sprachräumen zum „Wort des Jahres“ gewählt. Technologie, Verdichtung und Vernetzung verursachen mit ihrer überbordenden Allgegenwärtigkeit von Bildern und Narrativen ein gigantisches Rauschen von allem, das sich einer Eindeutigkeit entzieht und dem Identitätsnarrative entgegengesetzt werden. Ob pro oder kontra, es ist egal. „Die ausufernde Praxis des Dokumentierens, die Allgegenwart und oft echtzeitgeprägte massenhafte Verbreitung filmischer und audiovisueller Aufnahmen und ihre krisen­haften Zuspitzungen stellen die Frage nach theoretischer Orientierung.“ (Fahle 2020, S. 13) Und Claudia Tieschky meint in der „Süddeutschen Zeitung“: „Es ist, als hätten die Anschauungsmöglichkeiten aller Dinge im Internet, als hätten Webcams und Handyvideos dem Reiz der Fiktion einen anderen, ebenso starken entgegengesetzt: das Faktische.“ (Tieschky 2018)

Bei True Crime geht es letztlich nicht um Wahrheit, sondern um die Konstruktion einer Wirklichkeit in bestimmten narrativen Konstellationen. Täter- oder Opferperspektive? Femizide? Evil Twins? Killer Couples? Dämonisierung? Pathologisierung? Entertainment? Mit moralischen Interventionen wird man dem True-Crime-Boom nicht beikommen. Das ist auch nicht nötig. „Beliebt als Ausfluchten aus der Langeweile des Alltags waren Krimis und Thriller natürlich schon immer, doch erst seit die Erzähltechniken im Dokumentarischen filmisches Niveau erreicht haben, ohne dabei den voyeuristischen Nervenkitzel des Authentischen zu verlieren, erst seitdem sind True-Crime-Formate zu einem irren Erfolgsmodell geworden.“ (Kaleyta 2018) Der Jugendmedienschutz wird sich diesen schamlosen Blicken auf die Welt weiter stellen müssen.
 

Literatur:

Breitenborn, U.: Der Rhein-Ruhr-Ripper. Dokumentarische Ausweidungen. In: fsf blog, 03.06.2021. Abrufbar unter: https://blog.fsf.de (letzter Zugriff: 10.06.2021)

Dehn, J.Wenn der Zuschauer zum Detektiv wird. Über die Faszination neuer True-Crime-Formate. In: tv diskurs online, 18.08.2017. Abrufbar unter: https://tvdiskurs.de (letzter Zugriff: 16.05.2021)

Fahle, O.Theorien des Dokumentarfilms. Eine Einführung. Hamburg 2020

Kaleyta, T. K.Verbrechen lohnt sich doch. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.06.2018. Abrufbar unter: https://www.faz.net (letzter Zugriff: 15.05.2021)

Keppler, A.Gestaltete Wirklichkeiten. Zu einigen Besonderheiten des Reality-TV. In: C. Heinze/T. Weber (Hrsg.): Medienkulturen des Dokumentarischen. Wiesbaden 2017, S. 237 – 252

Körner, T.True Crime. Wer wir sind, wenn wir Leichen lesen. In: tv diskurs, Ausgabe 92, 2/2020, S. 76 – 80. Abrufbar unter: https://tvdiskurs.de (letzter Zugriff: 15.05.2021)

Stokowski, M.Boomendes Genre „True Crime“. Boulevard für Besserverdienende. In: Spiegel Online, 18.05.2021. Abrufbar unter: https://www.spiegel.de (letzter Zugriff: 18.05.2021)

Tieschky, C.Echt ist manchmal zu echt. In: Süddeutsche Zeitung, 25.08.2018. Abrufbar unter: https://www.sueddeutsche.de (letzter Zugriff: 15.05.2021)

Autor

Dr. Uwe Breitenborn ist Publizist und Autor mit den Schwerpunkten Mediengeschichte, Musiksoziologie, Sozial- und Kulturwissenschaft. Zudem ist er Dozent und Bildungsreferent bei der Medienwerkstatt Potsdam sowie als hauptamtlicher Prüfer bei der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) tätig.

[Bild: A. Breitenborn]
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