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Hartnäckige Stereotype

Über ethnische Diversität in deutschen Serien und Spielfilmen

David Assmann

Medienradar, 08/2020

Die Darstellung von gesellschaftlicher Diversität in deutschen Filmen und Serien hinkt der Realität meilenweit hinterher. Wer als Mensch mit Migrationsgeschichte hierzulande eine Schauspielkarriere anstrebt, wird mit den immer gleichen, klischeebehafteten Rollenangeboten konfrontiert: Gangster, Gemüsehändler, Prostituierte, Putzfrau. Die Branche tut sich schwer damit, sich von den überkommenen Stereotypen zu lösen, wobei sich die Streaming-Dienste mit einem zeitgemäß diversen Gesellschaftsbild leichter tun als das lineare Fernsehen. Unterrepräsentiert sind Menschen mit Migrationshintergrund aber nicht nur auf dem Bildschirm, sondern auch hinter der Kamera, in den Filmcrews, Produktionsfirmen, Fördergremien – und zwar umso mehr, je höher die hierarchische Position.

Im Jahr 2019 hatten in Deutschland 21,2 Millionen Menschen einen Migrationshintergrund.[1] 26 Prozent, also mehr als jede*r Vierte der hierzulande Lebenden, wurden ohne deutsche Staatsangehörigkeit geboren oder haben mindestens ein Elternteil, bei dem dies der Fall war. Das Land, das sich lange Zeit mit Einwanderung schwer getan hat, ist inzwischen unübersehbar von Migration geprägt – und zwar nahezu überall: Gab es in den 1950er- bis 1990er-Jahren für die sogenannten Gastarbeiter*innen noch typische Einsatzfelder in Industrie und im Dienstleistungssektor, sind Menschen mit Migrationsgeschichte mittlerweile in praktisch alle Bereiche der Gesellschaft vorgedrungen.

Das Bild vom vielfältigen Einwanderungsland wird allerdings kaum bekommen, wer Deutschland vor allem aus dem Fernsehen und Kino kennt. In deutschen Spielfilmen und Serien wird die Gesellschaft so homogen dargestellt wie eh und je. Nimmt man die 18 erfolgreichsten Kinofilme des Jahres 2019 unter die Lupe, so zeigt sich, dass von 86 Hauptrollen gerade einmal 9 an Menschen mit Migrationshintergrund gingen. Migrant*innen nehmen in diesen Geschichten klassischerweise Nebenrollen ein und bedienen dabei oftmals Stereotype: Gangster*in, Gemüsehändler*in, Prostituierte, Putzfrau. Schauspieler*innen, denen ihre ausländischen Wurzeln anzusehen sind, können ein Lied singen von den immer gleichen Klischees, mit denen sie beim Casting konfrontiert werden – wobei die Grenze zum rassistischen Vorurteil durchaus überschritten wird. „Du brauchst gar nicht spielen, sei einfach wie du bist“, lautete die Regieanweisung, berichtet der Schauspieler und Tänzer Hassan Akkouch: „Und die Rolle ist – ein Drogendealer."[2]

Andererseits: Wer in der Branche Fuß fassen und sich behaupten will, kann es sich kaum leisten, sich konsequent zu weigern, ein Kopftuch zu tragen oder gebrochen Deutsch zu sprechen. Es gibt schlicht nicht genug andere Rollen, um über die Runden zu kommen. „Die Klischees sind ja nicht so schlimm, dass man so eine Rolle ablehnen würde“, bekennt der Schauspieler und Regisseur Hussi Kutlucan herzhaft lachend: „Das macht keiner.“

Und so tun die Klischees das, was sie immer tun: sie setzen sich fort, setzen sich fest, in den Drehbüchern ebenso wie in den Köpfen des Publikums, wo sie sich zu einer Vorstellung, einer Erwartung verfestigen, die von Film und Fernsehen wieder und wieder bestätigt wird. Diese Erwartung erschwert es wiederum innovativen Stoffen, Figuren und Herangehensweisen, sich gegen die etablierten Konventionen durchzusetzen. Als zwischen 2008 und 2012 mit Cenk Batu (Mehmet Kurtuluş) erstmals ein türkischstämmiger Tatort-Kommissar ermittelte, erhielt dieser zwar herausragende Kritiken, aber durchweg enttäuschende Quoten.

So hartnäckig sich Stereotype auch halten und so schwerfällig die deutsche Film- und Fernsehbranche auch auf gesellschaftliche Veränderungen reagiert – ein Fortschritt ist doch feststellbar. Zweifellos hat das Bewusstsein für die Thematik in den letzten Jahren erheblich zugenommen. Die real existierende Diversität ist eine Tatsache, der sich auch filmische Fiktionen nicht endlos verschließen können. Ganz zu schweigen vom zunehmenden Marktanteil derjenigen, die sich bislang kaum auf Bildschirm und Leinwand repräsentiert finden. Gerade jüngere Menschen, die ihre komplexe und diverse Lebenswirklichkeit in den altbackenen Film- und Serienstoffen nicht wiedererkennen, haben sich verstärkt vom linearen Fernsehen abgewendet und bei den Streaming-Diensten eine neue Entertainment-Heimat gefunden.

Die amerikanischen Anbieter haben zum einen den Vorteil, dass die Diversitätsdebatte in den USA schon sehr viel länger geführt wird als hierzulande, und sich zum anderen Vielfalt längst als wirtschaftliche Erfolgsstrategie erwiesen hat. Insbesondere Netflix hat sich auf Geschichten um Mitglieder von Minderheiten geradezu spezialisiert und rückt in seinen Produktionen Figuren mit ganz verschiedenen kulturellen und ethnischen Zugehörigkeiten, sexuellen Orientierungen, Genderidentitäten oder Behinderungen in den Fokus. Dabei setzt Netflix nicht auf Muster klassischer Problemstorys, sondern stellt diese Figuren als Teil einer vielfältigen Gesellschaft und Normalität dar.[3] „Diversität ist das eigentliche Geschäftsmodell von Netflix“, bringt es Hernán D. Caro in der FAZ auf den Punkt.[4]

Zunehmende Diversität in den erzählten Geschichten ist jedoch nur die eine Seite. Wie es um die Branche bestellt ist, die diese Geschichten hervorbringt, untersucht die Studie „Vielfalt im Film“. Dabei werden die Erfahrungen von 30.000 Filmschaffenden gesammelt und ausgewertet, mit dem Ziel, „alle Akteure zu befähigen, auf umfassende Chancengleichheit hinzuwirken“, wie die Filmwissenschaftlerin Skadi Loist und der Politikwissenschaftler Joshua Kwesi Aikins, die die Studie mitinitiiert haben, erklären: „Wenn wir diversere Geschichten vor der Kamera wollen und weniger Problemfilme mit stereotypen Rollen, dann brauchen wir Menschen hinter der Kamera, die ihre diversen Erfahrungen einbringen und nuanciertere Geschichten miterzählen können.“[5]

Das Ziel, Vielfalt in der Filmbranche voranzutreiben, verfolgt neuerdings auch die Filmförderung von Hamburg und Schleswig-Holstein. Angelehnt an die 2016 vom British Film Institute eingesetzten Diversity Standards hat sie eine Checkliste konzipiert, die Förderentscheidungen auch vom Umgang mit Diversität abhängig macht. Dabei müsse nicht jedes Projekt in jedem Bereich perfekt divers austariert sein, erläutert Geschäftsführer Helge Albers: „Wir wollen aber sicher gehen, dass sich die Antragsteller Gedanken dazu gemacht haben, welche Positionen sie wie besetzt haben und wer bei ihnen vor der Kamera zu sehen ist. Und wenn ein Projekt nicht divers ist, möchten wir nachvollziehen können, warum das so ist.“[6]

In den Augen der Schauspielerin Mateja Meded ist diese Checkliste nicht mehr als ein „Infoblatt für das weiße Patriarchat“, das die diskriminierenden Strukturen der Branche lediglich verschleiere. Wer es ernst meine mit der Diversität, müsse dafür sorgen, dass Vielfalt bei der Besetzung entscheidungstragender Positionen stattfinde: „Nur wenn wir die Leitungsebenen in Theater und Film neu mit empowerten Künstler*innen besetzen, denen man gesellschaftliche Machtstrukturen nicht erklären muss, wird sich etwas verändern.“[7] In der Tat lohnt sich ein genauerer Blick auf die Positionen, in denen über die Existenz von Filmen und Serien entschieden wird und die sich hierzulande vor allem in den Filmförderanstalten und öffentlich-rechtlichen Sendern befinden. Von den schätzungsweise 350 Mitgliedern von Fernsehredaktionen, Vorständen und Fördergremien haben gerade einmal 10 Menschen einen Migrationshintergrund – das sind nicht einmal 3 Prozent. Erst wenn sich die gesellschaftliche Vielfalt auch auf dieser Ebene abbildet, ist die deutsche Film- und Fernsehbranche wirklich divers. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg.

1. www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2020/07/PD20_279_12511.html  (abgerufen am 16.08.2020). Der Begriff ‚Migrationshintergrund‘, der hier als statistische Größe dient, ist als gesellschaftliche Kategorie umstritten, siehe z. B. www.sueddeutsche.de/politik/migrationshintergrund-irrefuehrende-fiktion-1.4981309 (abgerufen am 16.08.2020).

2. Dieses und einige weitere Zitate sind der ZDF-Dokumentation Kino Kanak – Warum der deutsche Film Migranten braucht (2020) entnommen: www.zdf.de/kultur/kulturdoku/kino-kanak-102.html (abgerufen am 16.08.2020).

3. Vorreiter in Sachen Diversität, Audiobeitrag moderiert von Tim Wiese und Teresa Sickert, Deutschlandfunk Kultur, www.deutschlandfunkkultur.de/streamingdienste-vorreiter-in-sachen-diversitaet.1264.de.html?dram:article_id=481192 (abgerufen am 16.08.2020).

4. Caro, Hernán D.: Geschäftsmodell Netflix. Sehen und gesehen werden, www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/diversitaet-als-geschaeftsmodell-von-netflix-16701341.html (abgerufen am 16.08.2020).

5. Weissenburger, Peter: Gleichstellung in Filmbranche. „Etwas Grundlegendes verändern“, www.taz.de/Gleichstellung-in-Filmbranche/!5695179/ (abgerufen am 16.08.2020).

6. Pilarczyk, Hannah: Diversität in der Filmbranche. „Wir brauchen zusätzliche Anstrengungen“, www.spiegel.de/kultur/kino/wir-brauchen-zusaetzliche-anstrengungen-a-81f148d2-8bfe-4c55-99b1-bfd1c651a82c (abgerufen am 16.08.2020).

7. Ihren in der WELT erschienenen und online hinter einer Paywall stehenden Artikel hat Meded auf YouTube rezitiert: www.youtube.com/watch?v=qxd9b2E6-vg (abgerufen am 16.08.2020).

Autor

David Assmann studierte Mediendramaturgie in Mainz. Er arbeitet als freier Filmkritiker, Filmemacher und Filmwissenschaftler in Berlin, ist Mitglied des Auswahlgremiums für Kinder- und Jugendfilme bei der Berlinale und seit 2018 Prüfer bei der FSF.

[Bild: Privat]
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