Playlist

Ethnisch-kulturelle Vielfalt in Medienproduktionen

Dirk Uhlig, Brigitte Zeitlmann

Medienradar, 09/2020

Eine diverse und vielfältige Gesellschaft, wie sie derzeit in Deutschland besteht, sollte sich am besten auch so in ihrer Medienlandschaft wiederspiegeln. Leider ist dies noch nicht der Fall, weder personell noch thematisch. Allerdings gibt es zahlreiche positive Beispiele, in denen Diversität in den Blick genommen oder einfach umgesetzt wird. In dieser Playlist findet sich eine exemplarische Auswahl solcher Medienproduktionen.

Cash & Carry aus der Kriminalfilmreihe Nachtschicht (ZDF, 2020)

Die Krimireihe Nachtschicht wird seit 2003 für das ZDF produziert, Drehbuch und Regie verantwortet Lars Becker. In Cash & Carry gerät das Geschehen aufgrund von rassistischen Haltungen der Figuren und diskrimnierenden Handlungen ziemlich aus dem Ruder. Auf der Website tittelbach.tv geht Lars Becker näher auf die Problematik ein: „Diskriminierung ist nicht mehr nur ein Minderheiten-Problem. Es geht darum zu erkennen, dass die Diversität der Gesellschaft (Herkunft, Hautfarbe, Gender, Religion, Migration, Armut etc.) in allen Indikatoren exponentiell zunehmen wird und damit für uns alle – auch für die Polizei – ein soziales, globales Wissen und Gewissen moralisch und pragmatisch nötig sein wird … Wenn wir mal das Corona-Problem als temporär und lösbar betrachten, bleiben drei große globale Probleme: Migration, Armut, Klima. Alle drei führen unweigerlich zu den Themen Rassismus und soziale Diskriminierung.“

Das deutsche Kind, Spielfilm (NDR, 2017)

In dem Fernsehfilm Das deutsche Kind dreht sich alles um einen Sorgerechtstreit zwischen einem muslimischen Ehepaar und den deutschen Großeltern eines verwaisten Mädchens. Liest man die Fernsehkritiken zu diesem Drama, so fällt die positive Einordnung der muslimischen Familie auf. Denn Paul Salisbury (Buch) und Umut Dag (Regie) haben versucht, die übliche klischeehafte Darstellung der Muslime in Deutschland zu umschiffen. Warum aber halten sich diese Klischees in der Film- und Fernsehlandschaft so lange und wie gehen die Sender mit diesem Problem um? Tilmann Gangloff zitiert in seinem Artikel Vielfalt geht uns alle an für die Zeitschrift tv diskurs Christine Strobl, Geschäftsführerin der ARD-Tochter Degeto: „Wir empfinden es als unseren Auftrag, uns immer wieder mit dem Thema Integration zu beschäftigen und die Angst vor Fremden zu hinterfragen.“

Tatort Das verschwundene Kind, Spielfilm (ARD, 2019)

Bei Das verschwundene Kind (2019) handelt es sich um die 1083. Tatortfolge. Das Format Tatort ist Zuschauer*innen in Deutschland ein Begriff und hat sich im Laufe der Jahre zu einer Kult-Krimireihe der ARD entwickelt. Umso erstaunlicher ist es, dass erst nach 48 Jahren – seit Bestehen des Formats – die erste schwarze Kommissarin in einem Fall ermittelte. Inzwischen folgten weitere Folgen mit dem Duo Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) und Anais Schmitz (Florence Kasumba). In diesem Ausschnitt sieht man das erste Aufeinandertreffen der beiden Kolleginnen.

DRUCK, Web- und Fernseh-Serie (funk, seit 2018)

DRUCK, die erfolgreiche Adaption des norwegischen Vorbildes SKAM, ist eine von funk seit 2018 produzierte Serie für Web und Fernsehen, die sich vornehmlich an die Lebenswelten 14- bis 20-Jähriger wendet. In der Serie wird eine Clique Berliner Abiturient*innen beim Erwachsenwerden begleitet, es geht um Freundschaften, erste Lieben, Leistungsdruck, Sex, Outings, Ausgrenzung… und immer wieder um damit verbundene Gefühle und Entscheidungen im Selbstfindungsprozess der Hauptfiguren. DRUCK ist ein horizontal erzähltes Format mit authentischen Inhalten, die in einer zeitgemäßen Machart aufbereitet sind. In  gefühlter „Echtzeit“ werde kurze Clips aus dem Leben der Protagonist*innen auf YouTube online gestellt – wer mehr über die Hauptfiguren erfahren möchte, kann ihnen zudem auf Instagram und in WhatsApp-Chats folgen. Die Zusammenfassung im klassischen Serienformat ist dann freitags auf YouTube zu sehen. In jeder der bisherigen Staffeln wird die Geschichte aus der Sicht einer anderen Hauptfigur erzählt. In Staffel 4 begleiten wir Amira durch den Sommer nach dem Abi. Amira ist gläubige Muslima, bisher war das recht gut vereinbar mit ihren Beziehungen im Freundeskreis. Doch als sie sich verliebt, gerät ihre Welt ins Schwanken, auch andere Konflikte tauchen plötzlich auf.

Zum Unterhaltungsformat DRUCK auf funk.net
Zum YouTube-Kanal DRUCK – Die Serie
Zur Episode Eskalation aus Staffel 4 auf YouTube

4 Blocks, Serie (TNT Serie)

Die deutsche Krimiserie 4 Blocks löste in Deutschland eine Debatte über die Darstellung von Clankriminalität in fiktionalen Stoffen aus. Im Mittelpunkt der Handlung steht der deutsch-libanesische Clan der Hamadys. Die prekäre Lebensweise der Mitglieder wird dabei nicht verschwiegen und mitunter als Ursache für deren illegale Machenschaften herangeführt. Hier kann der Serie durchaus ein gesellschaftskritischer Ansatz in der gelungenen Darstellung gescheiterter Integrationspolitik zugesprochen werden. Auf der anderen Seite wird aber auch eine gewisse Pauschalisierung kritisiert, denn die Darstellung der deutsch-libanesischen Familie kommt nicht ohne Klischees aus. So sind fast alle Familienmitglieder Teil der organisierten Kriminalität. Außerdem legt die filmische Umsetzung eine Attraktivität von Gewalt und Illegalität nahe. Trotz dieser Kritikpunkte überzeugte die Serie zahlreiche Jurys und erhielt mehrere Auszeichnungen.

GangStarz, Soap (TVNOW, 2020)

Im Mittelpunkt dieser deutschen Soap steht die 16-jährige Samira, die es nicht immer leicht hat. Ihr großer Traum ist es, mit ihrem musikalischen Talent Erfolg zu haben. Doch ihre Mutter ist Alkoholikerin, ihr Vater hat die Familie verlassen und ihr kleiner Bruder benötigt dringend ihre Unterstützung. Da bleibt nicht viel Zeit, um ihre eigenen Interessen zu verfolgen. Gemeinsam mit ihren Freunden, die an ihr Talent glauben, sucht Samira ihren Weg aus der Perspektivlosigkeit.

Neukölln Unlimited, Dokumentarfilm (Deutschland, 2010)

Der Dokumentarfilm Neukölln Unlimited begleitet die Geschwister Lial, Hassan und Maradona. Die Jugendlichen wachsen in Berlin Neukölln auf und sind talentierte Tänzer und Musiker. Da ihre Familie seit sechzehn Jahren ohne sicheren Aufenthaltsstatus in Deutschland lebt, kämpfen sie für ihr Bleiberecht. Agostino Imondi und Dietmar Ratsch gelang ein eindringlicher und sehr persönlicher Film, der mehrere Auszeichnung erhielt, darunter den Gläserner Bär für besten Langfilm in der Sektion „Generation 14Plus“.

Zum Dokumentarfilm Neukölln Unlimited inklusive Hintergrundtexten und pädagogischem Begleitmaterial auf der Website der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb

ID Without Colors, Dokumentarfilm (North Brooklyn Productions 2013)

ID Without Colors setzt sich mit dem Thema des Racial Profilings auseinander. Eine Entscheidung des Verwaltungsgerichts Koblenz erlaubte es der Bundespolizei Personenkontrollen im Zug aufgrund von Hautfarbe durchzuführen. Im gleichen Jahr wurde dieses Urteil wieder aufgehoben. Der Polizei ist es also untersagt, eine*n Verdächtige*n nur deshalb auszuwählen, weil sie*er einem bestimmten Phänotypen entspricht. Kombininiert mit anderen Verdachtsmomenten, wie etwa ein auffälliges Verhalten, ist es jedoch tendenziell zulässig. In dem Film ID Without Colors beschreiben Betroffene, wie sie in ihrem persönlichen Alltag mit polizeilichen Kontrollen konfrontiert sind. Aber nicht nur Betroffene, sondern auch Passant*innen, Politiker*innen, Aktivist*innen, Wissenschaftler*innen und Sprecher*innen der Polizei kommen in dem Film zu Wort, der in Zusammenarbeit mit der Kampagne für Opfer rassistischer Polizeigewalt und dem Migrationsrat Berlin-Brandenburg entstanden ist.

Ich will Gerechtigkeit!, Dokumentarfim in der Reihe Ab 18! (3sat, 2019)

In der 3sat-Reihe Ab 18!, die seit Jahren spannende und kreative Dokumentarfilme über das Leben junger Erwachsener produziert, wurde mit Ich will Gerechtigkeit! 2019 ein sehr einfühlsames und kraftvolles Porträt der Jesidin Ekhlas gezeigt. Der Film von Nuray Sahin erzählt „von von einer beeindruckenden jungen Frau, die mit erstaunlicher Klarheit und ihrer einnehmenden Lebensfreude der Brutalität des Terrors trotzt.“[1] Mit 14 kam Ekhlas in die Gefangenschaft des IS, musste miterleben, wie der Islamische Staat im 2014 verübten Genozid an den Jesiden ihren Vater ermordete und wurde als Sexsklavin gehalten. Nach sechs Monaten gelang ihr die Flucht. Seit 2015 lebt sie in Deutschland. Hier macht Ekhlas einen schulischen Abschluss, trägt Verantwortung für die miteingereisten jüngeren Familienangehörigen und engagiert sich seither unermüdlich für die Freiheit anderer betroffener Frauen. Als eine der Ersten berichtete sie im Britischen Parlament und vor der UN öffentlich vom Genozid der IS an den Jesiden.

Zum Dokumentarfilm Ich will Gerechtigkeit! in der 3sat-Mediathek

Das Purpurmeer, Dokumentarfilm (pong film, ZDF, ARTE 2020)

„»Ich sehe alles«, sagt sie. Es klingt wie ein Fluch. Sonnenschein, strahlend blauer Himmel. Das Meer ruhig, gerahmt von einem Stück Reling. Diffuses Stimmengewirr. Ein friedlicher Moment, stünde das Meer nicht vertikal wie ein Wasserfall. Bilder reißen vorbei, kreisend, kopfüber, ruckhaft. Menschen im Boot, im Wasser, Schreie, Schwimmwesten, Signalpfeifen. Leuchtendes Orange, in dem sich die Sonnenstrahlen in geometrische Figuren brechen. Kein Horizont mehr, kein Himmel, kein oben und unten, nur Tiefe und kein Halt… Fuck you all! Sie spricht, wütet und filmt gegen die Müdigkeit an, gegen die Kälte, gegen die ausbleibende Hilfe. Gegen das Sterben, damit irgendwas bleibt.“[2] 
In ihrem auf der Berlinale 2020 erstmals gezeigten Dokumentarfilm Das Purpurmeer (Originaltitel: Purple Sea) erzählt die syrische Filmemacherin Amel Alzakout von ihrer Flucht über das Mittelmeer. Kurz vor Lesbos kenterte das Boot. Mit ihrer Kamera hat sie den Moment in einer eindringlichen Bilderflut über und vor allem unter Wasser festgehalten und mit einer assoziativ poetischen Off-Tonspur unterlegt. Es entstand ein unglaublich dichter und sehr persönlicher Film, der gerade deswegen zu einem komplexen Kommentar auf die Flüchtlingskrise wird und weit über die Inhalte der in Nachrichtenformaten und Dokumentationen gezeigten üblichen Berichtertsattung hinausweist.

Zum Dokumentarfilm Das Purpurmeer in der ARTE-Mediathek

Kino Kanak – Warum der deutsche Film Migranten braucht, Dokumentation (ZDF, 3sat, 2020)

Der Frage, warum eigentlich in der deutschen Film- und Fernsehlandschaft eine realistische Darstellung von Menschen mit Migrationsbiographien so schwer zu finden ist, gehen David Assmann und Memo Jeftic in ihrer Dokumentation Kino Kanak – Warum der deutsche Film Migranten braucht nach. Deutlich wird dabei, dass die Entscheidungspositionen bei Film und Fernsehen nicht divers genug besetzt werden: Nicht einmal drei Prozent der Entscheidungsträger*innen verfügen über einen Migrationshintergrund. Die Dokumentation berichtet über klischeehafte, diskriminierende und rassistische Tendenzen in der filmischen Umsetzung. So berichtet der Darsteller Hassan Akkouch über eine Anweisung zu seiner Schauspielrolle als Drogendealer: „Du brauchst gar nicht spielen, sei einfach wie du bist“. Weitere Schauspieler*innen sowie Drehbuchautor*innen und Filmemacher*innen kommen in dieser Dokumentation zu Wort und berichten über ihre Erfahrungen.

Zur Dokumentation Kino Kanak – Warum der deutsche Film Migranten braucht auf der Website des ZDF

Michel Abdollahi: Im Nazidorf, Panorama – Die Reporter (NDR, 2015)

Einen Monat lang führt der Reporter Michel Abdollahi ein journalistisches Experiment durch und lebt in seiner Holzhütte in Jamel. Das Dorf Jamel liegt in Mecklenburg-Vorpommern, empfiehlt sich mit völkischen Wandgemälden und kam seit den 90er Jahren aufgrund von rechtsextremistischen Handlungen immer wieder in die Schlagzeilen. In der Panorama-Dokumentation versucht nun Michel Abdollahi mit den Bewohner*innen ins Gespräch zu kommen und erhielt dafür den Deutschen Fernsehpreis in der Kategorie "Beste persönliche Leistung Information".

Zur Dokumentation Michel Abdollahi: Im Nazidorf auf der Website des NDR

WDRforyou – Berichterstattung auf Deutsch und Persisch (WDR, 2020)

Das Webformat WDRforyou entstand 2016, um Neuankömmlingen in Deutschland die Möglichkeit zu bieten, sich in den Sprachen Deutsch, Englich, Arabisch und Farsi zu informieren und zu unterhalten. Inzwischen hat sich dieses Webangebot weiter ausgeweitet, neben kurzen Reportagen und Informationen finden sich auch Quiz- und Comedyformate. Die Leiterin des Teams, Isabel Schayani, erhielt 2019 den Grimme-Preis für die Besondere Journalistische Leistung ihrer Tagesthemen-Kommentare, Weltspiegel-Moderationen und WDRforyou-Beiträge. 

Anne Will – Proteste gegen Polizeigewalt und Rassismus, Talkshow (ARD, 07.06.2020)

In diesem Ausschnitt der Talkshow diskutieren die Teilnehmenden über die Frage des strukturellen Rassismus in Deutschland im Vergleich zu den USA. Die Journalistin Samira El Ouassil sieht dabei durchaus ein Rassismusproblem und macht dies an mehreren Beispielen fest. Unter anderem an der popkulturellen Nutzung des „N-Wortes“, das auch in den Medien noch ohne Widerspruch ohne Umschreibung genannt werden kann. Während Norbert Röttgen die Probleme in Deutschland weniger struktureller Natur sieht als in den USA, verweist Alice Hasters auf die hohe Anzahl von verdachtsunabhängigen Personenkontrollen. Außerdem kritisiert sie die unbefriedigende Aufarbeitung der Fälle, in denen eine rassistisch motivierte Polizeiarbeit wahrscheinlich scheint. Anne Will moderiert die gleichnamige Talkshow seit 2007 und erhielt bereits mehrere Auszeichnungen.

Zur Talkshow Anne Will – Proteste gegen Polizeigewalt und Rassismus vom 07.06.2020 in der ARD-Mediathek

Der Kebekus-Brennpunkt zum Thema „Rassismus“, Karolin Kebekus Show (ARD, 2020)

Die Karolin Kebekus Show – ein Comedy-Format der ARD – sendete am 04.06.2020 eine Sondersendung, in der Kebekus aus aktuell gegebenem Anlass auf jegliche Stand-up-Comedy verzichtete und ihre Sendezeit abgab. Da die ARD bislang zu den Protesten um den gewaltsamen Tod von Georg Floyd keinen Brennpunkt gezeigt hatte, „machen wir einfach einen“ schloss Kebekus ihre Anmoderation und übergab an Shary Reeves, bekannt aus der ARD-Kindersendung Wissen macht Ah! und von Beiträgen für COMO-TV. „Herzlich willkommen zum »Brennpunkt« im ersten deutschen weißen Fernsehen“, so Reeves Einstieg in das Thema. Rassimus sei kein Phänomen, das nur auf die USA beschränkt sei, „denn Sie, ich, wir alle sind Teil eines strukturell rassistischen Systems, das uns Menschen mit dunkler Haut (auch) hier in Deutschland rassistisch behandelt.“

Zur Karolin Kebekus Show vom 04.06.2020 in der ARD-Mediathek

Ebow: „K4L“

In ihrem 2019 erschienenen Album K4L (Kanak for Life) mischt sich die Rapperin Ebow (Ebru Düzgün) aus Wien erneut mit einer selbstbewussten und originären Stimme in die gegenwärtigen politischen Debatten um Migration, Fremdenfeindlichkeit, Sexualität und Identität ein und wehrt sich gegen einen Integrationsprozess, der durch die Mehrheitsgesellschaft von Respektlosigkeit geprägt bleibt, während er migrantische und queere Ästhetiken fetischisiert. Die Herkunft des Begriffs „Kanaks“ hat für Ebow vor allem rassistische Bedeutung, sagte sie in einem Gespräch mit der taz vom 08.09.2019. „Früher wurde der Begriff von weißen Deutschen abwertend für bestimmte Migrant*innengruppen verwendet. Ich wollte den Begriff für mein Album aber neu definieren und ihn für alle Bpocs (Black and People of Color) geltend machen. Für mich bedeutet Kanak sein, immer als solcher sichtbar zu sein, von der Gesellschaft als »anders« markiert und angesehen zu werden. In meinem Musikvideo zu »K4L« sind verschiedenste Leute dabei, die für mich Kanaks symbolisieren, also Teil meiner Community sind.“[4]

Eko Fresh: „Aber“

Der Song „Aber“ des deutschen Rappers Eko Fresh alias Ekrem Bora ist ein Stammtischrunden-Rollenspiel in drei Teilen, mit dem er sich 2018 klug und pointiert in die Debatte um Nationalspieler Mesut Özil einmischte. Im ersten Teil schlüpft Eko Fresh in die Rolle eines AfD-Wählers und präsentiert eine Aneinanderreihung typischer Ressentiments: „Als allererstes will ich klarstellen / Ich bin kein Nazi, aber / mich stören die Alibabas / mit ihrem Islam-Gelaber“. Darauf kontert Eko Fresh als Erdoğan-treuer Türke: „Nazis wie ihr / mit 'nem Fass voller Bier / Was integrieren? / Ihr wollt uns assimilieren“. Am Ende greift er als Eko Fresh selbst in die Debatte ein: „Glaubt mir, Jungs, es gibt Tausende von uns / Wir sind zwischen beiden Welten aufgewachsen, Punkt / Ich muss mich nicht entscheiden, ich muss nur ich selber sein.“[5]

Die Goldenen Zitronen feat. LaToya Manly-Spain: „Es nervt“

Der Song der Goldenen Zitronen, der im Original von Ted Gaiers Band Schwabinggrad Ballett stammt und hier von Latoya Manly-Spain gesungen wird, problematisiert den Umgang mit BPoC (Blacks and People of Colour) in Deutschland. Während sich die Bandmitglieder der Goldenen Zitronen selbstironisch in Szene setzen, wird von LaToya Manly-Spain eindringlich und präzise das seit Jahren bestehende Ungleichgewicht beschrieben. Dabei wird deutlich, dass die Stagnation nervt, dass sowohl „die moralische Überlegenheit“ der vermeintlichen Mehrheitsgesellschaft als auch die mediale Inszenierung als tendenziös und rückständig einzuordnen ist.

1. Teasertext zum Dokumentarfim Ich will Gerechtigkeit!, Dokumentarfilm-Reihe Ab 18!, 3sat, 2019, www.3sat.de/film/ab-18/ab-18---ich-will-gerechtigkeit-100.html (abgerufen am 16.10.2020).

2. Synopsis zum Film Purple Sea, pong film GmbH, 2019, https://purplesea.pong-berlin.de/de/16/synopsis (abgerufen am 16.10.2020).

3. Einführungstext zur Folge Staatsgewalt: Hast du Polizei?, Podcast COSMO Machiavelli – Rap und Politik, Radio COSMO, WDR, 01.07.2020, www1.wdr.de/radio/cosmo/podcast/machiavelli/machiavelli-staatsgewalt-hast-du-polizei-100.html (abgerufen am 16.10.2020).

4. Rapperin Ebow über Identität – „Wir müssen nicht mehr stark sein“, Gespräch mit der taz, taz.de, 08.09.2019, https://taz.de/Rapperin-Ebow-ueber-Identitaet/!5621512/ (abgerufen am 16.10.2020).

5. Songtext von „Aber“, Songwriter: Ekrem Bora / Samy Sorge, © BMG Rights Management

Zusammengestellt von

Dirk Uhlig arbeitete bereits seit 2007 als freier Gestalter eng mit dem Medienpädagogik-Team der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) für die Entwicklung und Umsetzung der Projekte Krieg in den Medien und Faszination Medien zusammen. Seit 2017 gehört er zum festen Team der Medienpädagogik der FSF. Nebenbei ist er als freier Dokumentarfilmschaffender tätig.

[Bild: privat]
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Brigitte Zeitlmann ist hauptamtliche Vorsitzende in den Prüfausschüssen und arbeitet in dem Bereich der Medienpädagogik bei der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF). Als Redakteurin verantwortete sie beim multimedialen Lehrangebot Faszination Medien den Bereich Jugendschutz und war jahrelang Mitglied der Auswahlkommission der Internationalen Filmfestspiele Berlin (Berlinale) Generation. Sie ist außerdem Prüferin bei der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) sowie regelmäßig Mitglied der Nominierungskommission und Jury des Grimme-Preises.

[Bild: Sandra Hermannsen]
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