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Rezeption und Kritik von True Crime

Perspektiven auf Verbrechen 2

Jan Harms

Medienradar, 11/2021

True Crime ist in verschiedensten Formen und Medien praktisch unausweichlich: Im Fernsehen, bei Streaminganbietern, aber auch in Podcasts und Zeitschriften ist die Beschäftigung mit realen Verbrechen derzeit allgegenwärtig. Der zweite Teil des Beitrags beschreibt gängige Rezeptionsmotive und beleuchtet das Format True Crime kritisch.

Am 11. September 2021 wird die 22-jährige amerikanische Reisebloggerin Gabby Petito als vermisst gemeldet. Sie war zusammen mit ihrem Verlobten zu einem Roadtrip durch die USA aufgebrochen, von dem letzterer jedoch allein zurückkehrt. Der Fall schlägt schnell große Wellen, insbesondere auf Social-Media-Plattformen wie Instagram und TikTok. Dort hatte Petito selbst unzählige Fotos und Videos hinterlassen, die Nutzer:innen nun nach Hinweisen durchforsten und sich darüber unter dem Hashtag #gabby austauschen, mit dem Ziel, die Vermisste aufzuspüren. Bald häufen sich die Berichte und Analysen zu dem Fall. Rasend schnell entstehen Diskussionsforen, Blogposts, TikTok-Videos und Podcast-Folgen, die nicht nur mit dem Namen der Vermissten getagged, sondern auch mit dem Label „True Crime“ versehen werden.

Rezeptionsperspektiven: Publikum, Motive und Nutzungspraktiken  

In einer Studie zur Nutzungsmotivation von amerikanischen True-Crime-Podcasts kommen die Kommunikationswissenschaftler:innen Kelli S. Boling und Kevin Hull zu Ergebnissen, die wohl als Tendenz auch für True Crime insgesamt verstanden werden können (2018, S. 92–108). Das Publikum ist demnach überwiegend jung, 62 % sind zwischen 18 und 34 Jahre alt. Außerdem verfügen beinahe drei Viertel der Befragten über einen Collegeabschluss. Ein Punkt, den Boling und Hull besonders hervorheben, ist das Geschlechterverhältnis, denn ein deutlich überwiegender Teil des Publikums besteht aus Frauen. In dieser Feststellung stimmen beinahe alle Studien zu True Crime überein, die Zahlen wiesen im Schnitt zwischen 60 und 70 % weibliche Rezipientinnen aus (Kelli S. Boling / Kevin Hull 2018, S. 92–108). Auch Macher:innen von True-Crime-Formaten heben regelmäßig hervor, dass Frauen eine wichtige Zielgruppe für sie darstellen.

Wissensaneignung

Unabhängig von dieser geschlechtsspezifischen Erklärung erheben True-Crime-Formate den Anspruch, ihren Rezipient:innen Wissen um Kriminalität zugänglich zu machen. Dabei kann es sich beispielsweise um praktisches Alltagswissen handeln, so werden etwa in der MDR-Dokumentationsreihe Kripo Live – Den Tätern auf der Spur immer wieder Tipps gegen Einbruchsbanden oder Betrugsmaschen gegeben. Diese „Serviceleistung“ für Rezipient:innen stützt sich auf den exklusiven Zugang zum Wissen von Polizei und anderen Expert:innen.

Wie bereits bekannt, steht auch jenseits unmittelbarer Prävention eine Vermittlung von Fachwissen im Fokus: So verspricht etwa der deutsche Titel von Forensic Files Einblicke in die Gerichtsmedizin: Medical Detectives – Geheimnisse der Gerichtsmedizin. Auch hier wird also der exklusive Zugang zu einem – medizinischen und forensischen – Spezialwissen versprochen. Gleiches gilt für das Feld des psychologischen Profilings von Serientäter:innen oder auch zu juristischen Spitzfindigkeiten, wie sie etwa der Anwalt Alexander Stevens in populären Sachbüchern präsentiert. In allen Fällen geht es also darum, etwas über Verbrechen, Täter:innen, Ermittlungsmethoden oder rechtliche Gegebenheiten zu lernen, das über ein verbreitetes Allgemeinwissen hinausgeht, und Rezipient:innen damit selbst zu einer Art Expert:innen zu machen.

Unterhaltung

Dabei ist nicht von der Hand zu weisen, dass das positiv konnotierte Rezeptionsmotiv der Wissensaneignung auch als eine Art „Alibi“ für andere Motive fungieren kann. So ergeben Befragungen zur True-Crime-Rezeption in erster Linie ein Bedürfnis nach Unterhaltung (Kelli S. Boling / Kevin Hull 2018, S. 92–108). Ein wesentlicher Grund hierfür besteht in den bereits mehrfach erwähnten Überschneidungen mit der Ästhetik fiktionaler Narrative.

Soziale Interaktion

Geradezu im Widerspruch zu einer solch distanzierenden Perspektive steht ein drittes Motiv der Rezeption, das sich gerade durch seine Bezüge zur realen Welt auszeichnet und True Crime als ein soziales und vernetztes Phänomen auf den Plan treten lässt. Die Medienwissenschaftlerin Tanya Horeck sieht in der Rezeption von True Crime ein paradigmatisches Beispiel für Formen aktiver Rezeption (Tanya Horeck 2019, S. 10–12). Die Allgegenwart von Social Media lässt bekannte Fälle zu Diskussionsobjekten werden, so geht etwa schon vor der Veröffentlichung der ersten Staffel von Making a Murderer ein Diskussionsforum auf der Plattform Reddit online, in dem der Fall bis heute kontrovers besprochen wird.

Soziale Interaktion spielt eine entscheidende Rolle in der Rezeption und kann vom einfachen Gespräch mit Freund:innen über eine True-Crime-Serie bis zur obsessiven Beschäftigung in Online-Communitys reichen. Zuschauer:innen entwickeln gemeinsam eigene Theorien und hinterfragen offizielle Versionen des Geschehens. Hier finden sich, wie eingangs schon für den Fall Petito erwähnt, Techniken einer Art Hobby-Forensik, die mit exzessiver Sichtung und Analyse von Film-, Video- und Fotomaterial, aber auch von gerichtlichen und polizeilichen Ermittlungsakten versucht, eigene Entdeckungen zu machen und entscheidende Wendungen herbeizuführen. Dabei gibt es auch Überschneidungen mit Formen von politischem Netzaktivismus. Etwa im Fall von Making a Murderer führt die Überzeugung, es mit einem Justizirrtum zu tun zu haben, zu mehreren Petitionen und anderen Unterstützungsaktionen für den Protagonisten.

Kritische Perspektiven: Stereotype und Effekte

Besonders vielschichtig und produktiv erscheint die Perspektive feministischer Kritik, die die Fragen aufwirft, welche Verbrechen durch True Crime auf welche Weise repräsentiert werden und wie dabei mit Geschlechterrollen umgegangen wird.

So attestiert etwa die Autorin Susanne Kaiser der Populärkultur allgemein und True Crime im Besonderen eine wahre „Besessenheit“ von jungen Frauen als Mordopfer. In der Häufung von weiblichen Mordopfern kommt demnach ein konservatives Geschlechterbild zum Ausdruck, das in passive weibliche Opfer und aktive männliche Täter und Ermittler bzw. Beschützer aufteilt. Dadurch wird unter anderem ein Bedrohungsszenario etabliert, das Frauen davor „warnt“, sich etwa allzu unbeschwert durch den öffentlichen Raum zu bewegen. Tatsächlich könnte im Fokus auf Geschichten mit weiblichen Opfern (Amanda M. Vicary / R. Chris Fraley 2010, S. 85) somit auch eine Festschreibung auf diese Rolle gesehen werden.

Es kommt zudem zu verschiedenen Missrepräsentationen tatsächlicher gesellschaftlicher Zusammenhänge. Eines dieser Phänomene kursiert im US-Kontext unter der Bezeichnung des „Missing White Woman Syndrome“. Damit ist die mediale Überrepräsentation solcher Fälle gemeint, die, wie der eingangs erwähnte Fall der Reisebloggerin Gabby Petito, vom Verschwinden von weißen, oftmals jungen und attraktiven Frauen erzählen. Kritiker:innen weisen darauf hin, dass etwa Schwarze, hispanische oder indigene Frauen im Falle ihres Verschwindens nur selten dieselbe Aufmerksamkeit erfahren – obwohl diese statistisch gesehen ein wesentlich höheres Risiko haben, Opfer eines Gewaltverbrechens zu werden.

Im Zentrum von True Crime steht oft ein Täter (seltener eine Täterin), dessen Psyche, Geschichte und Motivation. Dabei, so eine häufige Kritik, ergehen sich die Serien oftmals in Spekulationen, ohne tatsächliche, psychologisch fundierte Aussagen treffen zu können. Kritisch ist außerdem die Tendenz einzuschätzen, bestimmte Verhaltensweisen und Verbrechen als Indikatoren für eine vermeintliche „menschliche Natur“ zu verstehen. Spezifische gesellschaftliche Umstände wie Geschlechterrollen oder auch Fragen von mentaler Gesundheit sowie soziale, ökonomische und kulturelle Aspekte einer Tat bleiben auf diese Weise unbeachtet.

Ein weiterer Kritikpunkt, der an den Umgang mit Opfern und Täter:innen anschließt, verschärft sich besonders bei der Übernahme von Formaten aus den USA. Steht beispielsweise in Deutschland der Schutz von Persönlichkeitsrecht auch möglicher Täter:innen an hoher Stelle, so folgt die Berichterstattung in den USA dem Ideal einer umfassend informierten Öffentlichkeit, die ein Recht hat, auch über die Namen von Betroffenen, Tatverdächtigen oder Verurteilten Kenntnis zu erlangen. Bei der Übersetzung von True-Crime-Formaten aus den USA bleiben diese Standards erhalten und tragen in Deutschland zu einer zusätzlichen Irritation bei.

Optimistische Perspektiven: Potenziale

Zu jüngeren True-Crime-Formaten lassen sich jedoch auch optimistische Positionen finden. Jean Murley sieht in der „Evolution“ des Genres zugleich eine „Reifung“: Statt bloßem Spektakel und Schauwert ginge es in neueren Formen nun auch um grundlegende epistemologische und gesellschaftlich-kulturelle Aspekte von Verbrechen. Als maßgeblichen Einschnitt und Indikator für eine neue Ausrichtung nennt sie die Beschäftigung mit möglichen Justizirrtümern, wie sie sich in Making a Murderer und Serial finden. Murley grenzt diese neueren Formen dezidiert von früheren ab, die sich exzessiv und sensationalistisch mit Serienkillern und misogyner Gewalt beschäftigen. Sie attestiert eine Verschiebung weg von klaren Gut-und-Böse-Narrativen sowie der Darstellung von bloßem Schrecken und Gewalt. Psychologische Erklärungsmuster treten in den Hintergrund. In das Zentrum der Narrative rücken vielmehr institutionelle Aspekte von Verbrechen, Problemen und Unsicherheiten (Jean Murley 2017, S. 288).

Insgesamt ist in der Geschichte von True Crime eine stete Zunahme an Komplexität in der Beschäftigung mit Verbrechen festzustellen. In seinen progressiven Formaten werden Narrative vorgebracht, die immer komplexere Faktoren einbeziehen, hin zu einer „Faszination für Uneindeutigkeit“ und Vielschichtigkeit (Jean Murley 2017, S. 288). Damit wird True Crime zu einem gesellschaftlichen Verhandlungsraum darüber, was überhaupt mit Bestimmtheit gewusst werden kann, welchen Quellen zu vertrauen ist und welche Methoden ein sicheres Wissen garantieren.

Dabei muss allerdings noch einmal auf den Ausnahmestatus solcher Produktionen hingewiesen werden, im Vergleich zu einer Vielzahl konventioneller Formen, die nach wie vor den Markt dominieren.

Es stellt sich darüber hinaus die Frage, inwieweit trotz aller Unsicherheiten nicht auch neue Formen in klaren narrativen Schemen verhaftet bleiben. Dabei müssen sich diese Formate außerdem den Vorwurf gefallen lassen, ebenso auf Spektakel zu setzen, oftmals die Opfer von Gewalt aus dem Blick zu verlieren und sich erneut auf die – möglicherweise unschuldigen – Täter:innen zu fokussieren. So ist mit Tanya Horeck sicher vor einer vorschnellen Begeisterung für das emanzipatorische Potenzial von True Crime zu warnen (2019, S. 10–12). True Crime bleibt ein Phänomen mit zahlreichen Ambivalenzen, das aus der aktuellen populären Medienkultur nicht wegzudenken ist und uns in seinen vielseitigen Ausprägungen sicher noch länger beschäftigen wird.

Zum ersten Teil des Beitrags: Entwicklungen, Tendenzen und Narration von True Crime – Perspektiven auf Verbrechen 1​​​​​​​ 
 

Literatur 

Boling, Kelli S. / Kevin Hull: Undisclosed Information – Serial Is My Favorite Murder. Examining Motivations in the True Crime Podcast Audience. In: Journal of Radio & Audio Media 25 (2018), H. 1, S. 92–108.

Horeck, Tanya: Justice on Demand. True Crime in the Digital Streaming Era. Detroit 2019.

Murley, Jean: The Rise of True Crime. Twentieth Century Murder and American Popular Culture. Santa Barbara 2008.

Murley, Jean: Making Murderers. The Evolution of True Crime. In: Chris Raczkowski (Hrsg.): A History of American Crime Fiction. Cambridge 2017, S. 288–299.

Schmid, David: True Crime. In: Charles J. Rzepka / Lee Horsley (Hrsg.): A Companion to Crime Fiction. Oxford 2010, S. 198–209.

Vicary, Amanda M. / R. Chris Fraley: Captured by True Crime. Why Are Women Drawn to Tales of Rape, Murder, and Serial Killers? In: Social Psychological and Personality Science 1 (2010), H. 1, S. 81–86.

Blogeinträge

Stokowski, Margarete: Boomendes Genre „True Crime“. Boulevard für Besserverdienende, in: Spiegel Online, 18.05.2021, https://www.spiegel.de/kultur/genre-true-crime-boulevard-fuer-besserverdienende-kolumne-a-e94399b0-72cc-4a58-bcd2-7fe0feeb5609 (abgerufen am 16.10.2021).

Autor

Jan Harms ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Medien- und Kulturwissenschaft der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf sowie assoziiertes Mitglied im Graduiertenkolleg Das Dokumentarische. Exzess und Entzug an der Ruhr-Universität Bochum. Er hat in Köln Medienkulturwissenschaft und Kunstgeschichte studiert und arbeitet aktuell an seiner Dissertation zu Evidenz in seriellen True-Crime-Formaten.

[Bild: privat]
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