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Entwicklungen, Tendenzen und Narration von True Crime

Perspektiven auf Verbrechen 1

Jan Harms

Medienradar, 11/2021

Das Genre True Crime ist heute sehr beliebt und wird unterschiedlich rezipiert. Um ein neues Phänomen handelt es sich dabei aber nicht. Denn Erzählungen von Verbrechen können auf eine lange Historie zurückblicken. Der erste Teil des Beitrags gibt einen Überblick über die Entwicklung von True Crime und die verschiedenen Erzählperspektiven dieses Formats.

Verbrechen, so eine kulturwissenschaftliche These, stellen eine Verletzung sozialer Ordnung dar und Gesellschaften müssen einen Weg finden, Taten und Täter:innen zurück in diese Ordnung zu überführen – symbolisch kann dies auch durch Erzählungen geschehen.

Deshalb finden sich Erzählungen von Verbrechen wohl schon ab dem Moment, seitdem überhaupt erzählt wird. In der frühen Neuzeit werden sie erstmals „massenmedial“ verbreitet: in Flugblättern wird neben Naturkatastrophen und vermeintlichen Wundern regelmäßig über Verbrechen berichtet – oftmals über besonders grausame und aufsehenerregende Taten. Ein Bezug auf übernatürliche Aspekte ist für Schilderungen in dieser Zeit geläufig, bis in das 17. und 18. Jahrhundert dominiert eine religiöse Perspektive (Jean Murley 2008, S. 6–13).

Wesentlicher Motor für die Verbreitung von Erzählungen über Verbrechen bleiben bis in das 19. Jahrhundert neue Drucktechnologien. Zeitungen berichten von aufsehenerregenden Ereignissen, wobei oft spektakuläre Straftaten im Zentrum stehen. Die religiös orientierten Moralisierungen mischen sich in dieser Zeit zunehmend mit reißerischem Sensationalismus (David Schmid 2010, S. 199 f.), Verbrechen werden oft als irrationale Monstrosität beschrieben – eine Tendenz, die für True Crime bis heute zu beobachten ist.

Gegenläufig dazu bildet sich in den Reportagen des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts eine andere Perspektive heraus: biografische Details aus dem Leben von Täter:innen werden als psychologische Ursache für ihre Taten herangezogen. Rational-orientierte, kriminologische, medizinische und psychiatrische Erklärungen erlangen zunehmend die Oberhand. Die Idee der wissenschaftlichen Rekonstruktion schlägt sich auch in der Erzählweise nieder: immer detailliertere Schilderungen des Verbrechens werden vorgebracht, die sich dem Geschehenen vermeintlich objektiv nähern (Jean Murley 2008, S. 6–13).

In den 1920er-Jahren etabliert sich schließlich das Label „True Crime“ fest in der amerikanischen Populärkultur. Es erscheinen vermehrt Pulp-Magazine, wie etwa seit 1924 das True Detective Magazine. Die Schilderungen und die Ästhetik in den Magazinen sind maßgeblich von den Konventionen zeitgenössischer Noir-Narrative beeinflusst (Jean Murley 2008, S. 6–13).

Kaum ein Text über die Entwicklung von True Crime kommt ohne den Verweis auf Truman Capotes Tatsachenroman In Cold Blood aus, der tatsächlich viele neue Konventionen prägt. Anders als vorherige, kurze Berichte widmet sich Capote einem einzelnen Fall – dem brutalen Raubmord an einer Familie – nun auf über 300 Seiten und damit ausgesprochen detailliert. Trotz seiner intensiven Recherche und dem Anspruch auf einen objektiven Blick brachte das Buch ihm Vorwürfe ein, keine „reinen Fakten“ zu präsentieren, insbesondere weil er immer wieder Gespräche schilderte, die er nicht kennen konnte. Der Literaturwissenschaftler David Schmid sieht eine Verschiebung der Bedeutung des Wortes true, das sich bei Capote nicht so sehr auf „harte Fakten“ bezieht, sondern eher für eine „emotionale Wahrheit“ (David Schmid 2010, S. 199 f.) steht. Fiktionalisierte Elemente werden eingebaut, um die Fakten „zu verstärken“.

In Cold Blood legt den Grundstein für eine Welle von True-Crime-Büchern, die die 1970er-, 80er- und 90er-Jahre dominieren. So erscheint 1974 das äußerst populäre Helter Skelter des Staatsanwalts Vincent Bugliosis über die Manson-Morde. 1980 veröffentlicht die Journalistin Ann Rule mit The Stranger Beside Me einen biografischen wie autobiografischen Bericht über den Serienmörder Ted Bundy, mit dem sie – ohne von dessen Taten zu wissen – auch persönlich bekannt war. Robert Graysmiths Zodiac von 1986 behandelt detailliert den bis heute ungelösten Fall des gleichnamigen Serienmörders.

In den 1980er-Jahren kommt es zu einer Konjunktur von True Crime. Die Kulturwissenschaftlerin Jean Murley sieht darin eine Reaktion auf die rapide steigenden Kriminalstatistiken (Jean Murley 2017, S. 290). Es etabliert sich ein populäres Wissen über Serientäter:innen, die oftmals als monströse Figuren außerhalb der Gesellschaft gezeichnet werden und sich narrativ in eine Rhetorik von Gut und Böse einfügen.

Der Rückgang von Gewaltverbrechen in den USA der 1990er- und 2000er-Jahren korrespondiert mit einer Wende weg von sensationellen Fällen hin zu eher alltäglichen Verbrechen (Jean Murley 2017, S. 290). Ende der 1980er- und im Verlauf der 90er-Jahre etablieren sich einige True-Crime-Fernsehformate, die sich zum Teil bis heute halten. Maßgeblichen Einfluss hatte die wöchentlich erscheinende Serie Unsolved Mysteries (1988–2002), die in jeder Episode in kurzen Segmenten mehrere Fälle vorstellt, wobei sich ungeklärte Verbrechen, spurlos verschwundene Personen und vermeintlich übernatürliche Phänomene nahtlos aneinanderreihen (Jean Murley 2008, S. 117 f.).

Die Serie Unsolved Mysteries erweist sich stilprägend – vor allem im Hinblick auf ihre audio-visuellen Narrationsverfahren. Die konventionellen Nacherzählungen speisen sich aus einem Mix aus Reenactments und Interviews mit Polizist:innen, Zeug:innen oder Familienmitgliedern. Zudem werden Foto- oder Videoaufnahmen aus dem Archiv eingebunden, die vom Tatort stammen oder die Ermittlungsarbeit zeigen. Zusammengefügt werden diese unterschiedlichen Teile durch ein autoritatives Voiceover des Schauspielers Robert Stack.

In den Jahren 2014 und 2015 treten schließlich neue Formate auf den Plan, die den aktuellen Boom auslösen. Wichtig ist hierfür ein bislang unerwähnt gebliebenes Medium, das sich bald fest mit True Crime verbinden wird: der Podcast. Mit der 12-teiligen Reihe Serial verankern sich sowohl der Podcast als auch True Crime fest in der Digitalkultur. Die Journalistin Sarah Koenig rekonstruiert hier den Fall der 1999 ermordeten Highschool-Schülerin Hae Min Lee und ihres Ex-Freundes Adnan Syed, der des Mordes schuldig gesprochen wird. Der Podcast zieht die Schuld Syeds in Zweifel.

Parallel findet eine Popularisierung von Streaminganbietern statt, insbesondere durch Netflix, das 2014 in Deutschland startet und mit Making a Murderer einen ersten großen Erfolg feiert. Die Dokuserie hat inhaltlich wesentliche Überschneidungen mit Serial: Sie behandelt die (Lebens-)Geschichte von Steven Avery, der – so legt die Serie nahe – nach einer ersten, zu Unrecht verbüßten Haftstrafe gleich ein zweites Mal fälschlich verurteilt wird.

In der Gegenwart lässt sich eine mediale Trias aus Fernseh- und Streamingserien, Podcasts und Print konstatieren, in der die erwähnten Tendenzen des True Crime in ihrer Vielfalt parallel stattfinden.

So finden sich insbesondere auf Streamingplattformen immer wieder komplexe Erzählformate, die ähnlich wie Making a Murderer funktionieren, auch wenn neben diesen neueren Formen nach wie vor die Tendenzen der 1990er-Jahre zu finden sind – und diese quantitativ klar überwiegen. So wird beispielsweise die Serie Forensic Files 2020 wieder aufgelegt. Auch Cold Case Files und Unsolved Mysteries erhielten Wiederauflagen auf Netflix. Diese konventionellere Form dominiert auch das Angebot von Spartensendern wie RTL Crime, dessen Programm im Bereich „True Crime Highlights“ sich aus US- und UK-Importen sowie deutschen Produktionen zusammensetzt, etwa: Die Anwälte der Toten – Die schlimmsten Serienkiller der Welt, in der pro Folge ein:e Täter:in vorgestellt wird.

Literatur 

Boling, Kelli S. / Kevin Hull: Undisclosed Information – Serial Is My Favorite Murder. Examining Motivations in the True Crime Podcast Audience. In: Journal of Radio & Audio Media 25 (2018), H. 1, S. 92–108.

Horeck, Tanya: Justice on Demand. True Crime in the Digital Streaming Era. Detroit 2019.

Murley, Jean: The Rise of True Crime. Twentieth Century Murder and American Popular Culture. Santa Barbara 2008.

Murley, Jean: Making Murderers. The Evolution of True Crime. In: Chris Raczkowski (Hrsg.): A History of American Crime Fiction. Cambridge 2017, S. 288–299.

Schmid, David: True Crime. In: Charles J. Rzepka / Lee Horsley (Hrsg.): A Companion to Crime Fiction. Oxford 2010, S. 198–209.

Vicary, Amanda M. / R. Chris Fraley: Captured by True Crime. Why Are Women Drawn to Tales of Rape, Murder, and Serial Killers? In: Social Psychological and Personality Science 1 (2010), H. 1, S. 81–86.

Blogeinträge 

Stokowski, Margarete: Boomendes Genre „True Crime“. Boulevard für Besserverdienende, in: Spiegel Online, 18.05.2021, https://www.spiegel.de/kultur/genre-true-crime-boulevard-fuer-besserverdienende-kolumne-a-e94399b0-72cc-4a58-bcd2-7fe0feeb5609 (abgerufen am 16.10.2021).

Autor

Jan Harms ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Medien- und Kulturwissenschaft der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf sowie assoziiertes Mitglied im Graduiertenkolleg Das Dokumentarische. Exzess und Entzug an der Ruhr-Universität Bochum. Er hat in Köln Medienkulturwissenschaft und Kunstgeschichte studiert und arbeitet aktuell an seiner Dissertation zu Evidenz in seriellen True-Crime-Formaten.

[Bild: privat]
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