Playlist

Authentizität, Vielfalt, Wettbewerb

Aktuelle nonfiktionale Formate im linearen und nonlinearen TV

Dr. Tanja Deuerling, Dirk Uhlig

in: tv diskurs: 23. Jg., 3/2019 (Ausgabe 89); überarbeitet von Medienradar, 10/2021

Deutschland sieht fern. Ob klassisch „vor der Glotze“, via Streamingplattformen und Mediatheken oder auf YouTube. Die Anzahl an Angeboten hat sich potenziert, die Nutzung ist entlinearisiert, individualisiert und flexibel wie nie. Dabei werden gerade für ein jüngeres Publikum die nonfiktionalen und um Authentizität bemühten Formate und Informationssendungen immer populärer. Was sind die wichtigsten nationalen und internationalen Trends im TV?

Die Playlist greift sowohl auf die nonfiktionalen Inhalte des gleichnamigen Artikels von Tanja Deuerling, erschienen in tv diskurs: 23. Jg., 3/2019 (Ausgabe 89), als auch auf Inhalte des Artikels „Zwischen Eskapismus und Eskalation“ von Tanja Deuerling, erschienen in tv diskurs: 24. Jg., 4/2020 (Ausgabe 94), zurück und wird durch weitere Medienbeispiele ergänzt.

Bei den hier veröffentlichten Erkenntnissen handelt es sich unter anderem um Auszüge aus einer von der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb im Rahmen ihrer TV- und Bewegtbildarbeit beauftragten Studie. Die Recherche hierfür orientiert sich an den gängigen Methoden zur Erfassung von Trends. Neben den im Text zitierten Studien zählen zu den Quellen die Websites von Sendern, Streamingdiensten, Distributoren und Produktionsfirmen, deutsche und internationale Branchendienste sowie leitfadengestützte Interviews mit Expert:innen der Fernsehbranche.[1]


Noch spielt in Deutschland das lineare Fernsehen mit den klassischen TV-Sendern eine große Rolle und dominiert die nationale Bewegtbildbranche. Doch von Jahr zu Jahr gewinnen Webvideoportale und Streamingdienste sowie Mediatheken mehr an Bedeutung. Die Zahlen der ARD/ZDF-Onlinestudie 2020[2] machen deutlich: Das klassische Fernsehen verliert in allen Altersstufen an Zuseher:innen, vor allem aber bei den unter 30‑Jährigen. Die Programme der Sender werden nach wie vor gesehen, allerdings öfter in den Mediatheken oder auf Videoplattformen. YouTube & Co. sind bei den Zielgruppen unter 50 Jahren fest etabliert. Auch die kostenpflichtigen Streamingdienste gewinnen vor allem bei den 14- bis 49‑Jährigen kontinuierlich an Bedeutung und sind nun auch in Deutschland ernst zu nehmende Player. Der Trend ist eindeutig: Die Zukunft des Fernsehens findet online statt.

Die wichtigsten Trendsetter

Obwohl Deutschland ein großer und bedeutender TV-Markt ist, werden hierzulande wenig Trends gesetzt. Deutsche Sender orientieren sich eher an Formaten, die schon in anderen Ländern erfolgreich sind, und investieren weniger in Eigenentwicklungen. Weltweit gelten die USA als der wichtigste Trendsetter, für Deutschland spielen wegen ihrer kulturellen Ähnlichkeiten die europäischen Nachbarländer eine mindestens ebenso große Rolle. Großbritannien wird „als Inputgeber Nummer eins“ (Henrik Pabst, Red Arrow Studios International) angesehen, und auch die Niederlande liefern traditionell entscheidende Impulse. Seit rund einer Dekade machen vor allem die skandinavischen Länder auf sich aufmerksam. Im Moment gilt Belgien als der angesagte Innovator im Bewegtbildmarkt. Zudem wird Israel seit Jahren als besonders innovativ gehandelt. Neuerdings halten die internationalen Produktionsfirmen verstärkt im asiatischen Markt nach Neuem Ausschau.

Realityshows werden bei den kommerziellen Anbietern als das Erfolg versprechende Genre gehandelt. Besetzt mit halbwegs bekannten, möglichst hemmungslosen Menschen, gelten Realitys zwar als Trash-TV, sorgen aber bei linearen wie bei nonlinearen Anbietern für verlässlich hohe Reichweiten. Die typischen Zutaten für eine gute Realityshow: ein Haus, das komplett mit Remote-Kameras ausgestattet und in dem nichts und niemand unbeobachtet ist. Darin rund ein Dutzend verhaltensauffälliger Promis, die für Geld und Aufmerksamkeit alles machen. Schließlich Challenges, die dafür sorgen, dass es in der Gruppe genug Zündstoff gibt und am Ende ein:e Sieger:in gekürt werden kann. Ist das Ganze mit bissigen Kommentaren zugespitzt, bieten Promi-Realityshows Guilty-Pleasure-Unterhaltung pur. Wer zuschaut, erlebt ein Vergnügen, bei dem man sich immer etwas schuldig oder peinlich berührt und auf jeden Fall überlegen fühlt: In den Villen und Häusern wird gelästert, geschimpft, gemobbt, gesoffen, gestritten und vieles gezeigt, was im echten Leben eigentlich nicht in Ordnung ist. Guilty-Pleasure-Formate sind wie Fast Food: nicht nachhaltig, nicht gesund, aber ab und zu lecker und irgendwie befriedigend. Sie bieten Eskapismus und die genussvolle Sünde, sich mit lautstarkem Trash vom Alltag ablenken zu lassen.

Promis unter Palmen – Für Geld mach ich alles!, Promi-Realityshow, SAT.1, seit 2020

Das Rezept funktioniert seit Ich bin ein Star – Holt mich hier raus! (RTL, 2004). Es folgten weitere Shows wie Promi Big Brother (SAT.1, 2013) und Das Sommerhaus der Stars – Kampf der Promipaare (RTL, 2016). Dass damit der Hunger der Deutschen nach Promi-Realitys offenbar noch nicht gestillt ist, bewies SAT.1 im Sommer 2020 mit Promis unter Palmen – Für Geld mache ich alles!.

Like Me – I’m Famous, Promi-Realityshow, RTL, TV NOW, seit 2020

Die bewährten Zutaten wurden noch einmal extra scharf mit neuen Eskalationen gewürzt, die Schlagzeilen und hervorragende Quoten bescherten. Weitere Sender ziehen mit neuen, prominent besetzten Realityshows nach: RTL II launchte Kampf der Realitystars – Schiffbruch am Traumstrand (2020) und TV NOW und RTL Like Me – I’m Famous (2020). Damit könnte der Trend seinen Höhepunkt erreicht haben. Zu erwarten ist jedenfalls, dass die Grenzen des noch Erträglichen immer weiter ausgelotet werden. Eskalationen gehören zum Genre. Doch der Krawall wird zwangsläufig immer lauter, um noch wahrgenommen zu werden.

Datingplattformen wie Parship, Elite-Partner und Tinder boomen. Längst ist es eher normal, sich matchen zu lassen und eine:n potenzielle:n Partner:in erst online unter die Lupe zu nehmen, bevor ein Kennenlernen im „echten“ Leben stattfindet. Kein Wunder also, dass auch beim Dating im TV kein Ende abzusehen ist. Fast jeder Sender, jede Plattform hat ein eigenes Datingformat: Von First Dates – Ein Tisch für zwei (VOX, 2018) und Dinner Date (ZDFneo, 2019) über Bauer sucht Frau (RTL, 2005) und Der Bachelor (RTL, 2003) bzw. Die Bachelorette (RTL, 2004) bis zu Love Island – Heiße Flirts und wahre Liebe (RTL II, 2017) und Naked Attraction – Dating hautnah (RTL II, 2017) reicht die Palette. Die Dramaturgie bei Datingformaten ist grundsätzlich so einfach wie spannend – es geht um mindestens zwei Menschen und die Frage: Funkt es zwischen den beiden oder nicht? Dieser Spannungsbogen wird je nach Sender und Sendeplatz mit mehr oder weniger Ernsthaftigkeit, Spielmechanismen und nackter Haut aufgeladen. Aber wie sieht die nächste Generation von Datingformaten aus?

Naked Attraction – Dating hautnah, RTL II, seit 2017

Auf der einen Seite ist zu erwarten, dass es bei neuen Datingprogrammen um weitere ungewöhnliche Spielregeln und Tabubrüche gehen könnte, wie z. B. bei Naked Attraction – Dating hautnah (RTL II, 2017) oder UNdressed – Das Date im Bett (RTL II, 2017). Hier findet die Partnerwahl nackt oder das erste Date gleich im Bett statt.

Finger weg! (Too Hot To Handle), Netflix, seit 2020

Bei Finger weg! (Too Hot To Handle) (Netflix, 2020) verdonnern die Regeln die extrem gut aussehenden paarungswilligen Teilnehmer:innen dazu, sich erst einmal nicht anzufassen.

Let Love Rule, SBS6, seit 2020

Auf der anderen Seite ist auch eine Gegenbewegung hin zu einer extremen Vereinfachung des Datings zu bemerken. Im niederländischen Format Let Love Rule (SBS6, 2020) ziehen zwei Singles, die zueinander passen könnten, für 24 Stunden in ein mit Kameras ausgestattetes Appartement. Am Ende steht die Antwort auf die immer gleiche Frage: Funkt es oder funkt es nicht?

The Circle - A Netflix Reality-Competition, Netflix, seit 2020

Die britische Show The Circle - A Netflix Reality-Competition (Channel 4, 2018 / Netflix, 2020) widmet sich einer rein digitalen Form des Datings. Eine Gruppe sich fremder Menschen zieht für drei Wochen in einen Wohnblock. Die jungen Leute leben Tür an Tür, doch sie kommen ausschließlich über Social Media miteinander in Kontakt. Die Zuschauer:innen können neben einer täglichen Zusammenfassung der wichtigsten Ereignisse im linearen TV über die App quasi nonstop Teil von The Circle sein.

20 Jahre lang dominierten Casting- und Talentshows wie Popstars (RTL II/ProSieben, 2000), X Faktor (VOX, 2010), Deutschland sucht den Superstar (RTL, 2002) und The Voice of Germany (ProSieben, 2011) die Primetime-Abende im deutschen TV. Gesucht wird der beste Act, die beste Band, das beste Talent oder einfach nur ein Star. Die Zuschauenden begleiten die Bewerber:innen über Wochen dabei, wie sie sich gegen die Konkurrenz durchsetzen und ihrem Traum von einer Karriere im Musikgeschäft ein Stück näher kommen – oder auch, wie sie dabei scheitern.

Wenn es in der jüngeren Vergangenheit eine extrem innovative und zugleich extrem erfolgreiche Musikshow gab, dann ist es The Masked Singer (ProSieben, 2019). Das ursprünglich aus Südkorea stammende Format trat über die USA einen weltweiten Siegeszug an. Bis dahin galten asiatische Shows gerade in Deutschland als zu schräg und schwer adaptierbar. RTL setzt mit Big Performance – Wer ist der Star im Star? (2020) auch auf diesen Trend. Hier verstecken sich deutsche Sänger:innen hinter den Masken von Weltstars und versuchen, so nah am Original wie möglich zu performen. Schräg und vor wenigen Jahren noch kaum vorstellbar ist auch die aus Südkorea stammende Idee von I Can See Your Voice (RTL, 2020). Hier müssen Kandidat:innen erraten, ob jemand gut singt – ohne ihn oder sie singen zu hören. FameMaker (ProSieben, 2020) versucht sich an einer ähnlichen Idee: Die Kandidat:innen singen und performen unter einer schalldichten Glaskuppel.

The Masked Singer, Musikshow, ProSieben, seit 2019

Der Erfolg von The Masked Singer (ProSieben, 2019) öffnet die Türen für schräge Unterhaltung und setzt den etablierten Musikshows eine völlig neue Farbe entgegen, denn die Show durchbricht die alten Muster radikal mit der Frage: Welche:r Prominente singt hinter der Maske? Es geht um verrückte Verkleidungen und um kollektives Raten, um gute Unterhaltung ohne Enttäuschung, ohne Verlierer:innen, ohne schlechte Gefühle. Eskapismus und Feel Good pur.

Sing On! Germany, Musikshow, Netflix, seit 2020

Das ebenfalls erfolgreiche Format Sing On! Germany (Netflix, 2020) lebt einzig und allein von der simplen Frage: „Wer liefert die beste Karaoke-Performance“.

Groß, bunt, verrückt, hart – die neuen großen Gameshows bieten riesige, fantasievolle Spielwiesen und wirken wie überdimensionierte Kindergeburtstage, bei denen Erwachsene jeden Blödsinn machen dürfen. Die uralte Idee vom Spiel ohne Grenzen (Deutsches Fernsehen, 1965) wird mit neuen Mechanismen und Aufgaben immer wieder variiert, die Definition von „ohne Grenzen“ dabei ständig neu ausgelotet. Ob Schlag den Raab (ProSieben, 2006) / Schlag den Star (2009), Denn sie wissen nicht, was passiert – Die Jauch-Gottschalk-Schöneberger-Show (RTL, 2018), Joko & Klaas gegen ProSieben (ProSieben, 2019) oder Die Festspiele der Reality Stars – Wer ist die hellste Kerze? (SAT.1, 2020) – die oftmals prominenten Teilnehmer:innen müssen in möglichst absurden Disziplinen und Spielen gegeneinander antreten und auf der Bühne jeden Unsinn mitmachen.

Balls – Für Geld mach ich alles, Gameshow, ProSieben, seit 2020

Wie weit das gehen kann, zeigte Balls mit dem vielversprechenden Untertitel Für Geld mache ich alles (ProSieben, 2020): Die Kandidat:innen stellen sich stufenweise immer extremeren Challenges, um zu beweisen, dass sie für Geld wirklich alles tun. Das kann schmerzhaft, ekelhaft und vor allem erniedrigend sein – nur wer jede Grenzüberschreitung mitmacht, geht am Ende als Gewinner:in hervor.

Cash Back, koreanisches Gameshow-Format, TVN, seit 2020

Visuelle und inhaltliche Inspirationsquelle sind auch hier die schrillen Shows aus Asien, die sich wiederum gerne an einer Ästhetik orientieren, die auf Social-Media-Plattformen und bei Onlinegames beliebt ist. In diesem Kontext ist auch der Trend der Physical-Gameshows einzuordnen, der mit Ninja Warrior Germany – Die stärkste Show Deutschlands (RTL, 2016) in die Bundesrepublik schwappte. Als neuere Variante wird Cash Back (TVN, 2020) aus Korea international gehandelt, ein Physical-Format, bei dem Moneymojis gesammelt werden müssen.

Factual-Entertainment-Formate bedienen den Wunsch, sich echte Menschen im echten Leben anzusehen – gleichzeitig soll diese Realität so spannend, verdichtet und unterhaltsam sein, wie es die Zuschauer:innen von fiktionalen Programmen gewohnt sind. Die Verdichtung wird mit Formatierungen und Spielmechanismen sowie mit unterhaltsamen Protagonist:innen geschaffen. Spannende Themen, die so noch nicht zu sehen waren und bei denen es um die wahrhaft existenziellen Dinge des Lebens geht, sorgen für die nötige Aufmerksamkeit.

Die Grenzen dessen, was man noch im Factual Entertainment – also in als Unterhaltung geltenden Formaten – zeigen kann, werden immer weiter ausgetestet. In Israel sorgte das Format Back to Life (Channel 10, 2017) für Furore. In der Serie werden Menschen begleitet, die auf eine lebensrettende Organspende warten. Ein ähnliches Format zeigt auch der holländische Sender NPO. In De 100 (NPO 1, 2020) suchen 100 Menschen eine:n Organspender:in und lassen sich über Monate bei ihrer existenziellen Reise für ein besseres Leben begleiten.

Hartz und herzlich, Reality-Format, RTL II, seit 2016

Das Thema „Armut und soziale Ungerechtigkeit“ ist im deutschen Fernsehen gleich auf mehreren Sendern Gegenstand von Reality-Formaten. Hartz und herzlich (RTL II, 2016) feiert in Deutschland Erfolge und generiert immer neue Me-too-Formate. Mit den Mitteln des unterhaltenden Fernsehens werden die Menschen in ihren prekären Lebenswelten gezeigt und mit ihren Sorgen und Nöten dabei durchaus ernst genommen.

Pregnant and Platonic, Doku-Serie, BBC TWO, seit 2020

Neue Factual-Ideen resultieren oft aus gesellschaftlichen Entwicklungen und Themen, die gerade kontrovers diskutiert und noch als Tabubruch empfunden werden. Vor zehn Jahren war es z. B. noch aufregend, Paare zu zeigen, die auf künstliche Befruchtung setzen – wie bei der Sendung Wunschkinder – Der Traum vom Babyglück (RTL II, 2009). Aktuelle Programme gehen noch einen Schritt weiter weg von der klassischen Vorstellung vom Elternwerden und ‑sein. Im finnischen Format Lapsi tuntemattoman kanssa (Nelonen, 2020; deutsch: Ein Kind mit einem Fremden) wird das Thema „Co-Parenting“ behandelt. Es werden Menschen begleitet und auch zusammengeführt, die eine:n Partner:in suchen, einzig deshalb, um gemeinsam ein Kind zu bekommen – und ohne ein echtes (Liebes‑)Paar zu werden. Die Idee zu diesem Format stammt aus Israel und wurde von der BBC unter Pregnant and Platonic (BBC Two, 2019) ausgestrahlt.

Es ist nicht neu, medizinische Sachverhalte im TV zu zeigen. In den letzten Jahren hat sich die Grenze des Zeigbaren jedoch deutlich verschoben. Das mediale Angebot reicht von Gesundheitsmagazinen, die informativ und wissenschaftlich sind, bis zu stark voyeuristischen Formaten.

Body Bizarre – Unglaubliche Schicksale, TLC Deutschland, seit 2015

In Body Bizzare – Unglaubliche Schicksale (TLC Deutschland, 2015) werden Menschen mit extremen Deformationen und starken Behinderungen gezeigt – ein Trend, der sich vornehmlich über das Internet verbreitete und zunehmend auch im Fernsehen Einzug hält.

Dr. Pimple Popper, TLC Deutschland, seit 2018

In dem seit 2018 aus den USA übernommenen Format Dr. Pimple Popper (TLC Deutschland, 2018) behandelt die Dermatologin Dr. Sandra Lee Patient:innen mit seltenen Hautkrankheiten und entfernt vor laufender Kamera ungewöhnliche Hauteinschlüsse, Zysten oder Pickel operativ.

Das Fernsehen wird bunter und bildet die zunehmend diversere westliche Gesellschaft ab. Es finden Themen Einzug in das Mainstreamprogramm, die vorher nur in Nischen stattgefunden haben: Geschlechtsidentität und sexuelle Ausrichtungen, Menschen mit Handicaps oder auch Senior:innen sind Stoffe, aus denen trendsetzende Formate entstehen.

Noch zögerlich wird im deutschen wie europäischen Fernsehen das Thema „Migration und Geflüchtete“ behandelt. Hervorzuheben ist ein Format für eine junge Zielgruppe, das sich dem Thema unverkrampft und offen nähert. Berlin und wir! (ZDFtivi, 2017) begleitet Berliner:innen und geflüchtete Jugendliche bei einem gemeinsamen Projekt und lässt sie ihre Welten, Sichtweisen, Unterschiede und Gemeinsamkeiten entdecken.

Gender Identity hingegen ist in der westlichen Welt ein Thema, das immer mehr in der Mitte der Gesellschaft ankommt. 2018 sind im europäischen Markt vermehrt Formate zum Thema „Transgender“ gestartet, wie z. B. die belgische Dokuserie M/V/X (één, 2018), die fünf flämische Transgender bei der Suche nach einem besseren Leben begleitet.

Ein weiteres Thema, das ein Tabu für unterhaltendes Fernsehen war und nun zunehmend aufgegriffen wird, sind Menschen mit Behinderungen. Wiederum die BBC übernimmt hier die Vorreiterrolle: Employable Me (BBC TWO, 2016) versucht, für Menschen mit Handicap einen Job zu finden.

An die Schmerzgrenze und darüber hinaus geht das ebenfalls aus Belgien stammende Taboe (één, 2018). Kern des weltweit adaptierten Formats ist es, über Menschen mit Übergewicht, Handicaps, Krankheiten, über Homosexuelle und Menschen mit Migrationshintergrund zu lachen. Eine Sendung also, „in der man sich über Leute lustig macht, über die man sich nicht lustig machen sollte“, so der Comedian Philippe Geubels, der das Format moderiert.

Queer Eye, Dokuserie, Netflix, seit 2018

Bei Fernsehformaten zum Thema Gender Identity treten nicht nur Protagonist:innen der LGBTQ-Community in den Vordergrund, wie z. B. bei der erfolgreichen Neuauflage des US-Formats Queer Eye (Netflix, 2018), sondern auch deren spezifische Herausforderungen, wie das Finden der eigenen geschlechtlichen Identität und das Coming-out. Die Dokuserie aus den USA Lost in Transition (TLC, 2018) beispielsweise handelt von Paaren, bei denen ein:e Partner:in sein:ihr Geschlecht infrage stellt und sein:ihr Leben ändern will.

Ich, einfach unvermittelbar?, Dokuserie, VOX, seit 2018

2018 wurde das Format der BBC Employable Me (BBC TWO, 2016) von VOX als Ich, einfach unvermittelbar? (VOX, 2018) adaptiert.

In Deutschland ist ein zunehmendes Interesse an Informationsformaten festzustellen. Globale Probleme wie Klimaerwärmung, Populismus, Diskriminierung und Ausbeutung interessieren gerade junge Menschen immer mehr. Gepaart ist dieser Trend mit „einem erhöhten Bedarf an glaubhaften Informationen als eine Gegenbewegung zu der interessengeleiteten Gegenöffentlichkeit“ (Sophie Burkhardt, funk).

Y‑Kollektiv, funk, seit 2016

Angesichts der Komplexität im Weltgeschehen und der zunehmend wahrgenommenen Paternalisierung durch die etablierten Strukturen erscheint eine subjektive Berichterstattung als ein glaubhafter Weg. Hierbei stehen die Journalist:innen beim Arbeitsprozess im Vordergrund, als authentische Menschen mit einer deutlichen Haltung. Sie nehmen die Zuschauer:innen mit bei ihren Recherchen, lassen sie teilhaben an ihren Erkenntnissen, aber auch an ihren Zweifeln und den aufkommenden Emotionen. Vor allem bei jüngeren Zielgruppen wird diese Art von Informationsvermittlung positiv angenommen. Beispielhaft dafür ist Y‑Kollektiv (funk, 2016). Für das Onlineformat recherchieren die Reporter:innen weltweit vor Ort aktuell brisante Themen. Der Anspruch von Y‑Kollektiv ist es dabei nicht, objektiv zu sein, sondern möglichst authentisch und ehrlich.

Rechts. Deutsch. Radikal., ProSieben Spezial, seit 2020

Politisch relevante Themen und ein investigativer Journalismus mit klarer Haltung finden zunehmend auch in der Programmgestaltung der privaten Sender Einzug. Die vielbeachtete, von Tilo Mischke in 18 Monaten innerhalb rechter und rechtsextremer Netzwerke recherchierte Fernsehdokumentation ProSieben Spezial: Rechts. Deutsch. Radikal. (ProSieben, 2020) zeigt das neue, selbstbewusste Auftreten Rechtsradikaler in Deutschland und deren Gefahr für unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung. Sie wurde zurecht für den Grimme-Preis nominiert.

In der von den neuen Plattformen getriebenen Bewegtbildwelt „erlebt die Dokumentation eine Renaissance“ (Torsten Zarges, DWDL.de). Vor allem Netflix hat wie schon bei der fiktionalen Serie das Genre neu belebt, indem der Streamingdienst qualitativ hochwertige, z. T. horizontal erzählte Dokureihen ermöglicht. Die Themenpalette reicht dabei von Natur und Umwelt bis zum Starporträt, besonders beliebt bei den Onlineanbietern sind mehrteilige True-Crime-Dokumentationen (siehe unter 10.).

Aber auch die TV-Sender warten mit einem breiten Angebot an Dokumentationen und Dokumentarfilmen auf.

Dokumentarfilmreihe  Ab 18!, 3sat, ZDF

3sat präsentiert jedes Jahr eine neue Staffel der Dokumentarfilmreihe Ab 18! mit je sechs kreativen Dokumentarfilmen, die in die Erlebnis- und Gefühlswelt junger Erwachsener eintauchen. In den Filmen werden Geschichten vom Erwachsenwerden erzählt, die aktuelle gesellschaftsrelevante Fragen aufgreifen. In Joe Boots beispielsweise porträtiert Florian Baron einen jungen US-amerikanischen Kriegsveteran, der nach seiner Rückkehr aus dem Irakkrieg versucht, mit dem Druck und Stress seiner Kriegstraumata zurechtzukommen.

Zum Dokumentarfilm Ab 18! – Joe Boots

The Mighty Redcar, Doku-Serie, BBC TWO, seit 2018

Ein weiteres zukunftsweisendes Beispiel ist bei der BBC zu finden: The Mighty Redcar (BBC TWO, 2018) ist eine mehrteilige Langzeitdokumentation im Stil einer Soap. Begleitet werden mehrere junge Leute in einer ausblutenden Industriestadt, die versuchen, mit Unterstützung ihrer Eltern trotz der widrigen Umstände ihre Zukunftspläne umzusetzen.

Ungleichland, Dokuserie, WDR, seit 2018

Beachtenswert ist auch die Reportagereihe Ungleichland (WDR, 2018), die soziale Ungerechtigkeit in Deutschland thematisiert. Die Reportagereihe wurde im Netz heiß diskutiert.

Menschen lieben es, sich zu gruseln! Ein Rendezvous mit der Angst aktiviert unser Lustsystem, Glückshormone werden ausgeschüttet. Davon wollen wir immer mehr. True Crime ist das Genre, das diesen Kick perfekt bedient. Es hat sich, obwohl wahrlich nicht neu, in den vergangenen Jahren zum Megatrend entwickelt. Dokus über reale Verbrechen, meist besonders brutale Morde und abscheuliche Vergewaltigungen boomen. Dabei geht es nicht allein um die Whodunit-Frage („Who has done it?“) und wie man dem:der Täter:in auf die Schliche gekommen ist. Vielmehr interessiert, was einen Menschen dazu bringt, zum:zur Täter:in zu werden.

Die meisten True-Crime-Serien kommen aus den USA, wo persönliche Daten und Videomaterial von Polizeieinsätzen oder aus Gerichtsverhandlungen – anders als in Deutschland – öffentlich verfügbar sind. Die US-Dokuserie Flint Town (Netflix, 2018) beispielsweise erzählt ungeschönt den oft frustrierenden Alltag in einem Polizeirevier einer strukturschwachen Stadt. Hierzulande sind es vor allem kleine Sender und VoD-Plattformen („Video-on-demand“), die originär deutsche True-Crime-Serien anbieten, wie z. B. KillerFrauen – Die weibliche Art zu töten (Joyn, 2019), Trautes Heim Mord allein (TLC/Joyn, 2017) und Joe Bausch: Im Kopf des Verbrechers (SAT.1 Gold, 2016). Einen neuen Trend innerhalb des Genres True Crime setzte in 2019 die Streamingplattform Netflix: In aufwendig produzierten mehrteiligen Dokuserien werden einzelne spektakuläre Fälle, die sich in das öffentliche Bewusstsein eingebrannt haben und die noch jede Menge Stoff für offene Fragen und Spekulationen bieten, aus den unterschiedlichsten Perspektiven horizontal erzählt.

Großkatzen und ihre Raubtiere, Dokuserie, Netflix, seit 2020

Weltweit ein Überraschungserfolg ist z. B. die siebenteilige Serie Großkatzen und ihre Raubtiere (Original: Tiger King – Murder, Mayhem and Madness) (Netflix, 2020). Erzählt wird die unglaubliche Geschichte des Exzentrikers Joe Exotic, der einen riesigen Wildkatzen-Zoo besaß und nicht nur wegen seiner Verstöße gegen diverse Tiergesetze, sondern vor allem wegen Auftragsmordes zu über 20 Jahren Haft verurteilt wurde.

Rohwedder – Einigkeit und Mord und Freiheit, Dokuserie, Netflix, seit 2020

Die erste große deutsche Netflix-Produktion Rohwedder – Einigkeit und Mord und Freiheit (2020) thematisiert die Ermordung des Treuhand-Chefs Detlev Rohwedder im Jahr 1991 – eine Tat, zu der sich die RAF bekannte. Der eigentliche Täter ist bis heute unbekannt.

Höllental, Dokuserie, ZDF, seit 2021

Im Januar 2021 erschien mit Höllental auch in der Reihe Das kleine Fernsehspiel des ZDF eine sechsteilige True-Crime-Serie. Die Regisseurin Marie Wilke rekonstruiert den bis heute ungelösten Fall Peggy Knobloch und zeichnet ein detailgenaues und facettenreiches Bild der Fallhistorie.

Sport wird von einem interessierten Publikum immer gern gesehen und hat eine lange Erfolgsgeschichte im TV. Durch die wachsende Anzahl an Plattformen und Sendern wird es jedoch zunehmend schwieriger, die Rechte für Sportübertragungen zu bekommen. Neue Formate, die sich nicht zuletzt auch deshalb in jüngster Zeit entwickelt haben, verschieben den Fokus von der reinen Sportübertragung hin zu realen Heldenreisen einzelner Sportler:innen oder ganzer Teams über eine komplette Saison. In diesen (oft seriellen) Sportdokumentationen wird allein durch das Saisonziel ein dramaturgischer Spannungsbogen generiert, Einblicke in die Kabinen vor und nach dem Wettkampf, in Trainingseinheiten, Coaching und Motivation sowie Interviews mit Sportler:innen und Trainer:innen erzeugen dabei eine zusätzliche Nähe und Intensität.

FC Bayern – Behind the Legend, Dokuserie, Amazon Prime Video, 2021

Der Erfolg der US-amerikanischen Serie All or Nothing (Amazon Prime Video, 2016), in der über je eine Saison bekannte Teams der National Football League (NFL) begleitet wurden, führte in der Folge zu ähnlichen Produktionen, wie beispielsweise FC Bayern – Behind the Legend (Amazon Prime Video, 2021).

Cheer, Dokuserie, Netflix, 2020

Einen etwas anderen Ansatz wählte Netflix mit Cheer (2020). In der Dokuserie wird ein erfolgreiches Cheerleader-Team begleitet und ganz nebenbei eine spannende und interessante Coming-of-Age-Geschichte erzählt.

TV-Trends kommen und gehen, aber oft erleben Themen und Ideen nach vielen Jahren ein Revival. Im Moment scheint das Thema „Sex und Partnerschaft“ wieder in den Fokus neuer Formate zu rücken. In den 1990er-Jahren gab es mit Liebe Sünde (VOX, 1993 / ProSieben, 1994), Wa(h)re Liebe (VOX, 1994) und Peep! (RTL II, 1995) gleich mehrere Magazine, die Sex und Erotik thematisierten. Zu Beginn des neuen Millenniums verschwanden die Sendungen aus den Programmen der privaten TV-Anstalten. Das Thema schien ausgereizt, die Nation hatte alles gesehen, und mit dem Internet gab es zunehmend frei verfügbare erotische und pornografische Inhalte.

Paula kommt – Sex und gute Nacktgeschichten, sixx, seit 2021

Nun scheinen Sex und Partnerschaft im TV neu aufgelegt zu werden. Diese Formate klären weniger auf: sie thematisieren, wie Liebe und Partnerschaft in einer diversen Gesellschaft funktionieren und laden die Menschen ein, ihr privates (Sex‑)Leben und ihre Sicht auf Sexualität im Allgemeinen zu teilen. Paula kommt – Sex und gute Nacktgeschichten (sixx, 2013) kann hier als Vorreiter gesehen werden.

Mums Make Porn, SAT.1, seit 2020

Neue Programme nehmen Bezug zum rasant gestiegenen und enttabuisierten Pornokonsum vor allem junger Menschen. SAT.1 adaptierte das britische Mums Make Porn (2020), ein Format, bei dem besorgte Mütter einen Porno produzieren, um ihren Kindern eine andere Perspektive auf Sexualität zu geben.

Sex Tape, TLC/Joyn, seit 2020

Das in Israel entwickelte Format Sex Tape (TLC/Joyn, 2020) wird nach Adaptionen in England und Belgien nun auch für Deutschland produziert. Hier filmen sich Paare selbst in ihrem Alltag und beim Sex und tauschen sich über diese Videos mit anderen Paaren zu ihren Beziehungen aus. 

Let's Talk About Sex, Dokuserie, Channel 4, seit 2019

Im Format Let's Talk About Sex (Channel 4, 2019) schauen Prominente zusammen mit ihren Kindern Aufklärungsformate aus früheren Zeiten an, um dadurch gemeinsam über das Thema Sex ins Gespräch zu kommen.

Fazit

Die weltweite Bewegtbildbranche ist auf der Suche nach dem nächsten großen Ding. Die Konkurrenz unter den etablierten und neuen Playern wächst ständig und zwingt sie zu Innovationen. Klassisches Fernsehen und nonlineare Angebote beeinflussen sich dabei gegenseitig und werden künftig immer weniger zu trennen sein. Galt in den vergangenen Jahren die fiktionale Serie als der wichtigste Trend, rücken die bei jungen Leuten immer populärer werdenden nonfiktionalen Formate und Informationssendungen in den Fokus.

Doch welche Inhalte machen den nächsten großen Hit aus? Überraschungserfolge mit neuen Ideen, die niemand prognostiziert hat und die oft ganz plötzlich einen neuen Trend setzen, wird es immer geben. Wahrscheinlich aber ist, dass Mystery, Fantasy und Krimi noch lange erfolgreich sein werden. Auch die großen, live ausgestrahlten Talent- und Wettbewerbsshows sowie trashige Realityformate bleiben den Fans wohl erhalten. Neu dagegen ist die zunehmende Anzahl an Formaten über alle Genres hinweg, die sich um Authentizität, Wahrhaftigkeit und Ernsthaftigkeit bemühen und bei denen glaubhafte Menschen mit Haltung im Vordergrund stehen. Sie sind Identifikationsfiguren, Informationsvermittler und Meinungsbildner in einer komplexen und unübersichtlichen Welt. Es finden dabei Themen Einzug in das unterhaltende Mainstreamprogramm, die lange tabu waren, wie Migration, Geschlechtsidentität, Feminismus, soziale Unterschiede, Behinderung, Krankheit und sogar Tod. Es geht um die Herausforderungen des Menschseins in unserer diversen westlichen Gesellschaft.

 

1. Die leitfadengestützten Interviews fanden im September und Oktober 2018 mit Expert:innen der nationalen und internationalen Bewegungen in der Fernsehbranche statt. Für diese Interviews konnte ich die folgenden Ansprechpartner:innen gewinnen: Marcel Amruschkewitz (Head of Creative Unit, VOX), Sophie Burkhardt (Stellvertretende Programmgeschäftsführerin, funk), Dirk Eggers (Leiter Fiction, Imago TV), Timo Gößler (Leiter Winterclass Serial Writing and Producing, Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF), Jennifer Mival (Head of Formats & Creative Partnerships, Seapoint), Henrik Pabst (President, Red Arrow Studios International), Bernhard Sonnleitner (Vice President International Scouting & Trends, ProSiebenSat.1 TV Deutschland) und Torsten Zarges (Chefreporter, DWDL.de, Inhaber der Agentur Zarges | creative talent connection).

2. Ergebnisse der ARD/ZDF-Onlinestudie 2020, veröffentlicht am 08.10.2020, https://www.ard-zdf-onlinestudie.de (abgerufen am 22.10.2021).

Autorin

Dr. Tanja Deuerling arbeitet als Formatentwicklerin und Innovationsberaterin für nationale wie internationale Medienhäuser im öffentlich-rechtlichen wie privatwirtschaftlichen Bereich.

[Bild: privat]
Zusammengestellt von

Dirk Uhlig arbeitete bereits seit 2007 als freier Gestalter eng mit dem Medienpädagogik-Team der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) für die Entwicklung und Umsetzung der Projekte Krieg in den Medien und Faszination Medien zusammen. Seit 2017 gehört er zum festen Team der Medienpädagogik der FSF. Nebenbei ist er als freier Dokumentarfilmschaffender tätig.

[Bild: privat]
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