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Fehl- und Desinformationen

Täuschung, Manipulation und Einflussnahme auf Meinungsbildung

Jenny F. Schneider

Medienradar, 04/2022

Fake News und Verschwörungserzählungen tauchen zuhauf im Internet auf – besonders in sozialen Netzwerken und auf Videoplattformen. Sie verbreiten sich rasant und streuen Halb- und Unwahrheiten, um in die Irre zu führen, Meinungen zu beeinflussen oder den Profit zu erhöhen. Aber auch sogenannte Deepfakes und Social Bots werden eingesetzt, um Nutzer:innen zu täuschen. Manche Falschinformationen sind harmlos, andere dagegen von hoher Tragweite. Die Playlist stellt verschiedene Formen von Fehl- und Desinformationen sowie die dahinterstehenden Absichten vor.

Entsprechen Informationen nicht der Wahrheit, handelt es sich um Falschinformationen. Darunter sind zwei Varianten zu fassen: die Desinformationen und die Fehlinformationen. Bei Desinformationen handelt es sich um die absichtliche und gezielte Verbreitung von falschen Informationen, das Publikum wird bewusst getäuscht oder in die Irre geführt. Dahinter stecken verschiedene, oft böswillige Absichten: öffentlichen Schaden verursachen, Meinungen beeinflussen, Angst schüren oder Profit machen. Fake News sind die bekannteste Form der Desinformation.

Von Fehlinformationen spricht man dagegen, wenn falsche Informationen ohne ausdrückliche Absicht der Täuschung verbreitet werden, sondern in dem guten Glauben, richtig zu sein. Deren Produzent:innen ist allerhöchstens Fahrlässigkeit vorzuwerfen, wenn zum Beispiel ein Irrtum vorliegt oder es sich um journalistisch schlecht überprüfte Meldungen handelt.

In der Praxis ist eine klare Abgrenzung zwischen Fehl- und Desinformationen nicht immer möglich, häufig kommt es zu Mischformen. Nachfolgend werden typische Formen von Falschinformationen vorgestellt.

1. Irrtümer

Immer wieder kommt es vor, dass ein Medium irrtümlich eine falsche Information verbreitet. Dahinter steckt keine böse Absicht, es handelt sich um eine reine Fehlinformation, die in der Regel kurze Zeit später richtiggestellt wird.

2. Fake News

Bei Fake News handelt es sich um Desinformationen, die frei erfunden sind oder wahre Aspekte aufgreifen und diese verzerren bzw. in einen falschen Kontext stellen, um das Publikum bewusst zu täuschen. Fake News verfolgen häufig eine ganz bestimmte Mission: sie wollen gesellschaftliche und politische Stimmungen in eine Richtung lenken und haben daher propagandistischen Charakter. Auch wenn Hate Speech (Hassrede) verbreitet wird, also wenn bestimmte Personen oder Personengruppen herabgewürdigt werden, kommen häufig Fake News zum Einsatz.

Damit Fake News sich schnell verbreiten, müssen sie glaubwürdig sein und überzeugen – kurz gesagt: sie müssen Aufmerksamkeit auf sich lenken. Dies erreichen sie mit provozierenden Überschriften, aus dem Kontext gerissenen Bildern und teils sogar manipulierten Bildern oder Videos. Je mehr Belege eine Fake News vorzuweisen hat, desto authentischer – denn kaum ein:e Leser:in überprüft diese.

3. Verschwörungstheorien

Verschwörungstheorien zeichnen sich dadurch aus, dass sie bestimmte Ereignisse oder Entwicklungen, so wie sie in den Medien dargestellt werden, nicht glauben und stattdessen als Folge einer geheimen Verschwörung interpretieren. Verschwörungsgläubige sind davon überzeugt, die wahre Erklärung gefunden zu haben: „eine im Geheimen operierende Gruppe, nämlich die Verschwörer, [die] aus niederen Beweggründen versucht, eine Institution, ein Land oder gar eine ganze Welt zu kontrollieren oder zu zerstören“1. Die Verschwörungsgläubigen bezeichnen sich selbst als wachsam, während der Rest der Menschen für sie „schlafende Schafe“ sind, die sich von den Medien oder der Regierung blenden lassen.

Verschwörungsgläubige verbreiten ihre Ideologien mit der Absicht, dass andere Menschen ebenfalls die vermeintliche Wahrheit erfahren. Dazu bedienen sie sich auch verschiedener Stilmittel der Desinformationen.

4. Clickbaiting

Beim Clickbaiting (dt.: „Klickköder“) werden Internetnutzer:innen mittels reißerischer Überschriften, provokanter Behauptungen, falscher Versprechungen und anderer gestalterischer Elemente zum Anklicken eines Artikels, Videos oder Links animiert. Dahinter steckt reine Profitgier, denn höhere Klickzahlen generieren höhere Werbeeinnahmen. Wenn Journalist:innen, Influencer:innen, YouTuber:innen & Co. also Clickbaiting-Elemente einsetzen, führen sie ihr Publikum bewusst in die Irre. Der tatsächliche Inhalt ist häufig enttäuschend, da der erwartete Mehrwert für die Nutzer:innen nicht eintritt.

Im Unterschied zu propagandistischen Falschmeldungen wie den Fake News steht die Täuschungsabsicht beim Clickbaiting jedoch nicht im Vordergrund. Für den Zweck der Profitsteigerung ist es letztlich völlig trivial, ob die falsche oder irreführende Information geglaubt wird. Die Wirkung von Clickbaiting-Desinformationen kann aber potenziell ähnliche Tragweite erreichen wie bei propagandistischen Desinformationen.

5. Manipulierte Bilder

Dank fortgeschrittener Technik ist es heutzutage selbst Laien möglich, Bilder schnell und ohne technisch großen Aufwand zu bearbeiten. Je nach beabsichtiger Wirkung können Bildmanipulationen harmlos sein, zum Beispiel, wenn lediglich eine störende Haarsträhne wegretuschiert wird. Werden Details jedoch mit der Absicht verändert, die Bildaussage und damit die Wirkung beim Publikum zu verändern, zum Beispiel indem Angst geschürt oder die Meinungsbildung beeinflusst wird, bekommen manipulierte Bilder desinformierenden Charakter. Dies trifft im Übrigen auch dann zu, wenn Bilder mit der Absicht verändert  – zum Beispiel wenn Pickel retuschiert werden, weil mit dem Bild eine Anti-Pickel-Creme verkauft werden soll.

6. Manipulierte Videos & Deepfakes

Neben Fotos können auch Videos mithilfe bestimmter Appfunktionen schnell und unkompliziert bearbeiten werden. Da diese meist auf Filtern beruhen, sind sie relativ leicht als Fälschungen zu erkennen. Das professionelle Manipulieren von Videomaterial ist deutlich aufwändiger, da ein Video aus hunderten bis tausenden Einzelbildern besteht (in der Regel 24 Bilder pro Sekunde), die alle einzeln bearbeitet werden müssten. Folglich wird der Wahrheitsgehalt von Videos seltener hinterfragt, da ihnen eine höhere Authentizität zugeschrieben wird als Bildern.

Aber die Technik entwickelt sich weiter und erlaubt zunehmend präzisere Videomanipulationen, beispielsweise durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Bei den als besonders gefährlich geltenden Deepfake-Videos wird eine Software eingesetzt, die mithilfe von Machine Learning Mimik und Gestik einer Person manipulieren kann. Solche Fälschungen können täuschend echt sein – mit zum Teil weitreichenden Folgen. Am 18.03.2022 wurde beispielsweise eine ukrainische Nachrichten-Website gehackt und ein Deepfake-Video eingeblendet, das den ukrainischen Präsidenten Selenskyj zeigt, wie er sein Volk zur Kapitulation aufruft.2

7. Fake-Profile

Als Fake-Profil werden Profile auf sozialen Netzwerken bezeichnet, die falsche oder irreführende Informationen über die tatsächlich dahintersteckende Person angeben. Das umfasst ein falsches Profilfoto, falsche Angaben zur Person, aber auch falsche oder fiktive Namen. Wer ein Profil im Namen einer anderen, realen Person erstellt, betreibt darüber hinaus Identitätsdiebstahl. Dahinter steckt oftmals die Absicht, der Person oder ihrem Ruf schaden zu wollen.

Fiktive Fake-Profile hingegen werden zum Beispiel zur Verbreitung falscher Informationen oder zur Manipulation von Meinungen eingesetzt. Wird eine Meinung in sozialen Netzwerken mittels mehrerer Fake-Profile künstlich bestärkt, erweckt dies bei anderen Nutzer:innnen den Anschein, dass viele Kommentierende eine ähnliche Meinung vertreten – obwohl es in Wahrheit vielleicht deutlich weniger sind. Darüber hinaus werden fiktive Fake-Profile auch zu Zwecken der Profitsteigerung erstellt, um sich – beispielsweise durch höhere Followerzahlen – interessanter für potenzielle Werbepartner zu machen.

8. Social Bots

Bei Social Bots handelt es sich um kleine Softwareroboter, die programmiert wurden, um in sozialen Medien automatisiert Postings oder Kommentare zu schreiben, zu liken und zu teilen. Anders ausgedrückt: hinter einigen Nutzerkommentaren stecken gar keine menschlichen Verfasser:innen, sondern algorithmisch gesteuerte Computerprogramme. Der Umstand der Automatisierung wird dabei weder in den veröffentlichten Inhalten noch auf den dahinterstehenden Nutzerkonten kenntlich gemacht, folglich werden andere Nutzer:innen hierbei bewusst getäuscht.

Problematisch werden Social Bots, wenn sie dafür eingesetzt werden, den Äußerungen einzelner Personen oder Organisationen mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen – denn das erhöht automatisch die Relevanz dieser Äußerungen. Social Bots können den Meinungsbildungsprozess folglich künstlich verzerren.

9. Gekaufte Likes, Follower:innen und Kommentare

Die Reichweite in sozialen Netzwerken ist für viele Unternehmen, Politiker:innen und Influencer:innen maßgebend für ihre Einflussnahme, aber auch für ihren Profit. Da überrascht es nicht, dass daraus ein eigenes Business geworden ist und Likes und Follower:innen gekauft werden können: dafür beauftragt werden zum einen Social Bots (siehe voriger Slide) und zum anderen sogenannte „Clickworker“, also Menschen, die für Klicks bezahlt werden.

Allerdings täuschen gekaufte Follower:innen eine falsche Reichweite vor, gekaufte Likes und Kommentare führen zu vorgetäuschten Meinungsmehrheiten und damit zu Meinungsverzerrung sowie politischer Einflussnahme. Des Weiteren können sie zur schnelleren Verbreitung von Desinformationen beitragen. Da sich aus Nutzersicht gekaufte Follower:innen und Likes kaum von echten unterscheiden, lässt sich in sozialen Netzwerken heutzutage kaum noch mit Sicherheit sagen, welche Meinungen tatsächlich vorherrschen, welche Trends „echt“ und nicht künstlich herbeigeführt sind und welche Influencer:innen ihren Erfolg eigenständig verdient haben.

1. Butter, Michael (2018): Nichts ist, wie es scheint. Über Verschwörungstheorien. Suhrkamp Verlag, Berlin 2018, S. 145.

2. Schneider, Jan / Metzger, Nils: Videos von Selenskyj und Putin. Wie Deepfakes im Ukraine-Krieg genutzt werden, in: zdfheute vom 18.03.2022, https://www.zdf.de/nachrichten/politik/selenskyj-deepfake-video-ukraine-krieg-russland-100.html (zuletzt abgerufen am 31.03.2022). 

3. LibertiesEU: Fehlinformation vs. Desinformation: Definition und Beispiele, vom 21.09.2021, https://www.liberties.eu/de/stories/fehlinformation-vs-desinformation-definition-und-beispiele/43752 (zuletzt abgerufen am 14.03.2022).

4. Landesanstalt für Medien NRW: Was ist Desinformation? Betrachtungen aus sechs wissenschaftlichen Perspektiven, herausgegeben am 06.03.2020, https://www.medienanstalt-nrw.de/fileadmin/user_upload/NeueWebsite_0120/Themen/Desinformation/WasIstDesinformation_Paper_LFMNRW.pdf (zuletzt abgerufen am 16.03.2022).

5. Zimmermann, Fabian / Kohring, Matthias: Fake News als aktuelle Desinformation, in: Bundeszentrale für politische Bildung/bpb vom 02.05.2019, https://www.bpb.de/themen/medien-journalismus/digitale-desinformation/290561/fake-news-als-aktuelle-desinformation/ (zuletzt abgerufen am 23.03.2022).

6. Meineck, Sebastian / Locker, Theresa: Die Applausfabrik: So funktioniert die Industrie hinter gekauften Likes und Followern, in: Vice vom 20.11.2019, https://www.vice.com/de/article/59nvqd/instagram-die-applausfabrik-geld-verdienen-mit-gekauften-likes-und-followern (zuletzt abgerufen am 01.04.2022).

Autorin

Jenny F. Schneider studierte an der Universität Leipzig Theaterwissenschaft, Psychologie und Journalistik mit dem Schwerpunkt Medienpädagogik. Seit 2012 arbeitet sie als freiberufliche Medienpädagogin und leitet medienpädagogische Workshops, Projekte und Fortbildungen im schulischen und außerschulischen Bereich. Im gleichen Jahr begann ihre Zusammenarbeit mit der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF), wo sie u. a. bei der Studie Scripted Reality auf dem Prüfstand sowie der Aktualisierung des Projekts Faszination Medien mitwirkte. Seit 2017 gehört sie zum festen Team der Medienpädagogik der FSF.

[Bild: privat]