Interview

Hochgefährlich und ohne verlässliche Strukturen!

Mit Verschwörungsnarrativen gegen Werterelativismus und Weltbild-Chaos

Joachim von Gottberg, Jürgen Grimm

Gespräch
In: tv diskurs: 24. Jg., 4/2020 (Ausgabe 94)

Wie unsere Welt und unser Leben entstanden sind und ob bzw. wie das eine und das andere enden, bleibt uns Menschen unverständlich und verborgen. Unendlichkeit können wir nicht denken. Um mit dieser Unwissenheit leben zu können, haben Menschen von jeher Narrative entwickelt, eine Fiktion, mit der sie das Unvorstellbare und Unerklärliche fassbar zu machen suchen. Seit der Aufklärung fokussiert sich die Wissenschaft auf die rationale Vernunft und versucht, Theorien zu konstruieren und diese in Experimenten zu verifizieren, zu falsifizieren und immer wieder in Zweifel zu ziehen. Auch angesichts der Coronapandemie können wir uns nicht damit abfinden, dass das Virus einfach so in die Welt gekommen ist. Durch die Suche nach Ursachen und Schuldigen entstehen Verschwörungstheorien. Dr. Jürgen Grimm, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien, hat untersucht, warum sie so erfolgreich sind.

Ist die mediale Berichterstattung zu einseitig und auf die vom Staat festgelegten Restriktionsmaßnahmen orientiert, womit sie Verschwörungstheorien fördert?

Die Medien haben daran schon einen gewissen Anteil. Es gibt extreme Fälle von Verschwörungstheoretikern wie Xavier Naidoo und Attila Hildmann, deren hohe Medienaufmerksamkeit dazu beiträgt, dass viele meinen, eine große Zahl Menschen sympathisiere mit Verschwörungstheorien. Dies kann deren Akzeptanz bei Mediennutzer erhöhen, die sich an Mehrheitsmeinungen orientieren. Untersuchungen, die wir in Wien im Juni 2020 mit 607 Probanden durchgeführt haben, zeigen allerdings, dass die Sachlage komplexer ist. Es scheint, als ob die Mehrheit für Verschwörungstheorien während der Pandemie keineswegs anfälliger ist als in Normalzeiten. Wir sehen aber eine Spreizung zwischen denjenigen, die eher immun gegen Weltbild-Abschließungen und bestimmte paranoide Ideen sind, und anderen, die eben doch dahin tendieren.

Können wir im wissenschaftlichen Sinne eigentlich hundertprozentig sicher sein, woher das Virus genau kommt?

Was Wissenschaft ausmacht, ist der Zweifel an allem, was der Fall sein könnte. In postmodernen Zeiten ist der Zweifel demokratisiert und bezieht sich auch auf die Wissenschaft selbst. Das führt dann eben zu Nachfragen: Wo kommt das Virus her? Was war wirklich der Anfang? Darüber haben wir mehr oder weniger wahrscheinliche Vermutungen, die immer wieder geprüft werden müssen. Was für Wissenschaftler ganz normal ist, wirkt für Laien widersprüchlich und chaotisch. Im Gegensatz dazu sagen die Verschwörungstheoretiker: „Wir wissen genau, was geschehen ist und wer dahintersteckt, überlegt doch mal, wem es nützt. Ihr seid klug, wenn ihr das durchschaut. Ihr seid dumm, wenn ihr den Lügen der Medien glaubt.“ Und wenn das von der Mühe entlastet, sich an Coronaauflagen zu halten: umso besser.

Kann die starke Spreizung auch damit zusammenhängen, dass viele Menschen den Mainstream-Medien positiv gegenüberstehen, während Verschwörungsanhänger die Medien eher für regierungsgesteuert halten und aus Prinzip an allem zweifeln, was diese verbreiten?

Wir können in unseren Zahlen klar einen Zusammenhang zwischen der Neigung zu Verschwörungstheorien und Medienmisstrauen erkennen. In gewissem Maße ist eine negative Medientheorie auch Teil von Verschwörungserzählungen. Die Desinformation gehört zum Wirken dieser geheimen Kräfte im Hintergrund dazu, sonst würde man sie ja auch erkennen und ihrer habhaft werden. Wir sehen das aber als Teil eines größeren Komplexes. Nicht nur das Medienmisstrauen, sondern vor allem mangelndes Vertrauen in die Welt und die Menschen macht für Verschwörungstheorien anfällig. Dies hängt sehr stark mit Weltbildern und deren Dynamik zusammen, nicht zuletzt mit sogenannten Scary-World-Ansichten: Das, was wir immer mal wieder als Bedrohung im Leben oder in den Medien wahrnehmen, wird zu einer Weltzustandsbeschreibung generalisiert. So führen Kriminalitätsberichte nachweislich dazu, dass die Verbrechensfurcht wächst und in der Regel höher liegt, als es dem tatsächlichen Risiko entspricht. Man knüpft daran an, was man als Gefahr erkennt, übertreibt und verallgemeinert die Erfahrung und landet schließlich bei einem düsteren Weltbild, das bestimmte weitere Reaktionen nach sich zieht: Wo lauert die nächste Bedrohung, wo kommt sie her, wo führt sie hin? Verschwörungstheorien fügen dem noch ein klares Feindbild hinzu und schaffen so Handlungssicherheit: Was kann ich gegen die Bedrohung unternehmen? Ach so, ich muss nur den Verursacher beseitigen, schon ist das Problem gelöst. Es geht um eine entlastende Art des Weltbild-Managements, das aggressive Konsequenzen nach sich zieht.

In der populären Literatur sind Verschwörungstheorien schon lange vorhanden. Dort erweisen sie sich meist als zutreffend, auch wenn sie zu Beginn keiner glauben will.

Es gibt ja tatsächlich ganz reale Verschwörungen, die in der Literatur und im Film thematisiert und ausgeschmückt werden. Und natürlich sind diese Narrative oft der Ausgangspunkt für das, was wir in einem sozialpsychologischen Sinne Verschwörungstheorie nennen. In der literarischen Kultur haben Fiktives und Reales schon immer koexistiert. Wir sind es gewohnt, Schein für Sein zu nehmen, wenn wir ins Theater oder ins Kino gehen. Dort werden alle möglichen Sachverhalte unterschiedlicher Wahrscheinlichkeit und unterschiedlichen Wahrheitsgehaltes in Fiktionen abgehandelt. Im Normalfall fällt der Vorhang und wir kehren hoffentlich unbeschadet und bei klarem Verstand ins reale Leben zurück. Was aus der Illusionsphase der Fiktion ins Alltagsleben einsickert, hat zuvor einen Realitätscheck durchlaufen und wird bei der Orientierung im Realitätsrahmen neu interpretiert. Zum Problem wird es dann, wenn fiktionale oder auch reale Einzelerfahrungen mit Weltbild-Abschließung verbunden werden. Hier liegt das Einfallstor für Verschwörungstheorien, deren Narrative aus der kulturellen Sphäre stammen und zu einem Glaubenssystem erstarren. Normalerweise ist man jeden Tag damit beschäftigt, Schein und Sein zu sortieren und alles einem Realitätstest im Kontext aktueller Problemstellungen zu unterwerfen. Wenn man aber aufhört, kritische Prüfungen vorzunehmen, kann sich das zu einer paranoiden Konstruktion auswachsen, die sektenähnliche Erscheinungen hervorruft und potenziell sogar Mordabsichten motiviert.

Verschwörungstheorien hat es immer schon gegeben. Heute haben wir aber noch die sozialen Medien und jeder kann das in die Welt hineintragen, was er an Unsinn für richtig hält.

Menschen mit Neigung zu Verschwörungstheorien entwickeln nach unseren Befunden ein besonders großes Internetvertrauen, während sie Presse und Fernsehen eher misstrauen. Sie sind stärker als andere an heterodoxen Wissensbeständen interessiert, die nicht dem allgemeinen Konsens unterliegen. Dahinter steckt, was seit der Aufklärung oder spätestens seit der Postmoderne ein Leitgedanke geworden ist, nämlich, dass man alles in Zweifel ziehen kann: Alles steht unter Fake-Verdacht und wird auf Inszenierungs- und Manipulationsabsichten hinterfragt. In diesem Dschungel der Verstellung verschwimmen die Grenzen zwischen Fake und Fakten, es ist ja eh „alles konstruiert“. Das ist die Stunde „alternativer Fakten“, die der ehemalige amerikanische Präsident Donald Trump für seine Lügengeschichten reklamiert hat. Und er kam vielfach durch damit. Das relativistische und postmoderne Denken des „anything goes“ wird durch soziale Netzwerke im Internet verstärkt, weil dort ein Wahrheitskriterium im Sinne der Prüfung von Hypothesen an einer äußeren Wirklichkeit strukturell fehlt und durch Klicks ersetzt worden ist. Man ist auf dieser Grundlage viel eher imstande, ein eigenes Bild zu zimmern und weltweit zu verbreiten, ohne das Scheitern seiner Vermutungen zu riskieren. Blasenbildung im Netz und Weltbild-Abschließung gehen Hand in Hand. Das Internet ist zwar nicht ursächlich für Verschwörungstheorien, wohl aber eine Plattform für deren leicht gemachte Zirkulation.

Auf der anderen Seite ist es natürlich auch möglich, über das Internet Verschwörungstheorien entgegenzutreten und gegen sie zu argumentieren.

Richtig. Ignorieren lassen sich Verschwörungstheorien nämlich nicht. Für Menschen ist es in schwierigen Situationen völlig normal, ihre Angstbilder zu objektivieren, um sie einer weiteren Bearbeitung zugänglich zu machen. Schon in der Steinzeit haben Höhlenmenschen angefangen, die Wände zu bemalen, sie haben sich dabei mehr oder weniger realistische Gedanken um die Jagd gemacht. Aber es gab eben auch schamanische Projektionen und solche, die aus heutiger Sicht als realitätsfern eingestuft würden. Als Nachkommen von Höhlenmenschen verfügen wir über eine sehr ausgeprägte Vorstellungskraft, die in Krisenzeiten zu deren Bewältigung beitragen kann. Dies schließt allerdings auch die Möglichkeit paranoider Weltsichten ein, die wir von Albträumen kennen. Dagegen hilft, was die Höhlenmenschen angesichts des Klimaschocks und meterdicker Eisschichten getan haben: das Mobilisieren positiver Vorstellungsbilder in Kunst und Kultur – und sei es nur deshalb, um die Langeweile zu vertreiben und nicht wahnsinnig zu werden. Die gegenwärtig im Netz kursierenden Witzbilder und Tiervideos sind dafür ein aktuelles Anwendungsbeispiel.

Eine Befragung des ZDF vom 28. August 2020 ermittelte eine Zustimmungsrate von 60 % zur gegenwärtigen Coronapolitik der Bundesregierung, 28 % wünschen sich sogar noch schärfere Maßnahmen, nur 10 % sind dagegen. Müssen wir einfach damit leben, dass es einen Prozentsatz von Menschen gibt, die grundsätzlich an allem zweifeln, was vom Staat oder der Wissenschaft kommt?

Unsere Untersuchung zeigt in der Tat, dass die Mehrheit für Verschwörungstheorien wenig empfänglich ist. Trotzdem sollte man das Problem nicht unterschätzen, weil auch wenige Verschwörungstheoretiker positive Ressourcen, die wir zur Krisenbewältigung benötigen, korrumpieren können. Ich glaube, dass die hohe Akzeptanz der Pandemiepolitik der Regierung etwas mit der Höhlenkompetenz von Menschen zu tun hat. Wir haben in unserer Geschichte oft erlebt, dass wir uns zurückziehen mussten, nicht nur in Höhlen während der Eiszeit, sondern auch in die Luftschutzkeller während der Bombenangriffe des letzten Weltkrieges. Da wäre niemand auf die Idee gekommen, diese Maßnahmen als „freiheitsberaubend“ zu interpretieren. Freiheitsberaubend ist zurzeit in erster Linie das Virus: Wir ziehen uns in die Höhle zurück, um frei vom Virus zu bleiben. Natürlich ist nicht ausgeschlossen, dass wir dann, wenn wir zu lange in der Höhle sitzen, hospitalisieren oder uns mehr oder weniger verrückte Gedanken darüber machen, wer dafür verantwortlich ist. Bill Gates oder die KP Chinas? Oder doch die Echsenwesen? Da kommt es auf soziale Kontrollen und Gespräche mit Freunden an. Auch im Internet gibt es Enklaven mit Sachverstand wie virologische Podcasts, die für rationalen Krisenumgang werben. Die meisten von uns sind höhlenkompetent und können die Coronasituation ganz gut bewältigen. Aufpassen müssen wir auf diejenigen, die vom „Virus“ verschwörungstheoretischer Narrative befallen sind und mit falschen Freiheitsbegriffen hantieren. Wer den Kampf für die Freiheit von Covid-19 als Kampf gegen die eigene Freiheit uminterpretiert, gefährdet unsere Fähigkeit, frei zu sein, frei vom Coronavirus und allen anderen damit verknüpften Freiheiten sowieso.

Wird vielleicht die Person, die man am wenigsten leiden kann – z. B. Bill Gates, Angela Merkel oder Hillary Clinton, die sich gegen den von einigen verehrten Trump gestellt haben –, am ehesten zum Verantwortlichen deklariert? Und dann muss man ein Narrativ entwickeln, warum sie das machen und wie ihnen das Virus nutzt?

Das sind mächtige Personen, denen man zutraut, Verschwörungen zu initiieren. Auch Trump wurde schon als Marionette einer geheimen russischen Verschwörung etikettiert. Eine wesentliche Triebkraft sind die schon angesprochenen Scary-World-Ansichten. Hinzu kommt die Vorstellung, in einer anarchischen und chaotischen Welt zu leben. Die Welt ist nicht nur gefährlich, sondern ohne klare Struktur. Das nennen Soziologen „Anomie“, womit ein Zustand ohne Gesetzlichkeit und Kontrolle gemeint ist. Es mag im ersten Moment paradox klingen, denn Verschwörungsnarrative gehen in ihrem Basisplot von Kontrollierbarkeit aus: Die Verschwörer sind diejenigen, die die Fäden ziehen und alles kontrollieren. Dabei wird die empfundene mangelnde Beherrschbarkeit des Ganzen ideologisch überkompensiert, es wird eine viel größere Kontrollierbarkeit unterstellt, als man sie selbst wahrnimmt. Und das ist systematisch der Fall: In den Protokollen der Weisen von Zion – dem Prototyp für Verschwörungsnarrative – ist es eine kleine jüdische Gruppe, die mithilfe des Finanzkapitals die Welt nach Belieben dirigiert. Das offensichtlich nicht Regulierte und Bedrohliche kapitalistischer Wirtschaftskrisen wird als intentional und gesteuert dargestellt: Da gibt es welche, die es im Griff haben. An die muss man sich halten, um etwas auszurichten. Also, einfach den Brandherd erkennen und ihn auslöschen. Das haben die Nazis mit sechs Millionen Juden dann auch gemacht.

Diejenigen, die jetzt Bill Gates für die Pandemie verantwortlich machen, haben ihn wahrscheinlich schon vorher nicht gemocht.

Ich würde eher umgekehrt sagen: Die meisten haben zu Hause einen PC mit Microsoft-Software stehen und vielfach erfahren, dass dieser Bill Gates ein mächtiger Mann mit guten Produkten ist. Wenn man jetzt aber unter der Vorstellung leidet, dass alles unreguliert auf einen Abgrund zutreibt, wird der mächtige Mann plötzlich als übermächtiger „Feind“ gesehen und als solcher gebrandmarkt. Die Macht ist der Einhakpunkt, um erlebte Ohnmacht zu kompensieren. Und diese Macht wird zum Feindbild stilisiert, das einen kämpferisch stimuliert. Verschwörungstheoretiker neigen daher verstärkt zu politischer Gewalt, wie unsere Daten glasklar belegen.

Wodurch unterscheidet sich der Anhänger solcher Theorien von demjenigen, der eher Vertrauen in die Mainstream-Medien hat?

In der psychologischen Forschung wurde behauptet, dass diese Menschen mit Komplexitäten nicht umgehen können. Das haben wir allerdings in unseren Daten nicht gefunden. Ich halte diesen Aspekt für überbetont und nur wenig relevant. Die Verschwörungstheoretiker sind weder einfach gestrickt noch dumm. Sie sind in der Lage, sich ein kompliziertes Narrativ anzueignen oder sogar selbst zu generieren. Und sie strengen sich kognitiv gewaltig an, um ihre Scary-World-Vorstellungen und ihr anomisches Weltbild zu restrukturieren und dann gegen alle äußeren Zweifel zu verteidigen. Verschwörungstheorien sind Symptom und Reaktion eines Weltbild-Leidens, das aus dem Verlust traditioneller Sinnstiftung durch Kirche, Moral und Familie sowie aus der Erfahrung von Werterelativierung in pluralisierten Gesellschaften entsteht: Alles ist kulturabhängig, alles ist möglich, so wird es in der Postmoderne propagiert. Und am Ende weiß niemand mehr, wo er eigentlich hinmöchte. Es entsteht eine Art weltanschauliche Obdachlosigkeit, die nach Gegenmaßnahmen verlangt.

Welche Maßnahmen sind das? Welche weltanschaulichen Konzepte passen zu den Verschwörungstheorien?

Es gibt Zusammenhänge zwischen Verschwörungstheorien und dem, was man als „Vorhof des Rechtsextremismus“ bezeichnen könnte. Wir haben unerwartet hohe Korrelationen zwischen der Affinität zu Verschwörungstheorien und politischer Entfremdung, bei der ein extrem negatives Politikerbild und eine Oben-Unten-Dichotomie vorherrschen. Die meisten Verschwörungstheoretiker fühlen sich „denen da unten“ zugehörig und entwickeln auf dieser Basis eine elitenfeindliche Einstellung. Das trifft vor allem die ihrer Ansicht nach herrschenden liberalen Politiker und die sogenannten „Systemmedien“ sowie „linke“ Kulturwächter, die angeblich dem „Volk“ den Mund verbieten wollen. Der Schritt zu dezidiert rechtsextremen Ansichten ist da nicht mehr weit. Sowohl die Befürwortung autoritärer Herrschaft als auch ein sozialdarwinistisches Gesellschaftsbild – also Leben als Kampf, in dem sich die Stärkeren durchsetzen – sind signifikant mit verschwörungstheoretischen Neigungen verknüpft. Auch die Verharmlosung des Nationalsozialismus ist damit assoziiert. Wie sind die Korrelationen zu erklären? Der gemeinsame Boden dafür entsteht aus dem Gefühl der Bedrohung und dem Bedürfnis nach Ordnung, das auf eine chaotisch empfundene Lebenswelt reagiert. Man will sich einigeln – „Cocooning“ nenne ich das – und die Moral auf eine überschaubare Gemeinschaft der Gleichartigen und Gleichgesinnten beschränken. Dieser Einstellungskomplex, der mit Nationalismus im Sinne von Abschottung und Superioritätsdenken einhergeht, wird von extremen Rechten bedient. Die Linke hat darauf bislang keine geeignete Antwort gefunden.

Lassen sich Verschwörungstheorien als „krankhaftes Denken“ charakterisieren?

Wer Xavier Naidoo im Internet gesehen hat, wie er in Tränen ausbrach, als er von Kinderschändern um Hillary Clinton sprach, die das Kinderblut anzapfen, damit Superreiche ewig jung bleiben, konnte den Eindruck psychischen Leidens durchaus gewinnen. Aber seien wir vorsichtig mit Ferndiagnosen. Vielleicht ist es auch selbst verordneter Glaube, der ihn im psychischen Gleichgewicht hält. Naidoo ist früher schon aufgefallen mit religiösem Sendungsbewusstsein, bevor er dann bei den rechtsextremen Reichsbürgern tingeln ging. Wir alle entwickeln Weltbilder, die wir zur Orientierung in der Umwelt und für unser inneres Gleichgewicht benötigen. Darin liegen Sinn und Zweck des Weltbild-Managements, das den Umgang mit Angst mit dem kompetenten Umwelteingriff versöhnen soll. Das kann allerdings auch schiefgehen und wahnhafte Züge annehmen, wenn kritische Ideen-Prüfungen versagen. Keineswegs sollten wir Fälle wie Naidoo vorschnell pathologisieren. Das nähme ihm die Verantwortung für ideologische Schäden ab, die er bei sich und vielen seiner Fans anrichtet.

Trotz aller Fragwürdigkeit dieser Theorien glauben die Menschen, dass sie als Einzige das Wahre und Richtige erkennen und deshalb das Recht haben, gegen die „Ungläubigen“ vorzugehen? Wie wird man zum gläubigen Fanatiker? Und wie geht man damit um?

Auch hartgesottene Verschwörungstheoretiker sind nicht von vornherein dogmatisch, sondern überbetonen erst einmal den Zweifel an allem und jedem. Das treibt sie ja in das Medienmisstrauen und dazu, nach alternativen Erkenntnissen Ausschau zu halten. Wenn sie dann etwas gefunden haben, wird es verteidigt wie der eigene Augapfel. Aber es ist eigentlich eine paradoxe Übersprunghandlung: Weil ich niemandem mehr glauben kann, glaube ich selbst umso mehr. In dieser Paradoxie liegt vielleicht eine Chance, wie man so etwas aufbrechen könnte. Den Zweifel, den jemand hegt und pflegt, für sich selbst zu suspendieren, ist nicht wirklich konsistent.

Wenn man sich die knapp 40.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Demonstration am 29. August 2020 in Berlin anschaut, waren das nicht nur Rechte oder gar Rechtsradikale. Viele sahen aus mehr oder weniger verständlichen Gründen durch die Coronabeschränkungen ihre Freiheit oder ihre wirtschaftliche Grundlage in Gefahr. Aber wenn Corona bald vorbei wäre, würden die doch wahrscheinlich morgen wieder komplett auseinanderfallen.

Das war eine sehr bunte Mischung aus Impfgegnern, Esoterikern, Linksanarchisten, Identitären, Rechtsextremisten und ideologisch noch undefinierten Bürgern, die offenbar kein Problem damit hatten, mit Extremisten verschiedener Couleur zu marschieren. Wie kommt es, dass sich so heterogene Gruppen zusammentun? Ich glaube, das hängt mit der Bedrohungssituation in der Coronakrise und einigen konvergenten Denkmustern zusammen. Wer sich bedroht fühlt, neigt zu Fight-Flight-Reaktionen, ein biologisch verankerter Mechanismus der Gefahrenabwehr. Derjenige braucht erst mal keine Ideologie, um demonstrieren zu gehen, verliert aber vielleicht einen Teil seines ideologischen Kompasses, wenn er sich neben Extremisten wiederfindet. Im Übrigen haben Rechte und Linke ein kämpferisches Politikverständnis gemeinsam: Kampf der Nationen, Rassen oder Klassen. Die verschwörungstheoretische Komponente bei den Rechten ist sprichwörtlich und hat durch den Holocaust unheilvoll Geschichte gemacht. Bei den Linken gibt es das Monopolkapital und den US-Imperialismus, die alles kontrollieren. Es existieren also einige ähnliche Denkweisen im vorideologischen Raum. Eine Gleichsetzung von Linken und Rechten ist aber nicht gerechtfertigt. Die Verbindung von Rechtsextremismus mit gewaltförderlichen Verschwörungstheorien ist viel stärker ausgeprägt als bei der Linken. Das auf Partialgemeinschaften eingegrenzte Moralverständnis der Rechten kontrastiert maximal mit dem moralischen Universalismus der Linken usw. Vom Verlauf der Pandemie wird es abhängen, ob und wann derzeitige Zweckbündnisse in die Brüche gehen.

Wenn wir uns Verschwörungstheorien anschauen, dann beruhen diese Narrative alle auf komplett unbewiesenen Behauptungen. Verschwörungstheoretiker scheinen auch in sich nicht besonders stringent zu sein. Welche Kommunikationsstrategie ist da sinnvoll?

Ich sehe keine Alternative dazu, den rationalen Diskurs zu führen. Meine Hoffnung gründet darin, dass sich Verschwörungstheorien ja durchaus von realen Bedrohungen herleiten und einen, wenn auch fehlgeleiteten Versuch darstellen, dem etwas entgegenzusetzen. Daran lässt sich anknüpfen, wenn es um rationales Krisenmanagement geht. Wenn allerdings auf Anti-Corona-Demos keine Schutzmaßnahmen eingehalten werden, so ist das moralisch und demokratisch nicht tolerierbar, da andere dadurch gefährdet werden. Hier muss man die Geschäftsgrundlage für demokratische Äußerungsformen erst einmal klären, bevor ein Dialog beginnen kann. Dieser stellt auch inhaltlich eine Herausforderung dar. So reicht es gegenüber Verschwörungstheoretikern sicherlich nicht aus, den Unterschied zwischen Fakes und Fakten schlicht zu reklamieren, der in Kultur und Wissenschaft oft genug selbst nicht klar gezogen wird. Auch die derzeit populären Faktenchecks in den Medien bleiben wirkungslos, wenn wir nicht sagen können, was „Fakten“ eigentlich sind.

Wir müssen viel grundlegender darüber nachdenken, wie unser „aufgeklärtes Weltbild“ so weiterentwickelt werden kann, dass es gegen bestimmte Formen des Relativismus und des ständigen Infragestellens geschützt wird. „Objektive universelle Werte“ im Sinne des kategorischen Imperativs von Kant sind ein erster Schritt, den etwa Markus Gabriel zur Überwindung des Beliebigkeitsproblems vorschlägt. Ethikunterricht für alle reicht zur Lösung jedoch nicht aus. Er hilft gegen Werterelativismus, nicht aber gegen Desorientierung durch realitätsferne Konstruktionen der Wirklichkeit. Wir benötigen zusätzlich auch eine epistemologische Neuorientierung. Diese beginnt mit der Restituierung einer „objektiven Realität“, die als regulative Idee für kritische Rationalität im postmodernen Denken unter die Räder gekommen ist. Die Idee der Wahrheit setzt eine vom Bewusstsein unabhängige Wirklichkeit voraus, die man als „Widerstand“ gegen all die fantastischen Konstrukte erfährt, die unsere Vorstellungskraft erzeugt. Daher sind die Bereitschaft zur empirischen Prüfung und realistische Falsifikationskriterien die wohl wichtigsten Bedingungen dafür, die Falle der angeblichen Gleichwertigkeit geistiger Erfindungen umgehen zu können und der Versuchung irrationaler Weltbilder zu widerstehen.

Gespräch geführt von

Prof. Joachim von Gottberg, geboren 1952, studierte ev. Theologie und Germanistik. Er begann seine berufliche Tätigkeit als Leiter der Landesstelle Jugendschutz in Niedersachsen, anschließend wechselte er als ständiger Vertreter der Obersten Landesjugendbehörden zur FSK nach Wiesbaden. 1994 gründete er die Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen (FSF), deren Geschäftsführer er bis 2018 war. Er unterrichtete seit 1998 Medienwissenschaft an der Filmuniversität Babelsberg und wurde dort 2007 zum Honorarprofessor ernannt. Von 2015–2020 arbeitete er als Vertretungsprofessor an der Universität Halle. In seinen Veröffentlichungen beschäftigte er sich vor allem mit Medienrecht, Medienwirkungsforschung sowie Medienpädagogik.

[Bild: Sandra Hermannsen]
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Gespräch mit

Dr. Jürgen Grimm ist Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien.

(Foto: Manfred Bobrowski)