Artikel

Fake News und der Hass im Netz

Aycha Riffi, Lars Gräßer

Grimme-Institut, 10/2020

Phänomene wie Hate Speech (Hasskommentare) und Desinformationen durch Fake News betreffen nicht nur Jugendliche, sondern uns alle, die wir das Internet immer selbstverständlicher nutzen. Dennoch ist es sinnvoll, gerade junge Menschen, die viel Zeit mit Social-Media-Aktivitäten verbringen und einen großen Teil ihrer Kommunikation ins Netz verlagern, für diese Probleme zu sensibilisieren, um ihnen mögliche Strategien an die Hand zu geben.

Hate Speech und Fake News gehören zum digitalen Alltag

12- bis 19-Jährige wurden im Rahmen der JIM-Studie 2019 befragt, ob ihnen im letzten Monat im Internet prekäre Inhalte wie Hate Speech, extreme politische Ansichten oder Fake News begegnet sind. Sie sollten dabei eine subjektive Abgrenzung vornehmen. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Hate Speech am weitesten verbreitet ist: Zwei Drittel der Befragten waren im vorangegangenen Monat mit Hass im Netz und gut jede*r Zweite (53 %) mit Fake News konfrontiert (vgl. JIM 2019: 51). Die alltägliche (und vermutlich selbstverständliche) Begegnung mit Hate Speech und Fake News gehört damit zur – traurigen – Realität der Mediennutzung Jugendlicher.

Obwohl beide Phänomene dabei einige Gemeinsamkeiten aufweisen, bezeichnen sie dennoch Unterschiedliches: „Hate Speech ist der sprachlich ausgedrückte Hass gegenüber einer Personengruppe oder einer Einzelperson wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer Personengruppe“, so definiert es der Aktivist Raul Krauthausen (Krauthausen 2016: o. S.). Bei Fake News handelt es sich um gezielte Desinformationen, die über das Internet und insbesondere die sozialen Netzwerke verbreitet werden, um – in der Mehrheit der Fälle – politische Meinungsbildungsprozesse zu beeinflussen.

Gemeinsam ist den beiden Phänomenen, neben dem Auftreten in jugendlichen, medial geprägten Lebenswelten, die sprunghaft gestiegene Verbreitung seit 2015, auch einhergehend mit der vehementen Ablehnung der Aufnahme geflüchteter Menschen durch Teile der Gesellschaft. Vielfach nehmen Hate Speech und Fake News in abwertender Weise auf Minderheiten Bezug, wobei Fake News oftmals Hassbotschaften argumentativ „unterfüttern“ – etwa dann, wenn erfundene Vorzugsbehandlungen von geflüchteten Menschen (bspw. in Form staatlicher „Geschenke“, wie einem vermeintlich kostenfrei finanzierten Führerschein) Ressentiments schüren sollen.

Was sind Fake News?

Falsche oder fehlerhafte Nachrichten, die aus Recherchefehlern resultieren, zählen nicht zu den Fake News, denn sie werden in den meisten Fällen, wenn sie den Autor*innen auffallen oder diese darauf hingewiesen werden, korrigiert. Ebenso gehören satirische Nachrichten nicht dazu (wie sie auf der Website Der Postillon zu finden sind, im Magazin Titanic oder bei der Fernsehsendung heute-show). Wenn der (bald ehemalige) US-Präsident Donald Trump von Fake News spricht, geht es ihm im Grunde um etwas anderes – eine allgemeine Herabwürdigung und Geringschätzung der Medien. „Lügenpresse“ wäre die treffende Übersetzung ins Deutsche – ein Vorwurf, der u. a. bei Demonstrationen gegen die Corona-Regelungen immer wieder auftaucht.

Wenn hier von Fake News die Rede ist, meint das die gezielte Desinformation. Vielfach werden Informationen dabei so zugespitzt und in falsche Zusammenhänge gesetzt, dass grob verzerrte oder falsche Eindrücke entstehen (können). Dies kann auch durch die Kombination mit entsprechenden Bildern geschehen, die etwa aus dem Kontext gerissen werden oder durch ein Bildbearbeitungsprogramm verändert wurden.

Diese gezielt kreierten Fake News wollen beispielsweise Minderheiten in ein falsches Licht rücken oder herabsetzen. Auch werden durch Fake News häufig die Integrität der staatlichen Ordnung oder politische Entscheidungen bekämpft, insbesondere wenn rechtsgerichtete oder -extreme Milieus Fake News lancieren (Schwarz 2017: 17). Gerade die extreme Rechte hat sich in diesem Feld professionalisiert – anders als linksgerichtete Milieus. Hass im Netz ist dabei vielfach organisiert und Fake News werden meistenteils gezielt gestreut: oft aus politischen Interessen, aber auch aus finanziellen Gründen (ebd.), teils auch zur Verbreitung von Schadsoftware und in einigen wenigen Fällen auch „einfach“ aus Spaß oder Langeweile.

Charakteristika und mögliche Konsequenzen

Starke Kontraste und eine emotionalisierende Sprache unterstützen dabei die desinformierende Wirkung: Fake News wollen überwältigen und nicht etwa argumentieren oder zur Diskussion anregen. Eine auf Gefühle abzielende Sprache provoziert schnelle (Re-)Aktionen, weshalb sich Fake News über das Internet und insbesondere die sozialen Netzwerke schnell verbreiten. Denn die – hier im Hintergrund tätigen – Algorithmen „belohnen“ Interaktion mit Sichtbarkeit und Reichweite.

Befürchtet wird, dass Fake News und Hate Speech rationale politische Diskurse – vor allem im Netz – untergraben und andere (demokratische) Stimmen mundtot machen, wodurch die politische Meinungsbildung allgemein erschwert wird. Eine weitere Konsequenz könnte das Vorantreiben gesellschaftlicher Spaltung sein, also eine insgesamt desintegrative Wirkung. Befürchtet wird weiterhin, dass (antidemokratische) Wahlentscheidungen mithilfe von Fake News und Hate Speech provoziert werden.

Weil Fake News und Hate Speech die sozialen Netzwerke (Facebook, Twitter etc.) in Misskredit gebracht und für viel politischen Druck gesorgt haben, haben diese mittlerweile begonnen, gegen Fake News und Hate Speech vorzugehen, allerdings mit unterschiedlichen Erfolgen. Auch in der Medienbildung sind sie als Themenfeld „angekommen“ und Gegenstand zahlreicher Medienprojekte.

Aufgaben für die Medienpädagogik

Grundsätzlich gilt: Weil Fake News und Hate Speech vielfach auf die Verwendung im Netz und insbesondere auf die sozialen Netzwerke „optimiert“ sind, darf eine kritische Auseinandersetzung trotzdem nicht in einer fundamentalen Kritik gegen alle sozialen Netzwerke gipfeln. Zwar wird das Gerede von „asozialen Netzwerken“ immer seltener, kommt aber immer noch vor und hat im medienpädagogischen Kontext eine kontraproduktive Wirkung. Dann fühlen sich Jugendliche nicht ernst genommen und in ihren medial geprägten Lebenswelten ignoriert, was ihrerseits zu Ignoranz gegenüber medienkritischen Bildungsbemühungen führen kann. Anders formuliert: Eine Voraussetzung für die Auseinandersetzung mit Fake News und Hate Speech ist das Anerkennen jugendlichen Medienhandels heute, welches sich vermehrt in sozialen Netzwerken abspielt. Es gilt vor allem, Fragen zu stellen und nicht sofort Antworten parat zu haben, um so gemeinsame Lernräume zu öffnen, wenn es um den Umgang mit Fake News und Hate Speech geht.

Ansatzpunkte für die medienpädagogische Arbeit können beispielsweise Fragen zur emotionalisierenden Sprache von Fake News sein. Neben der „Stilkritik“ ist auch eine „Bildkritik“ zur manipulativen Verwendung von Bildern, die inhaltliche Aussagen mit einem neuen Sinn versehen und/oder diesen verschärfen, wichtig. Fake News fehlen oftmals die Quellen und/oder es wird eine Quelle angegeben, der Parteilichkeit oder Unsachlichkeit nachzuweisen ist. Hier setzt die „Quellenkritik“ an und fragt: Wer ist der*die Urheber*in? Welche Belege liefert er*sie und warum? So sollte in den Diskussionen auch auf die politische Dimension eingegangen werden, aber auch Antworten auf ganz praktische Fragen sind wichtig, etwa Tipps, wo Fake News gemeldet werden können.

Medienpädagog*innen berichten häufig aus der Praxis, dass junge Menschen den Begriff Fake News umfassender und oftmals auch recht undifferenziert verwenden. So werden satirische Nachrichten ebenso wie erfundene Geschichten und Gerüchte über Prominente (Sportler*innen, Musiker*innen, Schauspieler*innen, Influencer*innen usw.) einbezogen. Bei Jugendlichen zeigen sich Fake News dabei insgesamt weniger politisch aufgeladen als bei Erwachsenen – dies sollte bei der Gestaltung von Medienbildungsmaßnahmen und politischen Jugendbildungsangeboten berücksichtigt werden.

Fazit

Am Ende kommt es darauf an, zu erkennen, dass weder der Hass im Netz noch die gezielte Desinformation durch Fake News nur Jugendliche betrifft. Das Netz ist keine eigenständige, sondern eine von uns allen geteilte und beeinflusste Realität und die Aufgabe, Hate Speech und Fake News zu erkennen und gezielt dagegen vorzugehen, eine (Lern-)Aufgabe für alle.

1. JIM-Studie 2019, herausgegeben vom Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest 03/2020, https://www.mpfs.de/studien/jim-studie/2019/ (abgerufen am 27.10.2020).

2. Krauthausen, Raul (2016): „Hass ist keine Meinung!“, in: raul.de, veröffentlicht am 24.08.2016, https://raul.de/leben-mit-behinderung/hass-ist-keine-meinung/ (abgerufen am 27.10.2020).

3. Schwarz, Karolin: Fact-Checking und Desinformation in Deutschland – Eine Wasserstandsmeldung, in: Bewegtbildung denken – Beiträge zu Webvideo und politischer Bildung im Social Web, Einzelpublikation, bpb, veröffentlicht am 15.05.2019, https://www.bpb.de/shop/buecher/einzelpublikationen/291111/bewegtbildung-denken-beitraege-zu-webvideo-und-politischer-bildung-im-social-web (abgerufen am 27.10.2020).

Autorin

Aycha Riffi studierte an der Ruhr-Universität Bochum Film- und Fernsehwissenschaft, Theaterwissenschaft, Germanistik und Pädagogik. Während des Studiums gründete sie das Internationale Bochumer Videofestival.
Nach dem Studium und einer Hospitanz beim ZDF/Das kleine Fernsehspiel sammelte sie redaktionelle und journalistische Erfahrungen beim WDR, SDR und DSF. 2002 kam sie als freie Mitarbeiterin zum Grimme-Institut. Vom Grimme Online Award wechselte sie 2005 zur Grimme-Akademie, die sie seit 2010 leitet. Seit fünf Jahren ist sie vermehrt als Referentin (Workshops und Vorträge) zu den Themen „Wie umgehen mit Hate Speech und Fake News“ unterwegs.
Sie ist für Filmfestivals als Moderatorin für den Bereich Kinder- und Jugendkino tätig und Mitglied im Kuratorium für doxs!, die Kinder- und Jugendsektion der Duisburger Filmwoche. Zu ihren Veröffentlichungen gehören medienpädagogische Begleitmaterialien zu fiktionalen und dokumentarischen Filmen.

(Bild: privat)
Interview
Video-Interview mit Aycha Riffi
Autor

Lars Gräßer studierte an der Universität Essen Kommunikationswissenschaft, Politologie und Philosophie. Während des Studiums war er im Eventbereich tätig, sammelte journalistische Erfahrungen und war in der Unternehmenskommunikation beschäftigt.
2002 kam er zum Europäischen Zentrum für Medienkompetenz (ecmc), welches 2010 mit dem Grimme-Institut fusionierte. Hier war er zunächst im Bereich Medienbildung/Medienkompetenz aktiv, 2014 sind der Grimme Online Award sowie die Grimme-Akademie als Betätigungsfelder hinzugekommen. Schwerpunktmäßig kümmert er sich seit April 2015 als Pressesprecher um die Presse-/Öffentlichkeitsarbeit. Seit 2016 beteiligt er sich am Grimme-Forschungskolleg und forscht zum Thema Bewegtbild im Netz.
Lars Gräßer bloggt von Zeit zu Zeit im quergewebt-Blog des Grimme Online Award, schreibt Fachartikel und ist als Herausgeber von Sammelbänden publizistisch aktiv. Darüber hinaus ist Lars Gräßer Mitglied im Projektbeirat von weitklick.

(Bild: privat)