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Datenkontrolle und digitale Überwachung – Filmtipps zum Thema

Lea Gangloff

Medienradar, 09/2021

Am Himmel kreisende Drohnen, totalitäre Überwachungssysteme, Bürger:innen, die permanent lokalisiert werden, Algorithmen, die die Ausübung eines Verbrechens vorhersagen können: In dystopischen Thrillern zum Thema Big Data werden wir vom Staat oder von internationalen Konzernen durch digitale Überwachung komplett unserer menschlichen Autonomie und Freiheitsrechte beraubt, ohne Chance, dem zu entkommen – es sei denn wir haben Tom Cruise an unserer Seite. Dokumentarfilme schauen etwas genauer hin und holen die teils futuristischen Visionen der fiktionalen Filme wieder etwas auf den Boden der Tatsachen zurück. Allerdings zeigen sie dabei auch auf, dass der Abstand zwischen fiktionalen Zukunftsphantasien und unserer technischen Realität gar nicht mehr so groß ist, wie wir häufig glauben.

Medienradar stellt in dieser Playlist Spiel- und Dokumentarfilme vor, die sich auf beeindruckende Weise mit den Themen Big Data, Datenspeicherung und digitale Überwachung auseinandersetzen.

The Social Dilemma

The Social Dilemma
dt. Titel: Das Dilemma mit den sozialen Medien

Dokumentarfilm | 94 Minuten | USA 2002 | Regie: Jeff Orlowski | Empfohlen ab 6

Verfügbarkeit: Der Film ist als Video-On-Demand auf Netflix erhältlich.

Wenn du nicht für das Produkt bezahlst, dann bist du das Produkt.

Soziale Medien sind fester Bestandteil unseres Alltags. Die meisten Leute nutzen sie, um mit Freund:innen zu kommunizieren, um von den Lebensumständen von entfernten Bekannten zu erfahren, oder um sich unterhalten zu lassen. Wir können Nachrichten verfassen, Bilder hochladen und uns informieren - und das alles, ohne etwas dafür zu bezahlen. Davon sind noch immer viele Nutzer:innen überzeugt. Der Dokumentarfilm „The Social Dilemma“ nimmt uns diese Illusion!

Frühere Mitarbeiter:innen von Twitter, Facebook und Google berichten, mit welchen Methoden die Unternehmen Daten sammeln und wozu sie schließlich genutzt werden: Ein virtuelles Profil mit all unseren Interessen, Vorlieben, Ängsten und Gewohnheiten. Es ermöglicht, gezielte Werbung zu platzieren, durch Algorithmen immer weitere „interessante“ Inhalte zu präsentieren und uns auf diese Weise immer länger vor dem Bildschirm zu halten, damit wir immer mehr Werbung sehen. Was wir auf unseren Newsfeed bekommen, ist keinesfalls eine zufällige Anordnung der neuesten Meldungen. Als Beispiel wird u.a. die Präsidentschaftswahl in den USA (2020) aufgeführt, bei der es durch Algorithmen in den sozialen Medien gelang, die Bevölkerung in höchstem Maße zu polarisieren. So bekamen Anhänger:innen der Demokraten verstärkt Inhalte zu sehen, die sich gegen die Republikaner richteten und umgekehrt.

Auch wenn das Wort "Dilemma" im Titel eine ausgewogene Auseinandersetzung mit dem Thema verspricht, so stehen doch in erster Linie die Risiken der Sozialen Medien im Fokus. Auch in den eingebauten fiktionalen Spielhandlungen - die teils etwas banal wirken - wird nichts relativiert, es wird durchweg gewarnt. Die Stärke des Films liegt dagegen in der Auswahl der Interviewpartner:innen, deren Insiderinformationen durchweg beeindrucken und zahlreiche Ansätze für weitergehende Diskussionen bieten. Der Film möchte ein Bewusstsein für die problematischen Aspekte der Sozialen Medien schaffen und das gelingt ihm auf beeindruckende Art und Weise.

Democracy – Im Rausch der Daten

Democracy – Im Rausch der Daten

Dokumentarfilm | 100 Minuten | Deutschland 2015 | Regie: David Bernet | FSK ab 0

Verfügbarkeit: Der Film ist in der Mediathek der Bundeszentrale für politische Bildung abrufbar.

„Wenn Daten das neue Öl sind, dann ist Datenschutz der neue Umweltschutz“

Seit Mai 2018 gilt europaweit die Datenschutz-Grundverordnung, nachdem sie bereits zwei Jahre früher mehrheitlich beschlossen wurde. „Democracy – im Rausch der Daten“ zeigt den politischen Entstehungsweg der Verordnung auf EU-Ebene. Zwei Jahre lang begleitete Regisseur David Bernet den Europaabgeordneten Jan Philipp Albrecht bei Ratssitzungen und Verhandlungen. Im Kontext der DSG-VO war Albrecht Berichterstatter des Europäischen Parlaments und damit eine wichtige Figur in den Verhandlungen. Bernet hält fest, wie die Ideen für die Grundverordnung aufkamen, wie sie gestaltet und konkretisiert wurden und wie Befürworter:innen schließlich mit Zweifeln im Parlament, mit der Lobby und mit Umsetzungsmöglichkeiten umgingen. Neben diversen Politiker:innen kommt schließlich auch Edward Snowden zu Wort, dessen Enthüllungen über weltweite Überwachungsdienste den Wert von Daten verdeutlichte. Die Dokumentation zeigt einen seltenen Blick hinter die Kulissen der EU-Politik und verdeutlicht die Dringlichkeit der damaligen gesetzlichen Neuerung, um im digitalen Raum für Sicherheit und Privatsphäre zu sorgen.

Minority Report

Minority Report

Spielfilm | 145 Minuten | USA 2002 | Regie: Steven Spielberg | Mit: Tom Cruise | FSK ab 12

Verfügbarkeit: Der Film ist auf DVD/Blu-ray sowie als Video-On-Demand auf Streamingportalen erhältlich (Streaming-Verfügbarkeiten können hier geprüft werden).

Wie wäre es, wenn die Welt frei von Morden wäre – auf Kosten unserer Freiheit?

Im Jahr 2054 ist ein neues System zur Verbrechensbekämpfung in der Lage, Morde zu verhindern, bevor sie stattgefunden haben. Das ist das spannende Grundthema des US-amerikanischen Spielfilms „Minority Report“ des Regisseurs Steven Spielberg aus dem Jahre 2002.

Ein amerikanisches Unternehmen erkennt bei Jugendlichen Gehirnveränderungen, die zu Visionen führen. Die Jugendlichen, sogenannte Precogs, sehen Morde in der Zukunft passieren. Das Unternehmen („Precrime“) nutzt das totalitäre Überwachungssystem der Stadt Washington, womit alle Bürger*innen permanent lokalisiert und beobachtet werden. Wenn die Precogs einen Mord vorhersehen, rückt die Polizei aus und hält die potentiellen Mörder*innen davon ab, die Straftat zu begehen. Seit sechs Jahren gab es keinen einzigen Mord mehr in Washington und das System soll landesweit ausgebaut werden. Das System scheint perfekt zu funktionieren, bis der leitende Polizist angeblich selbst morden soll – er flieht und entdeckt das dunkle Geheimnis von „Precrime“.

So abstrus und futuristisch der Film an vielen Stellen wirkt, so nachwirkend ist doch die Botschaft: Wer sich solch einem Überwachungssystem unterwirft, kann sich keinen Meter mehr unbeobachtet bewegen, da Augen überall erkannt werden. Und wenn das System Lücken aufweist, kann es jeden als Opfer treffen, denn niemand, auch nicht die Verantwortlichen, können komplette Sicherheit gewähren.

Coded Bias

Coded Bias
dt. Titel: Coded Bias – Vorprogrammierte Diskriminierung

Dokumentarfilm | 86 Minuten | USA 2020 | Regie: Shalini Kantayya

Verfügbarkeit: Der Film ist als Video-On-Demand auf Netflix erhältlich.

Das Problem ist, dass Jeder unbewusste Vorurteile hat. Und Leute integrieren diese Vorurteile in die Technologie.

Überwachungskameras an öffentlichen Orten zeichnen oftmals nicht nur das Geschehen auf, sondern arbeiten durchgehend mit Gesichtserkennung. Eine biometrische Datenerfassung des Gesichts kann zur Folge haben, dass Menschen überall unwissentlich identifiziert werden könnten. Doch was passiert, wenn die Technik falsch liegt und das eigene Gesicht mit dem einer kriminellen Person verwechselt wird? „Coded Bias“ beleuchtet genau diese Problematik. Forschungen zufolge werden die Gesichter von Weißen Männern deutlich häufiger erkannt als die von Schwarzen Frauen. Wir Menschen programmieren die Maschinen unseren Werten und Einstellungen entsprechend, wodurch sich unsere Kultur auch in der Technologie abzeichnet – im schlimmsten Fall erlernt Künstliche Intelligenz also auch Rassismus und genderspezifische Diskriminierung.
Joy Buolamwini forscht am Massachusetts Institute of Technology und hat eine erschütternde Erkenntnis gemacht: Ihre eigene Erfindung erkennt ihr Gesicht nicht. Erst, wenn sie ihr Gesicht mit einer weißen Maske verdeckt, wird ein Gesicht ‘wahrgenommen’. Seit dieser Entdeckung beschäftigt sie sich mit Vorurteilen in der Technologie und tritt öffentlich auf, um den Umstand bekannt zu machen.

Die Dokumentation beleuchtet nicht nur die umstrittene Gesichtserkennung, sondern zeigt auch den damit verbundenen Diskurs über Kultur und Rassismus auf.

Überwacht: Sieben Milliarden Menschen im Visier

Überwacht: Sieben Milliarden Menschen im Visier

Dokumentarfilm | 90 Minuten | Frankreich 2019 | Regie: Sylvain Louvet

Verfügbarkeit: Der Film ist auf YouTube abrufbar.

Seit dem Attentat in Nizza am 14. Juli 2016, dem Nationalfeiertag Frankreichs, ist die Massenüberwachung ein vieldiskutiertes Thema. Die französische Polizei möchte verstärkt mit Gesichtserkennung arbeiten, um verdächtige Personen und auffälliges Verhalten schnell zu identifizieren. Über 500 Millionen Daten werden einem einzigen Gesicht zugeordnet und können es so in 99% der Testfälle wiedererkennen. Auch Chinas Regierung ist durch Massenüberwachung mit 600 Millionen Kameras und das „Sozialkredit-System“ fast schon die totale Kontrolle über die Bevölkerung gelungen. Damit diese Technologien weiterhin erforscht werden und eingeführt werden können, ist eine menschliche Emotion unumgänglich: Die Angst. Nur wenn die Bevölkerung Angst vor Übergriffen und Terrorismus hat, akzeptiert sie die eingeschränkte Freiheit - so die Botschaft des Dokumentarfilms von Regisseurin Sylvain Louvet.

Während die Politik und Sicherheitsbehörden den Schutz unserer Sicherheit im öffentlichen Raum gewähren wollen, sehen viele Organisationen die permanente und unfreiwillige Beobachtung sehr kritisch und weisen beispielsweise auf die hohe Fehlerquote hin, die vor allem Menschen mit Schwarzer Hautfarbe betrifft. Dies könnte in Ländern, in denen die Polizei Schwarzen gegenüber deutlich übergriffiger agiert das Problemfeld weiter verstärken. Seit Einführung des Patriot Acts in den USA (nach den Anschlägen im September 2001) darf das FBI ohne Begründung oder juristischen Vorlauf Menschen beobachten, abhören und festnehmen. Nicht auszumalen, welche Konsequenzen Falschidentifizierungen durch Gesichterkennungssoftwares hätten.

Die ARTE-Dokumentation zeigt eine ausgewogene Diskussion um die Notwendigkeit von Überwachungstechnologien. Sie stellt dar, warum Überwachung eingeführt wurde und wo sie bereits verwendet wird und setzt die Anwendungen in einen kritischen Diskurs, der uns alle betrifft. Denn: Chinas totalitäres System ist nicht so weit von Europa entfernt, wie viele glauben.

Nothing to Hide

Nothing to Hide

Dokumentarfilm | 86 Minuten | Frankreich/Deutschland 2017 | Regie: Marc Meillassoux

Verfügbarkeit: Der Film ist über Creative Commons-Lizenz auf YouTube abrufbar.

Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten. Mit diesem Argument vertritt man die Ansicht, dass durch staatliche Überwachung illegale Aktivitäten aufgedeckt oder sogar verhindert werden können und der Einzelne, der sich regelkonform verhält, dabei nicht beeinträchtigt oder eingeschränkt wird. Kritisch daran ist: Niemand weiß, ob diese Daten in Zukunft gegen einen verwendet werden könnten.

Ehemalige NSA-Angestellte, Stasi-Verfolgte, Datenanlytiker*innen u.v.m. sprechen darüber, wie ernstzunehmend und omnipräsent Datenüberwachung ist. Entgegen der Vorstellung, man müsse eine Straftat begangen haben, um vom Verfassungsschutz beobachtet zu werden, kann es uns alle betreffen und zwar ohne dass wir es wissen. Eine beispielhafte Auswertung von Metadaten verdeutlicht, wie schnell Wissen über jemanden generiert werden kann, ohne explizit auf einzelne Inhalte einzugehen. Die Konsequenzen dieser permanenten Beobachtung: Rückschlüsse über die eigene Person, auf die wir keinen Einfluss nehmen können. Haben wir beispielsweise Facebook nicht in unserem Browser geöffnet, aber trotzdem noch angemeldet, so ist es dem Unternehmen möglich unsere gesamten Browserdaten auszulesen. Facebooks Tool zur Einschätzung unserer Kreditwürdigkeit ist dann nur der nächste konsequente Schritt.

Die Dokumentation sensibilisiert dafür, warum der eingangs genannte Satz von allen, die sich um den Umgang mit privaten Daten sorgen, sehr kritisch hinterfragt werden sollte.

Le jeu

Le jeu
dt. Titel: Le jeu - Nichts zu verbergen

Spielfilm | 90 Minuten | Frankreich 2018 | Regie: Fred Cavayé | FSK ab 12

Verfügbarkeit: Der Film ist als Video-On-Demand auf Netflix abrufbar.

Wo man ist, geht keinen etwas an. Genau das tötet unsere Privatsphäre.

Der Film ist ein Remake des italienischen Films „Perfetti Sconosciuti“ (2016, Regie: Paolo Genovese) und wurde 2019 von Bora Dagtekin als deutsche Version verfilmt („Das perfekte Geheimnis“).

Eine Gruppe von befreundeten Paaren trifft sich zum Abendessen und alle legen ihre Smartphones offen in die Tischmitte. Jede Nachricht, jeder Anruf wird mit allen Anwesenden geteilt. Im Laufe des Abends kommen ungemütliche Wahrheiten ans Licht, und Beziehungen und Freundschaften werden hinterfragt. Auch im echten Leben wollen wir nicht alles mit allen teilen, da manches einfach niemanden etwas angeht. Dabei werden inzwischen permanent unsere Daten ausgelesen und ausgewertet, ohne, dass wir es mitbekommen.

Auf unterhaltsame und unaufdringliche Weise suggeriert der Spielfilm, dass Privatsphäre ein kostbares Gut ist und wir sie nicht zu leichtfertig abtun sollten. Den Transfer auf unsere Realität müssen die Zuschauenden aber selbst schaffen, denn konkrete Bezüge zur Datenschutz-Problematik gibt der Film keine.

Zugriff! – Wenn das Netz zum Gegner wird

Zugriff! Wenn das Netz zum Gegner wird

Reportage | 28 Minuten | Deutschland 2014 | Regie: Diana Löbl und Peter Onneken

Verfügbarkeit: Der Film ist auf YouTube abrufbar.

„Jede persönliche Indiskretion, jede Peinlichkeit, jeder berufliche Fehltritt ist den Amerikanern vermutlich bekannt und in den NSA-Computern gespeichert“

Ein Selbstversuch zeigt, wie tief man durch Hacken in ein fremdes Leben eindringen kann. Der Journalist Peter Onneken lässt sich von seiner Kollegin ausspionieren. Dafür holt sie sich Hilfe von Expert*innen und erhält innerhalb kürzester Zeit Zugriff zu wichtigsten Dateien und intimsten Nachrichten und Bildern. Es beginnt mit einem scheinbar harmlosen E-Mailanhang, der einen Virus enthält – Passwörter werden geknackt, Personalausweis und Geburtsurkunde sind sichergestellt, Flüge werden umgebucht, Reservierungen storniert, Bankkonten gesperrt, das Handy zurückgesetzt.

Es kann so einfach sein und so schnell gehen. Durch einen Identitätsdiebstahl könnten Fremde unser digitales Verhalten steuern. Öffentlich über die Konten in sozialen Medien Aussagen posten, die wir niemals äußern würden, und unseren Ruf zerstören. Kontakt zu unseren vertrautesten Menschen aufnehmen, ohne, dass sie oder wir es merken. Natürlich braucht es dazu spezialisierte Leute und viel Fachwissen, aber es ist theoretisch möglich. Alle Daten, die in Clouds gespeichert sind, stehen theoretisch zum Ausspähen frei, was besonders im Gesundheitswesen kritisch ist: Wenn Krankenhäuser ihre Krankenakten über die Microsoft-Cloud speichern, stehen sie nach amerikanischem Recht dort zur Beobachtung frei.

Die Reportage bildet den Extremfall ab, um zu verdeutlichen, was alles möglich ist, beziehungsweise: was schon 2014 alles möglich war. Leider werden dabei in erster Linie Schreckensszenarien aufgebaut und keine Aussichten gegeben, wie und ob man sich wehren kann. Empfehlenswert trotzdem, wenn man allzu Unbesorgten demonstrieren will, was prinzipiell machbar ist.

Autorin

Lea Gangloff studierte in Tübingen Germanistik und Anglistik und ist nun im Masterstudium für Literatur und Medien. Durch ein Praktikum kam sie 2020 zur Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen, wo sie bis August 2021 als Werkstudentin arbeitete.

[Bild: privat]
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