Junger Blick auf die Geschichte
Was die Generation Z wirklich bewegt
Medienradar
Die Memo Jugendstudie 2023 gewährt einen Einblick in das Geschichtsinteresse junger Erwachsener in Deutschland. Die Studie befasst sich mit verschiedenen Aspekten der gesellschaftlichen Erinnerung und soll Orientierung für die zukünftige historisch-politische Bildungsarbeit in Deutschland bieten. Entgegen mancher Vorurteile zeigt sich, dass die Generation Z keineswegs geschichtsvergessen ist – im Gegenteil: Sie setzt sich intensiv mit der Vergangenheit auseinander und zieht klare Parallelen zur Gegenwart.
Bei der vorliegenden Studie handelt es sich um eine zusätzliche, vertiefende Befragung, die sich ausschließlich auf junge Erwachsene im Alter zwischen 16 und 25 Jahren fokussiert.
Geschichte als Spiegel der Gegenwart: Diskriminierung als zentrale Sorge
Die Studie zeigt auf, dass jeder zweite junge Erwachsene ein sehr großes Interesse an der deutschen Geschichte hat. Dabei nimmt der Zweite Weltkrieg eine zentrale Rolle ein. Dies spiegelt sich auch in der Wahrnehmung der großen Bedrohungen unserer Zeit wider: Viele der Befragten sehen Diskriminierung und Ausgrenzung von Menschen in der Gegenwart als größte Gefahr. Im Allgemeinen sind 47,1 % der Befragten grundsätzlich an Geschichte interessiert, wobei dieses Interesse stark mit Alter, Bildungshintergrund und dem Bildungshintergrund der Eltern zusammenhängt.

[Bild: Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ)]
Auszug aus der MEMO-Jugendstudie 2023 zur Frage, wie sehr sich Jugendliche ganz allgemein für das Thema Geschichte interessieren.
Nationalsozialismus und der Wunsch nach Aufarbeitung
Die Zeit des Nationalsozialismus beschäftigt die jungen Menschen besonders stark: 82,6 % geben an, dass der Kontext rund um die NS-Zeit sie nachdrücklich geprägt hat. Weitere zentrale Themen sind der Erste Weltkrieg (35,6 %) sowie die deutsche Teilung und Wiedervereinigung (31 %).
Die Relevanz der Vergangenheit für die Gegenwart ist den jungen Erwachsenen bewusst: 84,8 % halten es für „eher wichtig" oder „sehr wichtig", dass die deutsche Gesellschaft sich intensiv mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinandersetzt. Die Befragten haben dabei die Wahrnehmung, dass die Geschichte des Kolonialismus eher wenig gesellschaftlich repräsentiert wird.

[Bild: Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ)]
Auszug aus der MEMO-Jugendstudie 2023 zur Frage, wie wichtig es ist, sich als Gesellschaft mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen.
Die Corona-Pandemie und die NS-Zeit sind die beiden Ereignisse, mit denen sich die Teilnehmer subjektiv am intensivsten auseinandergesetzt haben. Sowohl globale Krisen als auch tief verwurzelte historische Ereignisse beschäftigen demnach die Gedanken junger Menschen. Fast die Hälfte (49,3 %) ist der Meinung, dass in der Gesellschaft zu wenig über andere Zeiträume der deutschen Geschichte gesprochen wird.

[Bild: Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ)]
Auszug aus der MEMO-Jugendstudie 2023 zur Frage, wie stark bestimmte Ereignisse in der deutschen Geschichte ein Teil der Erinnerungskultur sind.
Intensive Auseinandersetzung mit der NS-Zeit und bevorzugte Zugänge
Die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit ist bei jungen Erwachsenen besonders ausgeprägt: Nur jeder Zehnte gibt an, sich bisher nicht intensiv mit diesem Thema befasst zu haben. Im Durchschnitt setzen sich die 16- bis 25-Jährigen intensiver mit dem Nationalsozialismus auseinander als die Allgemeinbevölkerung. Lediglich ein geringer Anteil der Befragten (8,7 %) hat kein Verständnis für die heutige Auseinandersetzung mit diesem Thema.

[Bild: Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ)]
Auszug aus der MEMO-Jugendstudie 2023 zur Frage, wie stark sich Jugendliche mit dem Nationalsozialismus beschäftigt haben – und wie sie zur Relevanz historischer Auseinandersetzung heute stehen. Die blaue Zeile zeigt Werte aus zwei Befragungen in der Gesamtbevölkerung in den Jahren 2021 und 2020.
Beim Zugang zum Thema Geschichte spielt das Internet eine entscheidende Rolle, denn Texte und Videos im Internet sind der häufigste Zugangspunkt. Auch Spiel- und Dokumentarfilme sowie Gespräche mit Freunden und Familie haben eine hohe Relevanz bei den Befragten.

[Bild: Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ)]
Auszug aus der MEMO-Jugendstudie 2023 zur Frage, welche Zugänge gewählt wurden, um sich mit dem Nationalsozialismus auseinanderzusetzen.
Besonders populär sind digitale Angebote wie YouTube (insbesondere der Account „MrWissen2go" mit 36,2 %) und Instagram (insbesondere der Account „ichbinsophiescholl" mit 30,8 %). Generell sind YouTube und Instagram die dominierenden Zugänge über die sozialen Medien.

[Bild: Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ)]
Auszug aus der MEMO-Jugendstudie 2023 zur Nutzung digitaler Angebote, die sich mit dem Thema Nationalsozialismus auseinandersetzen.
Interessanterweise geben die Teilnehmer jedoch filmische Darstellungen (42 %) als sinnvollste Form der Auseinandersetzung an, während soziale Medien mit einem sehr geringen Anteil von 2,2 % bewertet werden, obwohl sie häufig genutzt werden. Dies deutet darauf hin, dass junge Menschen zwar soziale Medien für den Erstkontakt mit historischen Themen nutzen, für eine vertiefende Auseinandersetzung jedoch klassischere Medien bevorzugen. Ein besonders großes Interesse besteht an der Rolle der „unbeteiligten" bzw. nicht verfolgten deutschen Bevölkerung während der NS-Zeit.

[Bild: Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ)]
Auszug aus der MEMO-Jugendstudie 2023 zur Frage der bevorzugten Möglichkeit, sich mit der Zeit des Nationalsozialismus zu beschäftigen.
Fazit und Empfehlungen
Die Studie zeigt, dass junge Erwachsene in Deutschland ein tiefes und reflektiertes Interesse an ihrer Geschichte haben, insbesondere an den dunklen Kapiteln wie der NS-Zeit. Sie sehen die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit als relevant für die Bewältigung aktueller gesellschaftlicher Herausforderungen wie Diskriminierung und Ausgrenzung. Um dieses Interesse zu fördern und zu vertiefen, schlagen die Befragten vor allem Unterricht (34,8 %) und den Besuch von Gedenkstätten und -veranstaltungen (22,2 %) vor. Die Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit, vielfältige und altersgerechte Zugänge zur Geschichte anzubieten, die sowohl digitale Medien als auch traditionelle Bildungsformate integrieren.
Über die MEMO Jugendstudie
| Die MEMO-Jugendstudie 2023 ist Teil des MEMO-Projekts des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefeld. Der Multidimensionale Erinnerungsmotor (MEMO) wird seit 2018 von dem IKG koordiniert. Seitdem wurden die Ergebnisse von fünf repräsentativen Telefonbefragungen publiziert. Die vorliegende Anschlussstudie wurde in zwei Wellen mit einem zeitlichen Abstand von zwölf Monaten durchgeführt. Im September und Oktober 2021 wurden 3485 Jugendliche und junge Erwachsene und im September 2022 838 Personen online befragt. Die vollständige Studie findet sich hier. |
Viviane Winkler studiert Medienwissenschaft (M.A.) an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf und ist seit 2024 als Werkstudentin bei der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) tätig.

[Bild: privat]
- Playlist
- Historisches Wissen vermitteln und kontextualisieren
- Playlist
- Persönliche Erfahrungen nachvollziehen und Empathie fördern
- Playlist
- Medienkritik üben und Erinnerungskultur heute verstehen
- Playlist
- Geschichte aktiv erschließen und Gegenwartsbezüge herstellen