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Die vielen „Gesichter“ von Hate Speech

Erscheinungsformen von Hate Speech im Netz

Lena Wandner

Medienradar, 09/2020

Hate Speech (dt. Hassrede) zeigt sich im Netz auf vielfältige Art und Weise. Es lassen sich verschiedene Erscheinungsformen charakterisieren. Diese reichen von offenkundigen Beleidigungen über Falschaussagen bis hin zu subtilen, vermeintlich sarkastisch gemeinten Aussagen. Nicht immer fällt es leicht, Hassnachrichten und ihre jeweiligen Motive zu durchschauen. Dennoch gibt es sowohl auf der sprachlichen als auch auf der inhaltlichen Ebene Merkmale und Muster, die sich dem Phänomen Hate Speech zuordnen lassen.

1. Indirekte Hate Speech

Hate Speech zeigt sich häufig auf indirekte Art und Weise. Nicht immer stehen offenkundige Beleidigungen im Vordergrund. Die Diskriminierung bestimmter Gesellschaftsgruppen erfolgt oftmals durch extreme Verallgemeinerungen und Gleichsetzungen (Migrant*innen und Flüchtlinge = Islamisten). Es wird argumentiert, dass Flüchtlinge nur in Deutschland leben, um staatliche Unterstützung und Immunität zu genießen. Der Hass in diesem Kommentar richtet sich insgesamt gegen Menschen mit Migrationshintergrund. Diese werden zum Sündenbock gemacht und als öffentliches Feindbild konstruiert. Es wird suggeriert, dass von ihnen eine Bedrohung bzw. eine Gefahr für die deutsche Gesellschaft ausgehe („Migranten verändern die Gesellschaft zu einem Klima aus Angst, Rache und Gewalt gegen jeden“). Es werden vermeintliche Ungerechtigkeiten aus dem Alltag aufgeführt, die ebenfalls stark pauschalisiert werden („Jeder Steuerzahler zahlt wegen jedem Parkverstoß“). Aussagen dieser Art werden getätigt, um den eigenen Hass, die eigene Abneigung zu rechtfertigen bzw. zu legitimieren.

2. Subtile Hate Speech

Immer wieder ist zu beobachten, dass sich Hate Speech als vermeintlicher Sarkasmus und/oder vermeintliche Ironie tarnt. Die Abwertung im Kommentar bezieht sich auf Flüchtlinge und zugleich auf die junge Aktivistin, die sich in ihren anderen Instagram-Beiträgen u.a. für die Aufnahme von Flüchtlingen stark macht. Zwar werden keine offenkundigen Beleidigungen verwendet, dennoch verdeutlichen Ausdrücke wie „illegale Lieblinge“ die Abneigung gegenüber geflüchteten Menschen. Suggeriert wird eine gesamtgesellschaftliche Bedrohung durch die Aufnahme von Flüchtlingen. Angespielt wird auf die vermeintlich drohende Gefahr der Überfremdung und Islamisierung („wirst du den Lappen schneller vom Kinn auf den Kopf drehen müssen, als dass Du das Wort »Gleichberechtigung« auch nur aussprechen kannst“).

3. Direkte, offenkundige Hate Speech

Offenkundige Beleidigungen und Gewaltandrohungen stellen eine direkte Form von Hate Speech dar. Durch die Verwendung verunglimpfender Schimpfwörter wird schnell ersichtlich, auf welche Personen/Gesellschaftsgruppen sich der Hass bezieht. So wird der YouTuber Marvyn Macnificent öffentlich als „Schwuchtel“ und „Scheiß Transe“ beleidigt, was auf homo- und transphobe Einstellungen und Denkweisen zurückzuführen ist. Doch es wird nicht nur auf menschenverachtende Beleidigungen zurückgegriffen. Häufig konfrontieren Hassredner*innen ihre Opfer mit Gewaltszenarien oder Gewaltandrohungen („sowas soll vergaßt [sic!] werden […] [und] nicht auf der Welt sein bitte erschieße dich“). Ziel ist es hierbei, die Betroffenen einzuschüchtern und schlussendlich mundtot zu machen.

4. Indirekte, subtile Hate Speech

Monitoring-Berichte der Amadeu Antonio Stiftung verdeutlichen bereits seit mehreren Jahren, dass Hate Speech gezielt von rechtspopulistischen und rechtsextremen Gruppierungen gesteuert wird. Auf Twitter ist zu beobachten, dass von politischen Rechten häufig Meldungen retweetet werden, die über Straftaten und kriminelle Vergehen von Flüchtlingen und Menschen mit Migrationshintergrund berichten. Die Meldungen werden nicht nur retweetet, sondern auch mit eigenen, vermeintlich sarkastischen Kommentaren versehen („Vorzeigeflüchtling“). Die Postings verwenden häufig eine emotionale Ansprache. So werden Details über die Opfer, wie beispielsweise der Name oder das Alter benannt. Es wird suggeriert, dass der jeweilige Post aus der eigenen Anteilnahme heraus geschrieben wurde. Im Kern geht es jedoch darum, Abneigung und Hass gegenüber Flüchtlingen zu schüren und öffentliche Hasstiraden gegen eben diese zu legitimieren. Die jeweiligen Meldungen weisen häufig einen lokalen Bezug auf (#Frankfurt), der ebenfalls das Gefühl von unmittelbarer Bedrohung und Gefahr suggerieren soll. Langfristig soll somit ein Klima der Verunsicherung und Angst geschaffen werden.

Zusammengestellt von

Lena Wandner studierte Kinder- und Jugendmedien an der Universität Erfurt. Ihre Arbeits- und Interessenschwerpunkte liegen in der Medienwirkungsforschung und dem Bereich des Jugendmedienschutzes. 2020 unterstützte sie die Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen e.V. (FSF) in redaktionellen Tätigkeiten als Autorin für den fsf blog sowie den Medienradar. Seit 2021 ist sie in der Jugendschutzabteilung der ProSiebenSat.1 Group tätig.

[Bild: Privat]
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