Der Holocaust in den Medien: Verantwortung übernehmen
Geschichte aktiv erschließen und Gegenwartsbezüge herstellen
Medienradar
Medien sind zentrale Träger von Erinnerungskultur – ihre ästhetischen Formen, Erzählweisen und Zugänge bieten vielfältige Möglichkeiten, sich mit dem Holocaust und den Verbrechen des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen, historisches Wissen zu vertiefen, Empathie zu entwickeln und Geschichte wie Gegenwart kritisch zu hinterfragen.
Die Medienbeispiele dieser Playlist fordern zur aktiven Auseinandersetzung mit dem Holocaust auf: Sie regen dazu an, Verantwortung für das Erinnern zu übernehmen, Konsequenzen für das eigene Denken und Handeln zu ziehen und heutige gesellschaftliche Herausforderungen im Licht der Vergangenheit zu betrachten. Dabei geht es auch darum, die Gefährdung demokratischer Werte zu erkennen und sich für Menschenrechte und eine lebendige Erinnerungskultur zu engagieren. Die Playlist thematisiert darüber hinaus kontroverse, performative oder digitale Formen des Erinnerns, die emotionale Rezeptionshaltungen herausfordern und neue Perspektiven auf das Gedenken eröffnen.
Die Auseinandersetzung mit dem Holocaust ist nicht nur eine Beschäftigung mit der Vergangenheit, sondern auch eine Auseinandersetzung mit der Gegenwart und Zukunft. Der Holocaust stellt einen Zivilisationsbruch dar, dessen Folgen bis heute nachwirken. Er zwingt uns dazu, über Schuld, Mitverantwortung und die Bedingungen nachzudenken, unter denen eine Gesellschaft in die Barbarei abrutschen kann. Medien spielen hierbei eine zentrale Rolle: Sie machen sichtbar, was nicht vergessen werden darf, und fordern uns auf, Verantwortung zu übernehmen – für die Erinnerung ebenso wie für das Hier und Jetzt. Dabei ist Erinnerung nicht nur ein Rückblick, sondern auch ein Auftrag: gegen das Wiedererstarken von Antisemitismus, Rassismus und autoritärem Denken einzutreten.
Die Medienbeispiele dieser Playlist zeigen verschiedene Formen aktiver Erinnerungskultur und machen deutlich, dass Gedenken auch immer gesellschaftliche Gestaltung bedeutet. Sie eröffnen Zugänge zu persönlichen Erfahrungen, regen zur Reflexion über eigene Haltungen an und eröffnen alternative Perspektiven. Viele der ausgewählten Beiträge stammen von Nachgeborenen oder richten sich bewusst an jüngere Zielgruppen. Sie illustrieren den Wandel von Erinnerung im digitalen Zeitalter: Plattformen wie TikTok, Podcasts oder interaktive Apps bringen Erinnerungskultur in Alltagsmedien und fordern dazu auf, sich emotional, kritisch und handlungsorientiert mit dem Holocaust auseinanderzusetzen.

[Bild: RomaTrial und Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas]
Filmstill aus dem animierten Kurzfilm ... Die bringen nur die Verbrecher weg (DE 2019)
Aus pädagogischer Sicht bietet diese Playlist zahlreiche Anregungen, um Geschichte nicht nur kognitiv zu erfassen, sondern auch emotional zu erleben und praktisch zu gestalten. Sie lädt Schülerinnen und Schüler dazu ein, Fragen nach individueller Verantwortung, kollektiver Erinnerung und demokratischer Kultur zu stellen – und daraus Konsequenzen für ihr heutiges Zusammenleben zu ziehen. Dies kann in der Bildungsarbeit bedeuten, eigene Projekte zu entwickeln, historische Orte zu erschließen, Erinnerung performativ umzusetzen oder in sozialen Medien sichtbar zu machen. So wird die Auseinandersetzung mit dem Holocaust zum Impuls für demokratische Teilhabe und gesellschaftliches Engagement.
Diese Playlist bildet somit eine fundierte Grundlage für weiterführende Zugänge – etwa zur Kontextualisierung filmisch vermittelten historischen Wissens, zur emotionalen Aneignung durch persönliche Perspektiven oder zur Reflexion über heutige Formen des Erinnerns.
Das interaktive Audioscript entstand 2008 anlässlich des 70. Jahrestages der Novemberpogrome. Es besteht aus 13 Audio-Tracks, die auf einem Stadtrundgang durch Dresden an Orte der NS-Verfolgung führen und dort mit historischen, philosophischen und künstlerischen Reflexionen die Geschichte des Holocaust lokal erfahrbar machen. Für den Unterricht eignet sich das Projekt besonders zur Förderung lokaler Erinnerungskultur, zur Sensibilisierung für gesellschaftliche Ausgrenzung und zur Verbindung von Geschichtslernen mit aktiver Stadtraumerkundung.
[Audio: audioscript.net]
Audiotrack 11: Deportation und Vernichtung - Ereignis ohne Zeugnis? Güterbahnhof Dresden-Neustadt
Die Audio-Beiträge wurden mit verschiedenen Stilmitteln umgesetzt: essayistische Reflexionen, historische Berichte, fiktionalisierte Dialoge und dokumentarischer Montage. Track Nr. 11 thematisiert die Rolle der Reichsbahn bei der Deportation und arbeitet mit Originalzitaten aus Claude Lanzmanns Interview mit Raul Hilberg. Weitere Beiträge behandeln unter anderem die Funktion des Dresdner Güterbahnhofs oder den Zusammenhang zwischen Vernichtungspolitik und Alltagsgesellschaft.
Im Unterricht lässt sich das Audioscript zur Förderung forschenden Lernens und zur Erarbeitung multiperspektivischer Zugänge nutzen. Schülerinnen und Schüler können eigene Beiträge entwickeln, neue Orte erschließen oder sich mit der Sprache und Struktur der Audioformate beschäftigen. Besonders eindrücklich wirkt das Script durch die physische Präsenz an den jeweiligen Orten.
Das Projekt ist online über die Website https://audioscript.net/stadtrundgang zugänglich. Materialien zur Begleitung können auf Anfrage beim Projektteam oder über stadtgeschichtliche Einrichtungen bezogen werden.
Animierte Kurzfilme über und mit Überlebende(n) der NS-Genozide
Das von der Organisation RomaTrial initiierte Kurzfilmprojekt produziert seit 2019 gemeinsam mit Überlebenden animierte Kurzfilme, die auf den autobiografischen Erzählungen von Roma* und Sinti* basieren. Die Filme machen marginalisierte Erfahrungen sichtbar, durchbrechen Stereotype und geben persönlichen Geschichten Raum. Für den Unterricht sind sie besonders geeignet, um die NS-Verfolgung von Roma* und Sinti* zu thematisieren, postkoloniale und intersektionale Perspektiven zu fördern und den Blick auf bisher vernachlässigte Opfergruppen zu öffnen.
[Video: RomaTrial und Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas / YouTube]
Die bringen nur die Verbrecher Weg (DE 2019), animierter Kurzfilm von Hamze Bytyçi
Die Kurzfilme entstanden im Kontext der künstlerisch-politischen Bildungsarbeit der transkulturellen Roma-Selbstorganisation RomaTrial, die mit der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas zusammenarbeitet. Ein Beispiel ist der animierte Film Die bringen nur die Verbrecher weg (2019) von Hamze Bytyçi. Darin erzählt die Holocaust-Überlebende Zilli Schmidt von der Verhaftung und Ermordung ihrer Familie im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Die Filme sind grafisch schlicht, aber emotional eindrucksvoll – sie verbinden dokumentarisches Erzählen mit künstlerischer Gestaltung und geben der individuellen Erinnerung ein Gesicht.
Mit Blick auf gesellschaftliche Repräsentation und erinnerungskulturelle Gerechtigkeit nimmt das Projekt eine besondere Stellung ein: Es macht deutlich, wie lange die Anerkennung des Völkermords an Roma* und Sinti* politisch und gesellschaftlich verweigert wurde – und wie wichtig die aktive Teilhabe der Überlebenden an der Erinnerung ist. Die Filme dokumentieren nicht nur Leid und Verlust, sondern auch Widerstand, Würde und Weiterleben. Sie sind ein Plädoyer für Selbstrepräsentation, für Empowerment und gegen das Vergessen.
Die Kurzfilme lassen sich ab Sekundarstufe I einsetzen – im Geschichtsunterricht, in der politischen Bildung oder in fächerübergreifenden Projekten. Sie regen zur Auseinandersetzung mit Formen des Gedenkens, der Bedeutung von Selbstermächtigung und der Frage nach Gerechtigkeit im Erinnern an. Auch Begriffe wie „intersektionale Erinnerung“, „Rassismus“ oder „Repräsentationskritik“ können thematisiert werden. Die kurze Laufzeit und die emotionale Dichte der Filme machen sie besonders zugänglich für Schüler*innen und ermöglichen vertiefende Gespräche.
Die animierten Kurzfilme und begleitendes Material sind über die Website von RomaTrial e. V. zugänglich. Dort finden sich auch Informationen zu Veranstaltungen, Interviews mit Überlebenden und Hinweise zur Bildungsarbeit.
Das Projekt Dimensions in Testimony der USC Shoah Foundation ermöglicht es, interaktiv mit Holocaust-Überlebenden zu „sprechen“, auch nachdem sie verstorben sind – dank KI-basierter Video-Interviews, die auf reale Antworten aus zuvor aufgezeichnetem Material zurückgreifen. Diese zukunftsweisende Form der Zeitzeugenschaft macht Geschichte unmittelbar und individuell erfahrbar. Im Unterricht eignet sich das Projekt besonders für die Förderung historischer Empathie, kritischen Denkens und zur Reflexion über mediale Erinnerungskulturen.
[Video: USC Shoah Foundation / YouTube]
Dimensions in Testimony | USC Shoah Foundation
Das Projekt transzendiert herkömmliche Zeitzeugenberichte, indem es Nutzerinnen und Nutzern ermöglicht, bereits verstorbenen Holocaust-Überlebenden in einem interaktiven Setting Fragen zu stellen, die diese mithilfe fortschrittlicher Technologie in Echtzeit beantworten. Das Projekt ist damit eines der ersten seiner Art: Anstatt nur zuzuhören, werden Nutzerinnen und Nutzer zu aktiven Fragestellern. Sie können in einem virtuellen Gespräch tiefer in die Erfahrungen der Zeitzeugen eintauchen, individuelle Fragen stellen und unmittelbare Antworten erhalten, die auf einer riesigen Datenbank zuvor aufgenommener Interviews basieren. Dies schafft eine beispiellose Immersion und persönliche Verbindung zur Geschichte. Die Technologie nutzt Künstliche Intelligenz und Natural Language Processing, um die Illusion einer direkten Konversation zu erzeugen.
Die Plattform IWitness, auf der das Projekt zugänglich ist, wurde von der USC Shoah Foundation entwickelt. Sie enthält neben Dimensions in Testimony auch traditionelle Zeitzeugeninterviews und bietet vielfältige Unterrichtseinheiten, Arbeitsblätter und Projektvorschläge. Dimensions in Testimony hebt sich durch seine Interaktivität hervor: Es ermöglicht eine dialogische Auseinandersetzung mit Geschichte, bei der Inhalte aktiv mitgestaltet werden können.
Das Projekt eignet sich für den Einsatz ab der Sekundarstufe II. Schülerinnen und Schüler können Fragen vorbereiten, sich mit der Relevanz von Sprache und Erinnerung beschäftigen und die Glaubwürdigkeit sowie mediale Konstruktion von Zeitzeugenschaft diskutieren. Auch ethische Fragen – etwa nach der Repräsentation der Opfer und der Verantwortung beim Einsatz von KI in der Erinnerungskultur – lassen sich behandeln. Die Nutzung im Unterricht setzt Zugang zur IWitness-Plattform voraus.
Dimensions in Testimony ist über die IWitness-Plattform der USC Shoah Foundation zugänglich. Dort finden sich neben dem interaktiven Tool auch Unterrichtsmaterialien, Tutorials und didaktische Hinweise. Eine Anmeldung ist erforderlich, für Bildungseinrichtungen ist die Nutzung kostenlos.
Der TikTok-Account @lilyebert, der von der Holocaust-Überlebenden Lily Ebert gemeinsam mit ihrem Urenkel Dov Forman ins Leben gerufen wurde, nutzt das Potential von Social Media zur Holocaust-Erinnerung. Sie teilt ihre tiefgreifenden Erfahrungen auf einer der populärsten Social-Media-Plattformen und bricht so mit traditionellen Vermittlungsformen und beschreitet einen neuen Weg der Erinnerungskultur. In kurzen, emotional zugänglichen Clips beantwortet Lily Ebert Fragen zu ihrer Zeit in Auschwitz, zum Überleben und zu ihrer Haltung gegenüber Antisemitismus. Für den Unterricht eignet sich der Account insbesondere zur Diskussion über digitale Formen von Erinnerung, Generationendialog und die Verbindung von Zeitzeugenschaft und Gegenwart.
[Video: lilyebert / TikTok]
"Have I ever thought about removing my Auschwitz [tattoo] number?" Post vom 30.01.2022 auf lilyebert, dem TikTok-Account von Lily Ebert & Dov Forman
Auf TikTok richtet sich Lily Ebert in einfacher Sprache direkt an eine junge Community. Ihre Biografie wird nicht chronologisch, sondern anlassbezogen vermittelt: Mal als Antwort auf Fragen von Followern, mal im Gespräch mit ihrem Urenkel, mal als Kommentar zu aktuellen politischen Entwicklungen. Die große Reichweite – mehrere Millionen Aufrufe – zeigt: Persönliche Geschichten erreichen über soziale Medien auch Menschen, die sonst selten mit Holocaust-Erinnerung in Berührung kommen. Nach Lily Eberts Tod Ende 2024 führt Dov Forman den Account weiter, um ihre Botschaft lebendig zu halten.
Im Unterricht kann der Kanal zur Auseinandersetzung mit digitalen Erinnerungspraktiken dienen: Welche Wirkung entfalten authentische Erzählungen in der sozialen Medienlogik? Wie verändert sich die Rolle von Zeitzeugenschaft, wenn sie nicht mehr live, sondern medial vermittelt geschieht? Und welche Verantwortung haben junge Menschen in diesem Prozess? Die Beiträge bieten Anlass zur Analyse medialer Formate, zur Diskussion über Sprache, Emotionalität und Reichweite – und zur Entwicklung eigener Formate.
Der TikTok-Kanal @lilyebert ist öffentlich zugänglich. Ebenfalls auf TikTok präsent sind die Holocaustüberlebenden Tova Friedman (@tovafriedman), Rosie Greenstein (@theredheadofauschwitz) sowie Gidon Lev und Julie Gray (@thetrueadventurers).
Der Account keine.erinnerungskultur, von Susanne Siegert sowohl auf TikTok (@keine.erinnerungskultur) als auch auf Instagram (keine.erinnerungskultur) initiiert, will junge Menschen für die Verbrechen des Nationalsozialismus sensibilisieren – jenseits von Gedenktagen und Ritualen. Durch persönliche Ansprache, aktuelle Bezüge und visuell eingängige Formate entstehen Beiträge, die Erinnerungskultur politisch, diskursiv und nahbar machen. Die Inhalte verbinden historische Information mit persönlicher Haltung und hinterfragen stereotype Gedenkformen. Für den Unterricht eignet sich das Projekt besonders zur Diskussion über die Rolle digitaler Medien in der Geschichtsvermittlung, zur Analyse von Gegenwartsbezügen und zur Reflexion über Verantwortung ohne eigene Erinnerung.
[Video: @keine.Erinnerung / TikTok]
Story NS-Euthanasie – ERNA KRONSHAGE (2025)
Die Namensgebung des Accounts thematisiert bereits das Dilemma: Die heutige Generation hat keine eigenen Erinnerungen mehr, aber dennoch Verantwortung für das Erinnern. Siegert nutzt TikTok-typische Formate wie Lip-Syncs, Reaktionsvideos oder kurze Sequenzen mit eingeblendeten Bildern, um Themen wie Deportationen, Gedenktage oder historische Orte verständlich aufzubereiten. Dabei stehen Haltung und Reflexion im Vordergrund, Themen sind etwa Täterorte im Stadtraum, aktuelle Angriffe auf Erinnerungskultur oder antisemitische Verschwörungstheorien.
Im Bildungsbereich bietet der Account eine hervorragende Grundlage, um die Wirksamkeit von Erinnerung im digitalen Raum zu untersuchen: Was macht Inhalte viral? Welche Formate eignen sich zur Vermittlung sensibler Themen? Welche Chancen und Grenzen bergen Kurzclips für historisches Lernen? Zudem kann die Beschäftigung mit dem Kanal anregen, eigene Beiträge zu produzieren – etwa zu lokalen Erinnerungsorten, zu Biografien, zu Antisemitismus in der Jugendkultur oder zu Fragen des Gedenkens heute – und damit Erinnerung aktiv mitzugestalten.
Susanne Siegert wurde für ihre Arbeit mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Hintergrundmaterial finden sich über die Website des Grimme-Instituts. Desweiteren ist auf der Website der Bundeszentrale für politische Bildung ein Werkstattgespräch Storytelling & Bildung mit Leonie Schöler und Susanne Siegert zum Thema Geschichte(n) im Kurzformat – Wissensvermittlung auf TikTok zu finden.
Die App Stolpersteine NRW – Gegen das Vergessen macht die individuellen Geschichten hinter den Stolpersteinen digital zugänglich und schafft neue Zugänge zur Erinnerungskultur im Alltag. Als mobiles Denkmal verknüpft sie den realen Stadtraum mit digitalen Inhalten und ermöglicht es Nutzerinnen und Nutzern, sich ortsbezogen mit dem Schicksal von NS-Opfern auseinanderzusetzen. Für den Unterricht eignet sich die App besonders zur Förderung lokaler Geschichtsarbeit, zur Spurensuche vor Ort und zur Reflexion über Erinnerung im digitalen Zeitalter.
[Video: Google Deutschland / YouTube]
Das Projektteam des WDR hat mit Hilfe der Google Maps APIs die Stolpersteine in Nordrhein-Westfalen kartiert und die Schicksale der dahinter stehenden Menschen digital und interaktiv festgehalten. So entsteht eine virtuelle Gedenkstätte, die jedem zugänglich ist, der sich mit der Geschichte der Opfer des Nationalsozialismus auseinandersetzen möchte.
Die App wurde vom WDR entwickelt und richtet sich insbesondere an Jugendliche und Schulklassen. Per GPS können Nutzerinnen und Nutzer in Nordrhein-Westfalen die Standorte der Stolpersteine aufsuchen und sich Hintergrundinformationen, Fotos und Biografien anzeigen lassen. Die App verknüpft die physische Präsenz der Steine im Stadtraum mit mediengestützten Informationsangeboten und individuellen Erzählungen. So entsteht ein unmittelbarer Bezug zu konkreten Menschen und ihrem Schicksal, aber auch zur eigenen Lebenswelt: „Hier lebte …“ wird so zur persönlichen Aufforderung, genauer hinzusehen.
In der medienpädagogischen Praxis eröffnet die App vielfältige Einsatzmöglichkeiten: Sie unterstützt projektbasiertes, lokal verankertes Lernen – sei es im Geschichts-, Politik- oder Ethikunterricht. Sie kann auch Ausgangspunkt für Exkursionen, Gedenkspaziergänge oder performative Projekte sein. Zudem lassen sich Fragestellungen zu medialer Erinnerung, Datenschutz und öffentlicher Sichtbarkeit diskutieren.
Obwohl die App auf die Stolpersteine in Nordrhein-Westfalen beschränkt ist, eignet sie sich auch für Schülerinnen und Schüler aus anderen Bundesländern als Inspirationsquelle. Sie können anhand der App sehen, wie digitale Medien genutzt werden, um lokale Erinnerungskultur zugänglich zu machen und persönliche Schicksale sichtbar zu erzählen. Dies kann der Ausgangspunkt sein, um eigene Projekte vor Ort zu entwickeln: Lernende können selbstständig Stolpersteine in ihrer Umgebung recherchieren, die Biografien erforschen und Präsentationen oder digitale Geschichten dazu erstellen, zum Beispiel eine eigene digitale Karte der Stolpersteine ihres Wohnortes, ein Instagram-Projekt, Audiowalks oder andere Formen des Gedenkens.
Die App Stolpersteine NRW ist kostenfrei in den App-Stores verfügbar. Auf der begleitenden Website des WDR finden sich Materialien, Einführungsvideos und Anleitungen zur Nutzung im schulischen Kontext. Auch das Projekt „Stolpersteine NRW macht Schule“ bietet weiterführende Impulse für Lehrkräfte.
Die Webseite Geschichte statt Mythen der Friedrich-Schiller-Universität Jena bietet seit 2024 wissenschaftlich fundierte Analysen zu aktuellen geschichtsrevisionistischen Erzählungen – etwa zur Bombardierung Dresdens oder zur Leugnung und Relativierung der Shoah. Ziel ist es, historische Fakten aufzuarbeiten, Mythen und Falschdarstellungen zu entlarven und so zu einer kritischen Auseinandersetzung mit Erinnerungskultur und demokratischer Geschichtspolitik beizutragen. Für den Unterricht eignet sich die Plattform besonders zur Förderung historischer Urteilskompetenz und zur Diskussion über Geschichtsbilder im digitalen Raum.

[Bild: www.youtube.com/watch (aufgerufen am 06.08.2024); www.geschichte-statt-mythen.de]
Akteurinnen und Akteure der Partei Die Rechte tragen am 13. Februar 2022 ein Banner mit der Aufschrift "Bombenholocaust". In der untersten Zeile wird die Zahl von 250.000 Toten propagiert. Der Begriff "Bombenholocaust" stellt eine Gleichsetzung der Bombardierung Dresdens mit dem Massenmord an den europäischen Jüdinnen und Juden dar.
Die Webseite wurde von Historikerinnen und Historikern sowie Pädagoginnen und Pädagogen entwickelt, um populären Verschwörungserzählungen und Umdeutungen entgegenzuwirken. Sie thematisiert die Verharmlosung von NS-Verbrechen in sozialen Medien, das Spannungsfeld zwischen Meinungsfreiheit und Leugnung sowie aktuelle Formen des Antisemitismus.
Bezüglich des sogenannten „Bombenholocausts“ – der rechtsextremen Instrumentalisierung der alliierten Luftangriffe auf Dresden im Februar 1945 – zeigt das Projekt beispielsweise, wie wissenschaftliche Forschung Differenzierungen vornimmt, Opferzahlen seriös einordnet und die politischen Hintergründe von Mythenbildungen aufdeckt.
Im medienpädagogischen Kontext eignet sich Geschichte statt Mythen, um Schülerinnen und Schüler für die Gefahren von Desinformation zu sensibilisieren. Die Plattform ermöglicht Quellenkritik anhand digitaler Materialien, fördert die Analyse politisch motivierter Geschichtsnarrative und regt zur Reflexion über den Umgang mit Erinnerung in Öffentlichkeit und Medien an. Sie unterstützt eine evidenzbasierte, demokratische Erinnerungskultur – auch im Spannungsfeld von Gegenwart und Vergangenheit.
Auf der Webseite Geschichte statt Mythen sind neben der Aufklärung über klassische Mythen auch aktuelle Analysen zu TV-Auftritten, Wahlkampfreden oder Social-Media-Posts von politischen Akteurinnen und Akteuren frei zugänglich gemacht. Desweiteren findet sich dort eine interaktive Übersichtskarte, die visualisiert, wo und von wem geschichtsrevisionistische Mythen verbreitet werden und welche historischen Orte Ziel solcher Umschreibungsversuche sind.
Der Podcast Land ohne Vater – Die Opfer des NSU (2025) erzählt eindringlich von der Perspektive der Opferfamilien der NSU-Mordserie. Im Zentrum stehen die Geschichten von Angehörigen wie Gamze Kubaşık und Semiya Şimşek, deren Väter (Mehmet Kubaşık und Enver Şimşek) 2006 und 2000 von den rechtsextremen Terroristen des NSU ermordet wurden. Der Podcast beleuchtet, wie die Familien nicht nur mit dem schmerzhaften Verlust, sondern auch mit institutionellem Rassismus, falschen Verdächtigungen und öffentlicher Stigmatisierung konfrontiert waren. Für den Unterricht eignet sich das Medium besonders, um Verantwortung für eine diskriminierungssensible Erinnerungskultur zu thematisieren, rassistische Narrative zu hinterfragen und den Bogen von der Geschichte zur Gegenwart zu schlagen.
[Video: Wondery - Das Podcaststudio / YouTube]
Trailer zum Podcast Land ohne Vater - Die Opfer des NSU
Der sechsteilige Podcast setzt den Fokus auf die persönlichen Erfahrungen der Hinterbliebenen und macht so die abstrakte Geschichte des NSU greifbar und emotional nachvollziehbar. Die Serie zeigt, wie Ermittlungsbehörden über Jahre hinweg Täterinnen und Täter im Umfeld der Opfer vermuteten und rassistische Vorurteile gegenüber den Familien pflegten – während der tatsächliche rechtsextreme Hintergrund der Taten ignoriert wurde. Interviews mit den Familien, Expertinnen und Experten sowie Journalistinnen und Journalisten zeichnen ein vielschichtiges Bild von Schmerz, Resilienz und dem Kampf um Anerkennung. Produziert von den renommierten Podcast-Studios Wondery und Campside Media, verknüpft die Serie dabei investigative Recherche mit eindringlichem Storytelling.
Der Podcast stellt zugleich wichtige Gegenwartsbezüge her: Die dargestellten institutionellen Fehler, der gesellschaftlich tief verwurzelte Rassismus und das Versagen der Sicherheitsbehörden sind keine rein historischen Probleme, sondern auch heute noch relevant. Er ruft dazu auf, die Lehren aus dem NSU-Komplex zu ziehen, sich für Aufklärung und Gerechtigkeit einzusetzen und Diskriminierung in all ihren Formen aktiv entgegenzutreten. Damit leistet Land ohne Vater – Die Opfer des NSU einen Beitrag zu einem aktiven Geschichtsbewusstsein und einer kritischen Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Strukturen.
Im Unterricht kann der Podcast dazu genutzt werden, den NSU-Komplex und die Geschichten der Betroffenen als Teil deutscher Zeitgeschichte zu thematisieren. Er ermöglicht Gespräche über institutionellen Rassismus, die Rolle von Medien in der Stigmatisierung von Opfern, sowie über gesellschaftliche Verantwortung. Schülerinnen und Schüler können sich mit der Frage beschäftigen, wie Erinnerung an rechtsextremen Terror gestaltet werden kann und welche Konsequenzen für heute zu ziehen sind. Der Podcast eignet sich auch für Projektarbeit zu den Themen Gedenken, Aufarbeitung und Engagement gegen Diskriminierung.
Land ohne Vater – Die Opfer des NSU ist auf allen gängigen Plattformen (z. B. Spotify, Apple Podcasts, Wondery) sowie in der Mediathek von Antenne Bayern kostenlos verfügbar. Hintergrundinformationen und weiterführende Materialien zu den Fällen und zur Aufarbeitung des NSU finden sich bei der Bundeszentrale für politische Bildung sowie bei NSU-Watch.
Der Nazi Crimes Atlas ist eine interaktive App, die auf digitale Weise den Zugang zu Orten der nationalsozialistischen Verbrechen eröffnet. Nutzerinnen und Nutzer können auf einer Karte Informationen zu Tätern, Opfern und Ereignissen abrufen – standortbezogen, direkt vor Ort oder aus der Distanz. Die App ermöglicht so eine unmittelbare, ortsbezogene Auseinandersetzung mit dem Holocaust und der NS-Zeit. Für den Unterricht eignet sich das Medium besonders zur Verknüpfung von historischer Recherche, digitalem Lernen und dem Perspektivwechsel im lokalen Raum.

[Bild: Digitaler Atlas NS-Verbrechen – Nazi Crimes Atlas. Ein Projekt des Vereins dieKunstBauStelle e. V.]
Die App wurde vom Verein dieKunstBauStelle entwickelt und vereint wissenschaftlich fundierte Informationen mit benutzerfreundlicher Technik. Sie zielt darauf ab, Orte nationalsozialistischer Verbrechen sichtbar zu machen – nicht nur Konzentrationslager oder bekannte Gedenkstätten, sondern auch weniger bekannte Schauplätze: ehemalige Lager, Deportationsbahnhöfe, Täterwohnungen, Zwangsarbeiterunterkünfte oder Orte des Widerstands. Die Einträge enthalten historische Kontextinformationen, Fotografien, Zeitzeugenberichte sowie Hinweise auf verfügbare Quellen und weiterführende Literatur.
Die visuelle Darstellung auf einer interaktiven Karte ermöglicht eine individuelle Navigation durch die Geschichte. Der Zugang ist niedrigschwellig: Die App funktioniert auf Smartphones und Tablets, die Navigation ist intuitiv, die Inhalte gut strukturiert. Die App kann eigenständig genutzt werden oder als Ergänzung zu Exkursionen, Projekttagen oder Rechercheaufträgen dienen.
Im Unterricht eignet sich der Nazi Crimes Atlas hervorragend für projektorientiertes und forschendes Lernen. Schülerinnen und Schüler können eigene Recherchen zu Orten in ihrer Umgebung durchführen, sich mit Biografien auseinandersetzen oder digitale Rundgänge erstellen. Die Arbeit mit der App fördert nicht nur historisches Lernen, sondern auch Medienkompetenz, Quellenkritik und eine reflektierte Auseinandersetzung mit digitalen Erinnerungskulturen. Auch ethische Fragestellungen wie „Wie gedenken wir digital?“ oder „Welche Rolle spielt Raum für Erinnerung?“ lassen sich gut thematisieren.
Die App ist kostenfrei in den App-Stores verfügbar. Weitere Informationen zum Projekt, zur didaktischen Nutzung und zur Beteiligung an der Weiterentwicklung finden sich auf der Website des Vereins dieKunstBauStelle und in der ausführlichen Projektbeschreibung als PDF.
Christian Kitter ist gelernter Erzieher und studierte an der Freien Universität Berlin Erziehungswissenschaften mit dem Schwerpunkt Medienpädagogik. 1996 begann er seine Tätigkeit als Medienpädagoge bei der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen. Schwerpunkt seiner Arbeit waren Grundschulprojekte zur Vermittlung von Medienkompetenz im Unterricht. Als leitender Redakteur war er für die Entwicklung digitaler Materialien für den Einsatz in Schule und Jugendarbeit verantwortlich (Krieg in den Medien, Faszination Medien), die in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung entstanden.

- Interview
- Ein Interview über verschiedene Aspekte von Verschwörungstheorien
- Playlist
- Historisches Wissen vermitteln und kontextualisieren
- Playlist
- Persönliche Erfahrungen nachvollziehen und Empathie fördern
- Playlist
- Medienkritik üben und Erinnerungskultur heute verstehen
Dirk Uhlig arbeitete bereits seit 2007 als freier Gestalter eng mit dem Medienpädagogik-Team der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) für die Entwicklung und Umsetzung der Projekte Krieg in den Medien und Faszination Medien zusammen. Seit 2017 gehört er zum festen Team der Medienpädagogik der FSF. Nebenbei ist er als freier Dokumentarfilmschaffender tätig.

- Interview
- Rassismus in Schule und Medien
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- Persönliche Erfahrungen nachvollziehen und Empathie fördern
- Playlist
- Medienkritik üben und Erinnerungskultur heute verstehen
- Interview
- Dr. Jens-Christian Wagner über erinnerungskulturelle Arbeit
Viviane Winkler studiert Medienwissenschaft (M.A.) an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf und ist seit 2024 als Werkstudentin bei der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) tätig.

[Bild: privat]
- Playlist
- Historisches Wissen vermitteln und kontextualisieren
- Playlist
- Persönliche Erfahrungen nachvollziehen und Empathie fördern
- Playlist
- Medienkritik üben und Erinnerungskultur heute verstehen
- Zahlen / Fakten
- Was die Generation Z wirklich bewegt