Holocaust im Film: Wie Bilder Erinnerung prägen
Ein Filmheft zum Dokumentarfilm Holofiction
CC BY-SA 4.0 / Herausgeber: Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen, 03/2026
Der experimentelle Dokumentarfilm Holofiction von Michal Kosakowski ist eine künstlerische Bestandsaufnahme von Motiven und szenischen Narrativen in fiktionalen Filmen über den Massenmord an Jüdinnen und Juden sowie weiteren Opfern des NS-Regimes. Dafür untersuchte der Regisseur Bilder und Szenen aus mehr als 3.000 Filmen und arrangierte sie neu. So entstand ein filmisches Essay, das neben der Chronologie des Holocaust durch das Grundprinzip der Montage – Wiederholungen, Parallelitäten und Perspektivwechsel – eine Kategorisierung wiederkehrender ikonografischer Muster erkennbar macht und offenlegt, wie visuelle Erinnerung konstruiert und stetig neu reproduziert wird.
Medienradar unterstützt das Projekt und bietet mit diesem Filmheft eine medienpädagogische Begleitung für Lehrende an.

[Bild: Medienradar / Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen e. V.]
Überblick zum Film
Genre: experimenteller Dokumentarfilm (Kompilationsfilm)
Klassenstufe: geeignet ab Klassenstufe 9
Fächer: Geschichte, Deutsch, Ethik, Religion, Politik, Psychologie
Themen: Darstellung von Holocaust und Nationalsozialismus in fiktionalen Erzählungen und deren Einfluss auf das kollektive Erinnern
Regie: Michal Kosakowski
Produktion: Kosakowski Films
Erscheinungsjahr: 2025 (Deutschland, Österreich)
Kinostart: November 2026
[Video: Kosakowski Films]
Offizieller Trailer zum experimentellen Dokumentarfilm Holofiction (D, AUT 2025) von Michal Kosakowski
Information
1. InhaltAusgehend von einem umfangreichen Archiv mit über 3.000 Werken untersucht Holofiction, wie Darstellungen des Holocaust über Jahrzehnte hinweg in Kino und Fernsehen kodifiziert und reproduziert wurden. Der Film deckt wiederkehrende visuelle Motive und Erzählmuster auf, die zu Ikonen geworden sind. Inspiriert von Claude Lanzmanns Skepsis gegenüber visuellen Darstellungen historischer Traumata hinterfragt der Film die Möglichkeit und die Implikationen der Darstellung solcher Gräueltaten im fiktionalen Kino. Durch seinen essayistischen Ansatz lädt Holofiction das Publikum dazu ein, über die Ethik und Verantwortung des filmischen Erzählens nachzudenken. Der Film ermöglicht ein tieferes Verständnis dafür, wie diese Darstellungen das kollektive Gedächtnis und die historische Wahrnehmung prägen.
Information
2. Pädagogische EinordnungHolofiction bietet sich an, um die Entwicklung und Formung unseres kollektiven erinnerungskulturellen Gedächtnisses nachzuvollziehen und gleichzeitig unser Bild von Holocaust und Nationalsozialismus kritisch zu reflektieren. Der Film regt zur Beschäftigung mit der Frage an: Woher kommen unsere Vorstellungen der historischen Ereignisse? Was zeigen Filme – und was nicht? Und wie beeinflussen sie unser historisches Wissen und unsere Erinnerungslandschaft? Im Rahmen der MEMO Jugendstudie 2023 gaben 95,5 % der Befragten an, mindestens einmal einen Spiel- oder Dokumentarfilm angesehen zu haben, um sich mit dem Thema Nationalsozialismus auseinanderzusetzen – im Vergleich aller Möglichkeiten zur Auseinandersetzung mit der Geschichte war „Film“ die meistgenannte Antwort auf die Frage „Welche Möglichkeit, sich mit der Zeit des Nationalsozialismus zu beschäftigen, hat Dir persönlich bisher am meisten gebracht?“. Dies verdeutlicht die Anschlussfähigkeit des Themas Film als Zugang zur historisch-pädagogischen Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex Holocaust. Holofiction ermöglicht es dabei gleichzeitig auch, die vorgeprägten filmischen Bilder zu analysieren, Quellenkritik zu üben und Medienkompetenz zu stärken.
Aufgaben
1. Bilder im KopfDokumentar-/Spielfilm Dokumentarfilme versuchen, reale Ereignisse möglichst nah an historischen Quellen darzustellen. Spielfilme dagegen erzählen Geschichten mit Schauspieler*innen, Drehbuch und inszenierten Szenen. Doch auch Dokumentarfilme wählen aus, schneiden, ordnen und interpretieren. Und auch Spielfilme können tatsächliche historische Ereignisse abbilden. Die Grenze ist also nicht immer eindeutig. Viele fiktionale Holocaust-Filme folgen bestimmten erzählerischen Mustern: klare Hauptfiguren, dramatische Wendepunkte, emotionale Höhepunkte. Solche Strukturen helfen beim Verstehen – können aber Geschichte auch vereinfachen. Manche Darstellungen widersprechen auch historischem Wissen oder verengen unseren Blick. Zum Beispiel stehen in Filmen über den Holocaust häufig das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau oder die Geschichte westeuropäischer Jüdinnen und Juden im Mittelpunkt. Andere Opfergruppen oder Tatorte bleiben dabei im Hintergrund. Fiktion ist also nicht unbedingt „fake“ – aber sie kann unseren Blick lenken oder begrenzen. |
Der Titel Holofiction setzt sich aus zwei Begriffen zusammen: „Holocaust“ und „Fiction“ (Fiktion). „Fiktion“ bedeutet nicht automatisch „erfunden“ oder „unwahr“. In Filmen beschreibt der Begriff eine erzählte, gestaltete Geschichte – also eine bestimmte Perspektive auf Ereignisse. Der Titel des Films lädt dazu ein, darüber nachzudenken: Welche Bilder haben wir im Kopf – und woher stammen sie?
Bestimmte Bilder tauchen auch in vielen Holocaust-Filmen immer wieder auf. Diese Motive sind zu Symbolen geworden, die ikonisch für „den Holocaust“ stehen, sie lassen die Zuschauer*innen direkt erkennen, was das Thema des Films ist.
Aufgabe:
- Gestaltet oder beschreibt, wie ihr euch ein Filmplakat für einen Holocaust-Film vorstellt.
Diskussionsanregungen:
- Welche Bilder fallen dir spontan ein, wenn du an den Holocaust denkst? Welche Farben, Musik oder Stimmungen assoziierst du damit?
- Woher stammen diese Bilder (Unterricht, Filme, Gedenkstätten, Social Media, Bücher etc.)?
- Warum sind bestimmte Bilder besonders einprägsam?
- Können solche symbolhaften Bilder helfen, Geschichte zu erinnern oder führen sie zu einer Vereinfachung?
Aufgaben
2. Filmanalysea)
Der Trailer zum Dokumentarfilm zeigt bereits das grundlegende Prinzip von Holofiction: Der Film arbeitet collageartig, Szenen aus unterschiedlichen Filmen werden neu in sich wiederholenden Motiven montiert.
Aufgabe:
- Welche Wirkung entsteht, wenn unterschiedliche Filmszenen direkt nebeneinandergeschnitten werden?
- Verändert diese Form deinen Blick auf die einzelnen Filmszenen?
- Wie nimmst du die Rolle der Musik wahr? Verstärkt sie, unterstützt sie, kommentiert sie, kontrastiert sie ...?
b)
Durch die Film-Collage werden auch manche Zusammenhänge besonders deutlich herausgestellt. Schaut Euch die nachfolgende Filmsequenz an bzw. arbeitet mit der nachfolgenden Screenshotzusammenstellung.

[Bild: Kosakowski Films]
Screenshotzusammenstellung aus Holofiction (D, AUT 2025) von Michal Kosakowski
[Video: Kosakowski Films]
Filmsequenz 1 aus dem Dokumentarfilm Holofiction von Michal Kosakowski; D, AUT (2025)
Aufgabe:
- Wie interpretiert ihr die Zusammenstellung in der abgebildeten Sequenz?
- Warum sind diese Szenen wohl so kombiniert worden?
- Welches Thema verbindet sie?
- Wie werden die Täter*innen dargestellt, wie die verfolgten Menschen?
- Was soll die Sequenz über den Nationalsozialismus und Holocaust erzählen?
c)
Schaut Euch die nachfolgende Filmsequenz an bzw. arbeitet mit der nachfolgenden Screenshotzusammenstellung.
Aufgabe:
Beschreibt für die jeweiligen Screenshots bzw. für die Filmsequenz:
- Wessen Sicht nehmen wir jeweils ein? Was bewirkt dies?
- Wie werden die Gefangenen filmisch dargestellt? Wie wird die Kamera eingesetzt? Welche Wirkung hat das?
- Wie werden die Täter*innen gezeigt? Wie ist ihre Position im Bild? Wie ist ihre Mimik, Gestik, wie würdet ihr ihre Bewegungen beschreiben? Wie wirken sie auf euch?
- Welchen Titel, welche Überschrift würdet ihr dieser Sequenz geben?
- Wie wirken die einzelnen Szenen auf euch im Zusammenschnitt? Warum könnte der Filmemacher sie so kombiniert haben? Was wird vielleicht durch die Kontrastierung deutlich?

[Bild: Kosakowski Films]
Screenshotzusammenstellung aus Holofiction (D, AUT 2025) von Michal Kosakowski
[Video: Kosakowski Films]
Filmsequenz 2 aus dem Dokumentarfilm Holofiction von Michal Kosakowski; D, AUT (2025)
Aufgaben
3. Ist der Holocaust darstellbar?Viele Filmemacher*innen und Historiker*innen diskutieren die Frage: Kann man die Gewaltgeschichte des Holocaust überhaupt filmisch zeigen bzw. erfahrbar machen? Muss man Gewalt zeigen, um Verständnis zu schaffen? Oder ist das Weglassen respektvoller – und vielleicht sogar eindringlicher? Filmemacher*innen finden darauf ganz verschiedene Antworten.
a)
Der französische Regisseur Claude Lanzmann (Regisseur des Dokumentarfilms Shoah) vertrat die Position, dass der Holocaust nicht darstellbar sei. Kosakowski stellt seinem Film eine Tafel mit Claude Lanzmanns folgender Aussage voran:

[Bild: Kosakowski Films]
Screenshot aus Holofiction (D, AUT 2025) von Michal Kosakowski
Fiktion ist eine Überschreitung. Ich bin davon überzeugt, dass die Darstellung bestimmter Dinge verboten ist. Claude Lanzmann
Aufgabe:
- Wie interpretiert ihr die Tatsache, dass Holofiction dieses Zitat an den Anfang stellt?
- Versteht ihr, warum Lanzmann das so sieht?
- Seht ihr das anders? Warum?
b)
Holofiction arbeitet mit Auslassungen und indirekten Darstellungen: Michal Kosakowski zeigt Szenen, die explizite Gewalt beinhalten, bewusst nicht in seinem Film. Die einzigen Sequenzen, die ermordete Menschen zeigen, sind über Kopf dargestellt.
Schaut Euch die nachfolgende Filmsequenz aus Holofiction an bzw. arbeitet mit der nachfolgenden Screenshotzusammenstellung.

[Video: Kosakowski Films]
Sequenz aus dem experimentellen Dokumentarfilm Holofiction (D, Aut 2025) von Michal Kosakowski
[Video: Kosakowski Films]
Filmsequenz 3 aus dem Dokumentarfilm Holofiction (D, AUT 2025) von Michal Kosakowski
Aufgabe:
- Wie wirkt dies auf euch?
- Ändert das eure Wahrnehmung der Szenen?
- Warum könnte der Filmemacher diese Entscheidung getroffen haben?
Diskussionsanregungen:
- Sollte explizite Gewalt in Holocaust-Filmen gezeigt werden – oder nicht? Warum? Wo liegen Grenzen?
- Kann das Nicht-Zeigen stärker wirken als explizite Bilder?
- Welche Verantwortung tragen Filmemacher*innen bei der Darstellung historischer Verbrechen?
- Wo liegen aus eurer Sicht ethische Grenzen der Darstellung?
Aufgaben
4. Timeline Holocaust-FilmeHolocaust-Filme sind bereits während des Zweiten Weltkriegs entstanden und werden bis heute in zahlreichen Ländern produziert. Die Spielfilme erzählen dabei nicht nur über historische Ereignisse, sondern spiegeln auch die gesellschaftlichen Debatten ihrer Entstehungszeit wider – und prägen diese ihrerseits.
Aufgabe:
Teilt euch in Kleingruppen auf und sucht euch einen der nachstehend aufgelisteten Filme aus, die in Holofiction verwendet werden. Recherchiert Informationen zum jeweiligen Film – die Links können euch dabei helfen – und beantwortet die folgenden Fragen:
- In welchem politischen und gesellschaftlichen Kontext entstand der Film?
- Welche Geschichte steht im Mittelpunkt?
- Welche Wirkung hatte der Film? Wie fielen die Reaktionen auf den jeweiligen Film aus? Welche Auswirkungen hatte er auf das Wissen über und die Erinnerung an den Holocaust?
- Findet ihr ein Filmposter? Was stellt es dar, wie ist der Stil?
Kommt wieder zusammen und erstellt gemeinsam einen Zeitstrahl:
- Was unterscheidet euren Film von früheren oder späteren Produktionen?
- Was ist das Besondere an eurem Film?
- Was verbindet ihn mit früheren bzw. späteren Filmen?
- Wie haben sich Filme und die gesellschaftlichen Auswirkungen über die Zeit entwickelt?
Filmliste:
Die Mörder sind unter uns (Deutschland 1946, Regie: Wolfgang Staudte)
Die letzte Etappe (Polen 1948, Regie: Wanda Jakubowska)
Raumschiff Enterprise: Schablonen der Gewalt (USA 1968, Regie: Gene Roddenberry)
- tagesspiegel.de
- bmlv.gv.at (siehe S. 90-92)
Holocaust (USA 1978, Regie: Gerald Green)
Schindlers Liste (USA 1993, Regie: Steven Spielberg)
Eva Hasel studierte Medienwissenschaften und Rhetorik. Sie arbeitet als freie Autorin und Konzepterin in der Holocaustforschung und -vermittlung, u.a. für die Gedenkstätten Flossenbürg und Lichtenburg, die Deutsche Kriegsgräberfürsorge, Bundeszentrale für politische Bildung, Stiftung EVZ, Universität Haifa und das Humanitarian Law Center Belgrad.

[Bild: privat]
- Lernmodul
- Pädagogisches Material für die schulische und außerschulische Bildung