Interview

Diskriminierungserfahrungen von Kindern und Jugendlichen

Rassismus in Schule und Medien

Dr. Caterina Rohde-Abuba, Brigitte Zeitlmann, Dirk Uhlig

Medienradar

Circa 40 % der Kinder und Jugendlichen haben aktuell einen Migrationshintergrund und wahrscheinlich ein größerer Teil davon ist von rassistischen Diskriminierungserfahrungen betroffen. Durch die hohe Diversität in den Klassen, gerade im großstädtischen Raum, ist das Thema heute viel relevanter als für erwachsene Generationen, die dazu weniger Zugang haben. 
Medienradar sprach mit Caterina Rohde-Abuba, Professorin für Soziologie an der HWR, über die Präsenz des Themas in Schule und Medien und über Kompetenzen, rassistische Diskriminierung und deren Auswirkungen zu erkennen und ihnen entschieden entgegenzutreten.

Rassismus ist für viele Kinder und Jugendliche in Deutschland eine alltägliche Realität – sei es durch offene Anfeindungen oder subtile Mikroaggressionen. Caterina Rohde-Abuba verweist auf Studien, die zeigen, dass jedes zehnte Kind bereits rassistische Diskriminierung wegen seiner Religion erlebt hat und über 70 % der Jugendlichen in der Schule entweder selbst betroffen waren oder Rassismus miterlebt haben. Solche Erfahrungen können Scham, Wut oder Angst auslösen und erfordern erhebliche Bewältigungsstrategien. Doch wie unterscheiden sich die Auswirkungen subtiler und offener Diskriminierung? Und welche Mechanismen helfen jungen Betroffenen, mit diesen Herausforderungen umzugehen?

Frau Rohde-Abuba, Sie beschäftigen sich als Soziologin unter anderem mit Diskriminierungserfahrungen und deren Auswirkungen in unserer Gesellschaft. Macht es für Betroffene einen Unterschied, ob Rassismus offen oder subtil vermittelt wird?

Gibt es Studien, in denen die rassistischen Diskriminierungserfahrungen von Kindern und Jugendlichen in Alltag und Schule erfasst und eingeordnet werden?

Bisher gibt es keine umfassende Studie, die wirklich alle Varianten rassistischer Diskriminierung repräsentativ abbildet. Im Wesentlichen sind es drei Studien aus verschiedenen Felden, mit denen man sich da annähern kann. 
Da ist zum einen eine Studie von 2021 vom Internationalen Zentralinstitut für Jugend und Bildungsfernsehen (IZI). Demnach haben 7 von 10 Kindern mit Migrationshintergrund schon Rassismus erfahren. Das bedeutet, dass Kinder mit Migrationshintergrund nicht per se betroffen sind, aber schon ein großer Anteil derer.
Gemeinsam mit meiner Kollegin Britta Konz habe ich für World Vision 2023 eine Studie durchgeführt, bei der wir uns mit religiöser Diversität in der Erlebniswelt von Kindern und Jugendlichen beschäftigt haben. Wir haben festgestellt, dass in Deutschland repräsentativ jedes zehnte Kind sagt, bereits aufgrund der Religionszugehörigkeit eine Rassismuserfahrung gemacht zu haben. Und das betrifft hauptsächlich muslimische Kinder und Jugendliche, aber auch solche anderer Religionsgruppen.
Die dritte Studie ist eine repräsentative Umfrage der Landesschülervertretung Hessen von Jugendlichen ab Klasse 9. Dort wurde erhoben, dass (repräsentativ) mehr als 70% der befragten Schüler*innen gesagt haben, dass sie in der Schule entweder selbst Rassismus erfahren haben oder solches beobachtet und bezeugt haben. Das zeigt zum einen, dass das Thema sehr relevant ist, zum anderen aber auch, dass zumindest diese älteren Jugendlichen eine hohe Kompetenz haben, Rassismus zu erkennen, sonst hätten sie so gar nicht antworten können. 

In welchem Umfang sind Kinder und Jugendliche von strukturellem Rassismus in Alltag und Schule betroffen?

Wie schätzen Sie die Auswirkungen von Mikroaggressionen bzgl. Rassismus bei Kindern und Jugendlichen ein?

Unter Mikroaggressionen fasst man normalerweise Beleidigungen, also Begrifflichkeiten, aber auch Bilder, die herabsetzend sind. Die Auswirkungen können zwar individuell unterschiedlich sein, doch grundsätzlich lässt sich sagen, dass Mikroaggressionen beim Adressierten eine Stresssituation auslösen. Eine solche Situation kann mit Gefühlen wie Scham, Wut und Angst verbunden sein und erfordert daher eine emotionale Arbeit von den Betroffenen. Es bedeutet für sie, mit dieser Situation zurechtkommen zu müssen und sich immer wieder in Umfelder zu begeben, in denen ähnliche Erfahrungen bereits gemacht wurden oder erneut gemacht werden könnten. 

Welche Bewältigungsprozesse müssen von Rassismus betroffene Kinder und Jugendliche leisten?

Kinder und Jugendliche begegnen in sozialen Medien oft ungefilterten, teils rassistischen Inhalten – doch wie gehen sie damit um? Während einige durch Social Media ein fundiertes Wissen über Rassismus entwickeln, fehlt anderen der Zugang zu wichtigen Informationen. Gleichzeitig mangelt es an digitalen Schutzstrukturen, die Betroffene unterstützen. Welche Maßnahmen sind nötig, um Kinder und Jugendliche besser zu schützen und aufzuklären?

In ihren Interviews sprechen sie auch über die Medienrezeption von Inhalten, die von Kindern und Jugendlichen als rassistisch wahrgenommen werden. Im Bereich Social Media sind sie oft mit ungefilterten und teils problematischen Inhalten konfrontiert. Wie ordnen Kinder und Jugendliche die Rezeption von solchen Medienbeiträgen ein?

Welche Problematik entwickelt sich daraus für Kinder und Jugendliche?

Was wären denn Ihrer Meinung nach geeignete Maßnahmen, um in solchen Situationen die dringend nötige Hilfe für betroffene Kinder und Jugendliche anzubieten?

Man braucht gute Schutzstrukturen, die auf der digitalen Ebene agieren. Um Unterstützung zu erhalten, ist es nicht hilfreich, wenn Erwachsene die Kinder und Jugendlichen dazu bringen, aus dem digitalen Raum auszutreten. Vielmehr müssen die Schutzstrukturen direkt in den digitalen Raum eingelassen werden. Beispielsweise könnte direkt über einen Button die Möglichkeit gegeben werden, sofort mit einer geschulten Polizeikraft zu chatten, um die Gewalterfahrungen anzuzeigen. Zusätzlich wäre eine Moderation und das Unterdrücken von Inhalten wünschenswert. Entscheidend sind sichere Safe-by-Design-Strukturen, die sicherstellen, dass Räume für Kinder nur von Kindern genutzt werden können. Hierfür wären etwa echte Klarnamen sowie Alters- und Identitätsverifikationen erforderlich. Zudem sollten verschiedene Filter implementiert werden, die Gewaltdarstellungen automatisch unterdrücken, entfernen oder im Bedarfsfall sofort moderieren. 

Gleichzeitig findet aber auch besonders über Social-Media eine größere Sensibilisierung zum Thema Rassismus statt. Wie schätzen Sie deren Wirkung auf Jugendliche ein?

Es gibt sicherlich eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen, die sehr gut über Rassismus und auch Antirassismus-Strategien informiert ist. Das zeigt sich auch im Studium: Viele meiner Studierenden im ersten Semester haben bereits ein fundiertes Wissen über Rassismus, teils sogar auf akademischem Niveau. Hier sind sehr gute Bildungsprozesse im Gange. Allerdings trifft dies nicht auf alle zu. Insbesondere bei jüngeren Kindern und Jugendlichen, die nicht in bestimmte soziale Kreise oder Algorithmus-gesteuerte Informationsblasen geraten, bleibt diese Information oft aus. Soweit ich weiß, gibt es dazu keine konkreten Studien, aber ich nehme an, dass gerade die Kinder, für die das Thema besonders wichtig ist, oft keinen Zugang zu diesen Informationsquellen haben. Daher halte ich es für notwendig, eine flächendeckende, regelmäßige Medienkompetenzvermittlung zu etablieren, die im schulischen Unterricht verankert ist. Dies sollte auch die Auseinandersetzung mit Themen wie Rassismus, Sexismus, Klassismus, Adultismus und Ableismus umfassen. 

Ältere Filme und Serien machen Rassismus oft deutlich erkennbar, können aber für Betroffene belastend sein. Neuere Produktionen gehen sensibler mit Sprache um – doch bedeutet dies, dass Kinder und Jugendliche mit Rassismuserfahrungen heute besser geschützt sind?

Zu dem Bereich Filme und Serien: Hier gibt es sehr unterschiedliche Darstellungen von Rassismus, das hängt auch stark von dem jeweiligen Produktionsjahr ab. Wie schätzen Sie die Wirkung von Begriffen in älteren Produktionen ein, die früher als unproblematisch und heute als rassistisch eingestuft werden?

Und andersherum: Können Sie sich einen medialen Kontext vorstellen, der derart distanzierend wirkt, dass man rassistische Begriffe im medialen Kontext verwenden kann?

Das Gute an vielen älteren Fernseh- und Kinoproduktionen ist ja, dass Rassismus und Sexismus sehr leicht zu erkennen sind. Für diejenigen, die ein Verständnis für diese Themen entwickelt haben, lässt sich eine Analyse dieser Inhalte gut durchführen. Dies kann einen Mehrwert für Jugendliche bieten, indem es ihnen hilft, besser zu verstehen, mit welchem Material ihre Eltern sozialisiert wurden und warum solche Darstellungen heute nicht mehr akzeptiert werden. Es ermöglicht auch eine Reflexion über die gesellschaftliche Entwicklung in diesem Bereich. Allerdings setzt dies voraus, dass Lehrkräfte kompetent im Umgang mit dem Material sind und explizit darauf hinweisen: „Wir zeigen nun rassistische Darstellungen, um diese zu analysieren. Wenn in der Klasse Schüler:innen sind, die von Rassismus betroffen sind, sollte jedoch sorgfältig überlegt werden, ob es nicht sinnvoller wäre, auf solches Material zu verzichten, um eine Retraumatisierung oder Reviktimisierung zu vermeiden.

Neuere Produktionen gehen viel sensibler mit Begriffen um. Bedeutet das, dass Kinder und Jugendliche mit Rassismuserfahrung nichts zu befürchten haben? Was wäre ihrer Meinung nach wünschenswert?

Caterina Rohde-Abuba zeigt auf, wie Antirassismusarbeit effektiv in den schulischen Alltag integriert werden kann. Wie können Lehrkräfte Rassismus und Diskriminierung im Unterricht ansprechen, ohne betroffene Schüler:innen zu überfordern? Welche Rolle spielt dabei der Einsatz von Medien? Und wie könnten ältere Jugendliche aktiv in diesen Prozess eingebunden werden, um ihre Erfahrungen zu teilen und mitzuwirken?

Unser Portal richtet sich an Lehrkräfte. Gibt es Maßnahmen, die für das schulische Umfeld hilfreich wären?

Was die Schule betrifft, spreche ich mich sehr für eine Institutionalisierung der Antirassismusarbeit aus, die bereits im Studium der Lehrkräfte verankert sein sollte. Diese Themen sollten regelmäßig und integrativ im regulären Studium behandelt werden, nicht als zusätzliches Angebot, sondern als Teil der Ausbildung, sodass Rassismus, Sexismus, Klassismus und Adultismus in allen relevanten Fächern unmittelbar thematisiert und reflektiert werden. Da eine gesamtgesellschaftliche Umsetzung nicht sofort möglich ist, könnte eine kurzfristige Lösung darin bestehen, externe Trainings zu nutzen. Ein guter Weg für Schulen – manche haben dies bereits umgesetzt – wäre es, eine Ansprechperson zum Thema Antirassismusarbeit aus dem Lehrkräfteteam zu wählen. Diese Person könnte sich weiterbilden und anschließend das Wissen und die Erfahrung unter den Lehrkräften multiplizieren, Maßnahmen koordinieren und eine gemeinsame Strategie entwickeln. Da das Thema nicht statisch ist und sich im sozialen Wandel weiterentwickelt, sind Schulen gut beraten, eine verantwortliche Person zu haben, die neueste Ansätze verfolgt und sich darüber informiert, wie an anderen Schulen oder in anderen Ländern damit umgegangen wird. 

Welche Handlungsoptionen haben Lehrkräfte in der Auseinandersetzung mit alltäglichem und medial vermitteltem Rassismus?

Welche Rolle kommt dabei dem Einsatz von Medien im schulischen Umfeld zu, wenn es um die Auseinandersetzung mit Rassismus und Diskriminierung geht?

Aus meiner Sicht liegt das Problem darin, dass bei der Auseinandersetzung mit Rassismus im Unterricht in Klassen, in denen vielleicht nur ein oder zwei Kinder von Rassismus betroffen sind, das Thema schnell auf diese beiden Kinder und deren Erfahrungen fokussiert werden kann. Das kann diese Kinder überlasten und eventuell zu einer Reviktimisierung oder Retraumatisierung führen. Besser wäre es, Medienmaterialien zu zeigen, die eine fiktive Geschichte zum Thema Rassismus vermitteln. Dadurch wird das Thema zunächst von den persönlichen Erfahrungen der Kinder gelöst. Im Anschluss könnte dann gefragt werden, ob jemand eine eigene Erfahrung teilen möchte. Dabei können sowohl Kinder, die direkt von Rassismus betroffen sind, als auch diejenigen, die als „White Passing“ gelten – also Kinder, die von der Mehrheitsgesellschaft wie weiße Kinder wahrgenommen werden, deren Eltern jedoch Rassismus erfahren – zu Wort kommen. Und deswegen benötigen wir wirklich gutes Medienmaterial, das regelmäßig aktualisiert wird, um Lehrkräften die Möglichkeit zu geben, das Thema im Unterricht zu behandeln, ohne es direkt an die persönlichen Erlebnisse der Kinder zu koppeln. Anschließend sollten die Kinder die Möglichkeit erhalten, über ihre eigenen Erfahrungen zu sprechen, wenn sie dies wünschen. 

Stichwort Partizipation: könnte man die älteren Jugendlichen mit ihren Erfahrungen in diesen Prozess integrieren?

Das von Medienradar aufgezeichnete Interview mit Caterina Rohde-Abuba zeigt, dass rassistische Diskriminierungserfahrungen zur alltäglichen Realität von vielen Kindern und Jugendlichen in Deutschland gehören. Über die Sensibilisierung für die Vielschichtigkeit des Themas hinaus verweist der Beitrag auf klare Handlungsoptionen für Lehrkräfte, Betroffene und Allies. Er eröffnet Strategien der Intervention und zeigt, dass eine gezielte Antirassismusarbeit ohne umfassende Kenntnisse und ein breites Engagement nicht denkbar ist.

Interview mit

Dr. Caterina Rohde-Abuba ist Professorin für Soziologie an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin. Zuvor war sie als Head of Research bei der internationalen Kinderhilfsorganisation World Vision Deutschland e.V. tätig. Ihre Forschung beschäftigt sich mit Kindheit, Jugend und Familie sowie Migration und Gender.

[Foto: privat]

Interviewführung

Brigitte Zeitlmann ist hauptamtliche Vorsitzende in den Prüfausschüssen und arbeitet in dem Bereich der Medienpädagogik bei der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF). Als Redakteurin verantwortete sie beim multimedialen Lehrangebot Faszination Medien den Bereich Jugendschutz und war jahrelang Mitglied der Auswahlkommission der Internationalen Filmfestspiele Berlin (Berlinale) Generation. Sie ist außerdem Prüferin bei der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) sowie regelmäßig Mitglied der Nominierungskommission und Jury des Grimme-Preises.

[Bild: Sandra Hermannsen]
Interviewaufbereitung

Dirk Uhlig arbeitete bereits seit 2007 als freier Gestalter eng mit dem Medienpädagogik-Team der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) für die Entwicklung und Umsetzung der Projekte Krieg in den Medien und Faszination Medien zusammen. Seit 2017 gehört er zum festen Team der Medienpädagogik der FSF. Nebenbei ist er als freier Dokumentarfilmschaffender tätig.

[Bild: privat]
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