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Kino im Klassenzimmer

Impulse für eine fürsorgliche Filmvermittlung

Lara Kuom

Medienradar

Wenn Kinder und Jugendliche mit Film als Kunst- oder Vermittlungsmedium in Kontakt kommen, können sich Möglichkeitsräume öffnen – das gilt auch für den Kontext Schule. Je nach Umfang tragen diese Momente neben der inhaltlichen Wissensvermittlung das Potenzial für emotionale, ästhetische und zwischenmenschliche Erfahrungen in sich – Reibung und Irritation sind inbegriffen.

Um die diversen Seherfahrungen im Zuschauerraum positiv in die Filmvermittlungspraxis einbinden zu können, lohnt es sich, genauer über den Begriff der Fürsorge nachzudenken. Dieser Text versammelt Gedanken, Impulse und Begriffe, die v. a. für Personen relevant sein können, die Vermittlungsformate im Schulkontext planen.

Um möglichst sichere Filmbildungsräume für junge Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen, Sprachen und Sozialisierungen zu gestalten, braucht es einen diversitätssensiblen Vermittlungsansatz. Schule als Institution ist Abbild und zugleich Teil unserer heterogenen Gesellschaft. Sensibilität bedeutet hierbei nicht, die individuellen Seherfahrungen zu einer Erfahrung bündeln zu wollen, und damit Unterschiede und Reibungen unsichtbar zu machen, sondern im Schulkontext gerade jene Filme zu zeigen, entlang derer die verschiedenen Perspektiven im Klassenraum sichtbar werden können. Mithilfe einer sorgsamen Vorbereitung, Moderation und Nachbereitung bekommen Lehrkräfte die Sicherheit, diese Räume zu halten, und Schüler*innen das Vertrauen, ihre Sichtweisen zu formulieren.

Auch wenn aufgrund von begrenzten – finanziellen und zeitlichen – Ressourcen nicht immer alle Anregungen umsetzbar sein mögen, kann der nachfolgend skizzierte Leitfaden eine Orientierung bieten und dazu ermutigen, einzelne Maßnahmen mitzudenken. Diese und weitere Überlegungen wurden zum großen Teil im Rahmen des Projekts Caring for Friction mit einer interdisziplinären Workshopgruppe entwickelt und diskutiert.

Was bedeutet Fürsorge in der Filmvermittlung?

Die Frage von Fürsorge in der Filmvermittlung berührt alle Phasen, die ein Film durchläuft, bis er vom Publikum gesehen wird. Sie beginnt bei der Stoffentwicklung, Regie und Vermarktung, setzt sich fort in den kuratorischen Entscheidungen und reicht bis hin zur Vorbereitung und Moderation von Vermittlungsformaten. In der Auseinandersetzung mit dem Spannungsfeld von künstlerischer Freiheit und Fürsorge stellt sich die Frage, wessen Geschichten aus welcher Perspektive erzählt werden. Es geht auch darum, ob und wie Filmschaffende die Erfahrungen der dargestellten Betroffenen berücksichtigen – etwa, wenn aus privilegierter Perspektive über marginalisierte Lebensrealitäten erzählt wird. Diese Reflexion ist zentrale Grundlage einer fürsorglichen Filmvermittlung.

Fürsorge in der Vermittlungssituation selbst heißt, das Zusammentreffen diverser Lebensrealitäten anzuerkennen und junge Menschen einzuladen, sich mit gesellschaftlichen Fragen zu beschäftigen. Hierbei geht es darum, eine möglichst sichere und zugleich mutmachende Situation – einen „Brave Space zu schaffen, in der die Rezipient*innen ihre eigenen Grenzen und Emotionen erkennen und ausdrücken können. Fürsorge steht nicht für Paternalismus – ich entscheide, was alle Schüler*innen können oder brauchen – sondern das Teilen notwendiger Informationen über Inhalt, Ablauf und Unterstützungsmaßnahmen, sodass sie diese Entscheidungen selbst treffen können. Damit einhergehend haben die Vermittler*innen oder Lehrkräfte die Verantwortung, klare Grenzen bei diskriminierenden Aussagen zu setzen.

Warum es Diskriminierungssensibilität in der Filmvermittlungspraxis braucht

Eine fürsorgliche Praxis ist diskriminierungssensibel – und umgekehrt. D.  h. es braucht ein Bewusstsein der Verantwortlichen, dass jeder Film und damit jede Vermittlungssituation von den Schüler*innen verschieden wahrgenommen werden kann. Diskriminierungserfahrungen können vorhanden sein aufgrund von Herkunft, Alter, Geschlecht, sexueller Orientierung, Religion, sichtbarer und nicht sichtbarer Behinderung bzw. chronischer Erkrankung, sozialem Hintergrund oder anderen persönlichen Merkmalen, ebenso wie gemachten (Gewalt-)Erfahrungen und prägenden familiären Ereignissen. Sie haben entscheidenden Einfluss darauf, wie ein Film die Schüler*innen berührt bzw. wie sie sich dazu verhalten möchten, können oder müssen. Dies wird v. a. relevant bei Filmen, die im- und explizit Gewalt behandeln. Gewalt, auch im Film, kann physische, psychologische/emotionale oder strukturelle Dimensionen annehmen. Oft sind sie verwoben oder legitimieren sich gegenseitig. In der konkreten Seherfahrung hängt es vom Publikum ab, welches je nach Sozialisierung oder individueller Vorgeschichte etwas als Gewalt liest oder nicht. Zudem sind viele junge Menschen auf Social Media mit gewaltvollen Bildern konfrontiert, die das Empfinden verändern können. Ein Film kann nicht nur durch sein Thema gewaltvoll sein, sondern auch durch seine Form: u. a. Kamera, Schnitt oder Sound können die Szenen durch Kontextualisierung auflösen oder verstärken. Hinzu kommt die Erzählung über oder Darstellung von bewusst bzw. unbewusst reproduzierten diskriminierenden Stereotypen. Auch die Dominanz bzw. die Abwesenheit von bestimmten Bildern und Perspektiven trägt eine Gewalt in sich, die in der Auswahl von Filmen für den Bildungskontext berücksichtigt werden sollte. Die Frage der Repräsentation kann, ebenso wie alles oben genannte, Teil der Filmdiskussion werden.

Nehmen wir an, eine Gesamtschule bietet einen Projekttag an, um sich explizit mit dem Thema Antifeminismus auseinanderzusetzen. Eingeladene Filmvermittler*innen möchten junge Menschen anhand eines Films, der Perspektiven von Betroffenen zeigt, für das Thema Gewalt in Nahbeziehungen sensibilisieren. Hier gilt es einzuschätzen, ob es evtl. Betroffene in der Gruppe geben könnte. Bei einem Verdacht kann die Gruppe auf Vertrauenspersonen/Beratungsstellen oder ggf. auf die Unterstützung durch ein Awarenessteam während der Veranstaltung hingewiesen werden. Zudem sollte die Schule immer und v. a. bei diesem Projekt auf eine feministische Haltung der eingeladenen Vermittler*innen achten. Für Schüler*innen schafft es häufig einen sichereren Raum, wenn sie sich mit der anleitenden Person und ihrer Situierung identifizieren können. Das gilt insbesondere, wenn durch Sexismus, Rassismus, Ableismus motivierte Gewalterfahrungen besprochen werden. Auch Personen, die von der erzählten Gewalt nicht betroffen sind, können einen sensiblen Raum gestalten, sollten sich dessen jedoch bewusst sein.

Ist ein klarer Rahmen gesetzt, können die Schüler*innen durch einen emotionssensiblen Umgang mit dem Thema zum Ausdruck von eigenen Empfindungen ermutigt werden. Somit stärken sie ihr Bewusstsein für das eigene Empfinden und lernen es zu benennen – sei es Trauer, Angst oder auch Wut. Dies wiederum ist grundlegend für soziale Interaktion, für Selbstregulation und Empathievermögen. Zugleich ist dieses bewusste Empfinden hilfreich für einen selbstfürsorglichen Medienkonsum.

Die erweiterte Filmvermittlungspraxis – das Davor, das Während und das Danach

Wie eine Vermittlungssituation von den Schüler*innen erfahren wird, hängt nicht nur von der Situation selbst ab, sondern v. a. davon, wie sie vor und nachbereitet wird. An dieser Stelle werden grundlegende und allgemeingültige Impulse für eine fürsorgliche Filmvermittlungspraxis im Kontext Schule gegeben, die situationsabhängig einfließen können.

Das Davor

Die kontextsensible Vorbereitung des Filmscreenings hat einen positiven Einfluss auf die tatsächliche Vermittlungssituation. Sie bereitet Maßnahmen des „Während“ vor und stützt diese. Zentral ist, vorab Verantwortlichkeiten zu klären. Wer moderiert, wer leitet das Filmgespräch und wer greift ggf. ein? In diesem Leitfaden wird eine externe Filmvermittler*in mitgedacht. Die Überlegungen sind jedoch für alle Beteiligten relevant und können auch Lehrkräften bei eigenen Filmgesprächen als Begleitung dienen.

Zu Beginn steht die Selbstreflexion der Verantwortlichen. Diese sollte immer wieder und v. a. vor spezifischen Veranstaltungen Teil der Lehrpraxis sein. Aus welcher Position spreche ich? Evtl. aufgrund meiner Privilegien oder Erfahrungen? Habe ich blinde Flecken? Löst ein Thema oder ein Kommentar etwas in mir aus und warum? Wo kann ich mich informieren, wenn ich mich unsicher fühle? Welche Haltung habe ich zu dem filmspezifischen Thema und den Erfahrungen der Schüler*innen? Auch Lehrkräfte sind Lernende.

Daran anschließend ist es sinnvoll, sich folgende Fragen zu stellen:

Es ist sinnvoll, sich zunächst mit einem kritischen Vermittlungsbegriff auseinanderzusetzen, der keine rein lineare Wissensweitergabe anstrebt, sondern verschiedene Ideen von Wissen und Expertisen einlädt. Auch als Lehrkraft, Pädagog*in oder Vermittler*in habe ich ein situiertes Wissen. Mein Wissen ist nie vollständig und es ist aus einem spezifischen Kontext, Sozialisierung und Bildungsverständnis entstanden. Es ist nicht grundsätzlich anderem Wissen überlegen. Darüber nachzudenken, dass die Berücksichtigung aller Perspektiven im Raum wichtig und notwendig zur Herstellung von Wissen ist und die Schüler*innen als Expert*innen ihrer Lebensrealität anzuerkennen, bietet den Boden für eine Bildungserfahrung auf Augenhöhe. Mit dem Aushalten verschiedener Wissensstände und Meinungen üben sich alle Teilnehmenden zudem in Ambiguitätstoleranz.

Als Lehrkraft sollte ich einschätzen können: Wer sind die Teilnehmer*innen der Gruppe? Wissen wir von individuellen Betroffenheiten? Wie sensibilisiert sind die Schüler*innen bereits? Wie ist das Vertrauensverhältnis untereinander und zu den Lehrkräften? Gibt es Sprachbarrieren? Je nach Ausgang dieser Einschätzung kann vorab ein Austausch mit Expert*innen für die adressierten Filminhalte oder mit Psycholog*innen/Pädagog*innen sinnvoll sein. Die Filmvermittler*innen der Veranstaltung sollten über die Einschätzung informiert werden. Die Anpassung der Sprachfassung bzw. Untertitel können zudem Barrieren abbauen.

Zusätzlich können sich die Lehrkräfte dazu entscheiden, mit ihrer Intention und Planung der Veranstaltung transparent umzugehen und Inhalte gemeinsam zu entwickeln. Indem die Schüler*innen die Chance haben, sich aktiv zu der Veranstaltung zu verhalten, werden die Prinzipien der Selbstverantwortungund Freiwilligkeit damit schon vorab eingeführt. Somit können die Schüler*innen mit einer klaren Haltung zu einem Film/Thema/Format der gewohnten geringen Freiwilligkeit im Kontext Schule etwas entgegensetzen. Zugleich übernehmen sie auf Einladung der Lehrkräfte selbst Verantwortung für das eigene Wohlbefinden, indem sie darüber reflektieren und dies äußern.

Folgende Themen können den Schüler:innen im Voraus präsentiert bzw. gemeinsam mit ihnen erarbeitet werden:

  • Die Filmauswahl
  • Angaben über den geplanten Ablauf und die anwesenden Personen (Vermittler*innen, Awarenessperson, Lehrer*innen und Expert*innen zum Thema)
  • Ein gemeinsam entwickelter Code of Conduct kann im Vorfeld der Veranstaltung mehr Sicherheit im Klassenverband geben. Er soll einen Rahmen für respektvollen Umgang schaffen. Die Verantwortlichen können auf gemeinsam vereinbarte Grenzen achten und bei Bedarf angemessen reagieren. Je nach Standort und Betreuungspersonen sind dafür klare Absprachen zu Verantwortlichkeiten und Handlungsabläufen sinnvoll. Wer hat welche Ressourcen bzw. welches Wissen und wer greift wann ein?

In den Vorgesprächen, in denen die Schüler*innen Informationen über die Auswahl des Films und dessen Thema bekommen, können entsprechende Content Notes wertvoll sein. Content Notes weisen auf explizit oder implizit behandelte Themen in einem Film hin, die starke Reaktionen auslösen können. Sie bieten die Möglichkeit, sich über Inhalte zu informieren, die insbesondere für Menschen mit entsprechenden Erfahrungen retraumatisierend sein können. Die Benennung von Content Notes ist komplex. Sie können nicht jeder Situation vorbeugen, doch geben sie Personen die Möglichkeit selbst einzuschätzen, ob der Film für sie im Moment das Richtige ist.

Im Hinblick auf das jeweilige Thema der Veranstaltung können Sozialarbeiter*innen, Pädagog*innen oder ein Awarenessteam als Ansprechparter*innen eingeladen werden. Dies kann gerade bei sensiblen Inhalten sinnvoll sein, da das Vertrauensverhältnis zwischen Lehrkräften und Schüler*innen, auch aufgrund des Machtgefälles (Notengebung, Altersunterschied, Autorität), nicht immer unbelastet ist. Die Raumsituation und die mögliche Vorbereitung eines ruhigen Ausweichraumes sollten besprochen und mit den Betreuungspersonen eingeplant werden. Vor allem hier ist das Festlegen einer klaren Verantwortungskette wichtig.

Optimalerweise können die Schüler*innen für sich persönlich die Entscheidung treffen, ob sie sich mit der Veranstaltung und dem Thema konfrontieren möchten. Mit dem ergänzenden Angebot einer (möglichst anonymen) Bedürfnisabfrage haben sie die Möglichkeit, ihre Wünsche oder Fragen vorab mit den verantwortlichen Lehrkräften zu teilen, die diese wiederum in die Planung einfließen lassen können.

Das Während

Maßnahmen, die eine fürsorgliche Vermittlungssituation ermöglichen und erhalten können, betreffen ...

Der Raum bietet genug Platz und eine ruhige Atmosphäre, ist nicht einsehbar, hat freie Zugänge und abdunkelbare Fenster. Überlegungen und Vorbereitungen zur Platzierung im Raum (bspw. ein Stuhlkreis) sind sinnvoll, da sie die Kommunikation und soziale Situation während der Veranstaltung stark beeinflussen. Meist sind Schulräume durch klare Abläufe, Bewertungen und soziale Rollen strukturiert. Deutliche räumliche Veränderungen können dazu beitragen, dass sich die Schüler*innen von diesen Zuschreibungen lösen und sich selbst, der Klasse, der vermittelnden Person und dem Film gegenüber anders verhalten können. Die Qualität von Bild und Ton ist entscheidend für die Rezeption. Der Output sollte auf die Größe und Akustik des Raumes und die Bedürfnisse der Schüler*innen abgestimmt werden.

Alle Teilnehmenden können in Ruhe ankommen, ein Namensschild schreiben und einen Platz finden.

Darauf folgt ein gemeinsamer Check-in. Die Teilnehmenden sind eingeladen ihren Namen, die Pronomen, mit denen sie angesprochen werden möchten und ihr Befinden zu teilen. Die*der Vermittler*innen laden zu einem Moment der Selbstwahrnehmung ein, in dem die eigene Stimmung bzw. Präsenz im Raum wahrgenommen und dies gegebenenfalls mit der Gruppe geteilt wird. Hierbei gibt es kein Richtig oder Falsch, weder in Bezug auf die Tagesform, noch auf das Thema. Hierfür können Postkarten, Memes oder andere Bilder ausgelegt oder gezeigt werden, anhand derer die Teilnehmenden ihre Stimmung festmachen können. Wie bin ich heute hier? Was erwarte ich? Was wünsche ich mir? Nachdem alle kurz zu Wort kommen konnten, stellt die vermittelnde Person den Ablauf vor.

Während der Veranstaltung sollte transparent mit den vorab besprochenen Abläufen und eventuellen Änderungen umgegangen werden.

  • Wer ist heute hier (Klassen, Vermittler*innen, Lehrpersonen, Ansprechpersonen) und warum? Alle Anwesenden werden in ihrer Beziehung zum Kontext der Veranstaltung vorgestellt. Gibt es eine Awarenessperson stellt sie sich selbst und das Konzept Awareness vor. Gegebenenfalls weist sie auf Infomaterialien oder Kontaktadressen hin.
  • Wo befindet sich der Vorführungsraum, wo der Rückzugsraum? Die*der Vermittler*in macht darauf aufmerksam, dass es in Ergänzung zum Vorführungsraum einen ungestörten Raum gibt, der jederzeit allen zur Verfügung steht, um sich in Begleitung einer Lehr- oder Awarenessperson zurückzuziehen. Der Weg vom Vorführungsraum zum Ruheraum wird beschrieben. Welche Pausen gibt es? Die*der Vermittler*in macht genaue Angaben über Pausenzeiten und Möglichkeiten, die Pausen zu nutzen:
    • Verpflegungspausen
    • Pausen für kurze Bewegungsübungen
    • Pausen für individuelle Gespräche
  • Welche Möglichkeiten gibt es, wenn eine Person durch eine Aussage, ein Bild oder eine Sequenz irritiert oder verletzt wird oder sich nicht gut fühlt? Die*der Vermittler*in stellt verschiedene Optionen vor:
    • Aus der Situation heraustreten und den Raum betreut verlassen
    • Still Kopfhörer nutzen, um sich der Situation zu entziehen, ohne sich vor den anderen exponieren zu müssen
    • Im Raum bleiben, mitdiskutieren und sich dabei darauf verlassen, dass die Lehrkraft auf einen respektvollen Umgang achtet und Grenzen zieht
    • Alle Szenarien müssen von Betreuungspersonen begleitet werden – sei es als Awarenessperson oder als Moderator*in, die den Raum halten können, sodass sich alle sicher fühlen, in diesem Rahmen Diskussionen auszuhalten.
  • Welches sind die konkreten Programmpunkte der Veranstaltung? Die Lehrkraft stellt den Ablauf vor und öffnet den Raum für Fragen und Bemerkungen.

Der Code of Conduct wird noch einmal vorgestellt und ggf. angepasst. Ist er schon älter oder wurde nicht aus der Gruppe heraus erarbeitet, ist die Einladung zu Fragen oder Kommentaren umso wichtiger.

Die filmvermittelnde Person fragt nach der Relevanz des Themas für die jungen Menschen im Raum und ordnet es anschließend gesellschaftlich ein. Ebenso wird auf Sensibilität hingewiesen. Um das Beispiel vom Projekttag Antifeminimus noch einmal aufzugreifen: hier könnte sie darauf hinweisen, dass weiblich gelesene Personen statistisch am häufigsten von Gewalt in Nahbeziehungen betroffen sind. Dabei können Schüler*innen Fragen stellen und Kommentare anbringen. Die*der Filmvermittler*in sammelt die Beiträge, schließt einen kurzen zusammenfassenden und vertiefenden inhaltlichen Input an und leitet über zum Medium Film und dessen Potential, Sichtbarkeit zu schaffen.

Gerade wenn Menschen sich durch persönliche Traumata oder Diskriminierungserfahrungen von gewaltvollen Bildern berührt fühlen, ist es in der Besprechung eines Films wichtig, verschiedene Austauschangebote zu machen. Möglichkeiten dafür können sein:

  • Einladung zu einer freiwilligen anonymen Assoziationsabfrage mit einem Umfragetool wie Mentimeter
  • Besprechung in Kleingruppen bevor die Fragen zum Film in großer Runde besprochen werden. So entsteht Zeit, sich intim über Fragen und persönliches Empfinden auszutauschen, evtl. etwas aufzuschreiben oder zu skizzieren.
  • Diskussion im großen Plenum, bei der alle Teilnehmenden auf den vorherigen Austausch zurückgreifen können
  • Den Film ein zweites Mal schauen, um verstärkt auf die filmische Form zu achten
  • Impulse für ein Filmgespräch
    • Eine fragende Haltung:
      • Offen mit Nichtwissen umgehen
      • Geduldig sein
      • Vertrauen in die Fähigkeit der Gruppe haben
      • Klarheit im Umgang mit Antworten
    • Wie Fragen formulieren:
      • Fragen kurz, klar und offen, nicht suggestiv formulieren.
      • Immer nur eine Frage stellen.
      • Persönliche Involviertheit/Motivation zeigen: „Interessiert mich, weil …“
      • Diskussionsfragen können an die Gruppe zurückgespielt werden
      • Wahrnehmung/Beobachtungen der Gruppe in den Fokus nehmen
    • Weitere Impulse:
      • Welche filmische Form liegt vor? Dokumentarfilm, Fiktion, Reportage?
      • Einladung, vor dem Film auf ein spezifisches Bild/eine Szene zu achten:
        • Wie hat sich die Kamera bewegt?
        • Wie war das Licht?
        • Wie war der Sound?
        • Wie war der Schnitt?
        • Was macht das mit uns?
      • Über einzelne ästhetische Ebenen und deren Intention sprechen.
      • Einladung, eigene Erfahrungen zu teilen:
        • Was fand ich besonders interessant, verwirrend, irritierend?
        • Wo wird meine eigene Lebensrealität berührt?

Um einen klaren Rahmen zu setzen, gibt es zum Abschluss des Tages einen Check-out, zu dem alle Teilnehmenden in die anfängliche Runde zurückkehren.

  • Was nehme ich mit?
  • Was lasse ich hier?
  • Was arbeitet nach?

Alle sind eingeladen zu teilen, wie sie sich fühlen und was sie aus der Veranstaltung mitnehmen oder was ihnen gefehlt hat. Zudem werden Hinweise auf Infomaterialien und Ansprechpersonen (schulintern und -extern), sowie auf eine anonyme Feedbackmöglichkeit gegeben.

Das Danach

Die Lehrkraft sollte für eine Nachsorge der Veranstaltung sorgen, in deren Rahmen es hilfreich ist, ...

um die Filmvorführung und die gemachten Rezeptionserfahrungen zusammen reflektieren zu können.

in der Feedbackbögen ausgefüllt und besprochen werden können.

Das sollte auch auch anonym möglich sein oder über eine*n Klassensprecher*in.

Ein Code of Conduct ist niemals abgeschlossen, sondern eine Momentaufnahme – er sollte regelmäßig überprüft und aktualisiert werden und kann im Sinne der Nachhaltigkeit Grundlage für kommende Veranstaltungen sein.

In kurzen Nachgesprächen mit den externen Filmvermittler*innen und dem Awarenessteam können die gemachten Erfahrungen diskutiert werden, um für folgende Projekte zu lernen. Das schafft soziale Nachhaltigkeit, Kontinuität und einen gemeinsamen Erfahrungsschatz.

Plädoyer für das Zeitnehmen

Am Ende sollten wir bei der Verwendung von Filmen im Bildungskontext grundsätzlich die eigenen Bildungsziele kritisch hinterfragen. Häufig werden Filme mit einem konkreten Ziel gezeigt, um ein spezifisches Thema zu behandeln oder eine gesellschaftliche Frage zu diskutieren. Das Medium Film eröffnet viele Möglichkeiten, aber meist gibt es darüber hinaus nicht ausreichend Raum und Zeit für ein „wir schauen, was passiert“. Doch es ist gerade die Ressource Zeit, die jungen Menschen ermöglicht, sich selbst wahrzunehmen und eine eigene Haltung zu entwickeln. Denn neben allen konkreten Maßnahmen ist vor allem Zeit die Ressource, welche es braucht, um Räumen und diversen Gruppen gerecht zu werden und Emotionalitäten aufzufangen – trotz und gerade aufgrund der Realität von engen Lehrplänen, Betreuungsschlüsseln oder Sprachbarrieren. Dieser Text versteht sich als Einladung für diese ergebnisoffenen Stunden, für ein Zeitnehmen, da wo wenig Zeit ist.


Caring for Friction ist eine Kooperation mit Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) & Sichtweisen 2.0 – Gesellschaft für bunte Ansichten e.V. und wird gefördert vom Land NRW – Filmbildung und Kino.

Autorin

Lara Kuom bewegt sich theoretisch und praktisch an der Schnittstelle politischer Bildungsarbeit, Kuration, Vermittlung und Moderation. Seit einigen Jahren arbeitet sie eng mit dem DOXS RUHR-Festival zusammen und beschäftigte sich 2025 tiefergehend mit der Vereinbarkeit von Reibung und Fürsorge entlang dokumentarischer (Film-)Formen und ihrer Vermittlung.

[Bild: privat]