Die Zeit der Zeugen
Medienradar
Achtzig Jahre lang haben Menschen über ihre Erfahrung von Unterdrückung, Flucht und Verfolgung im Dritten Reich berichtet. Die Geschichte der Rezeption ihrer Berichte ist jahrzehntelang von Brüchen und Widerständen geprägt. Erst seit den 1980er Jahren stießen die Stimmen der Zeitzeugen auf große Resonanz und entwickelten sich zu einem festen Bestandteil unserer Erinnerungskultur. Doch bald wird es keine Menschen mehr geben, die aus erster Hand über ihre Erfahrungen berichten können. Was kommt danach?
„Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten“ – der programmatische Titel der fünfzig Jahre nach Kriegsende veröffentlichten Tagebücher von Victor Klemperer enthält vieles, was für unser Bild von Zeitzeugenschaft prägend geworden ist: die Subjektivität („Ich will“), den Wahrheitsanspruch („Zeugnis ablegen“), das Sendungsbewusstsein („bis zum letzten“). Typisch für diese erste Phase von Zeitzeugnissen des Dritten Reiches und des Holocaust ist auch das Medium der schriftlichen Aufzeichnung und die Gattung des Tagebuchs. Geboren aus dem Bewusstsein, in einer Zeit beispielloser Unterdrückung und Ungerechtigkeit zu leben, zielen diese Dokumente darauf ab, die Schrecken der Nazi-Herrschaft für eine wie auch immer ferne Nachwelt festzuhalten.
Auch das bekannteste Zeitzeugnis dieser ersten Phase ist als Dokument für die Nachwelt konzipiert. Nachdem Anne Frank ihre Tagebuchaufzeichnungen zunächst als privaten Ausdruck ihrer Gedanken und Gefühle begonnen hatte, hörte sie im März 1944 im Radio einen Appell des niederländischen Exilministers Gerrit Bolkestein, der dazu aufrief, Dokumente über die Unterdrückung der niederländischen Bevölkerung unter der deutschen Besatzung für die Zeit nach Kriegsende aufzubewahren. Daraufhin überarbeitete Anne Frank ihre Einträge, strich Passagen, die ihr uninteressant oder zu intim für die Öffentlichkeit erschienen und bereitete den Text so für eine spätere Veröffentlichung vor.
Zu den kaum bekannten Zeitzeugnissen aus dem Dritten Reich zählen die unter widrigsten Bedingungen verfassten Berichte von Häftlingen in den Lagern. Die umfangreichste Sammlung legte der Historiker Emanuel Ringelblum mit dem im Warschauer Ghetto gegründeten Oneg Shabbat-Archiv an, zu dem viele Gefangene heimlich beitrugen und damit einen erschütternden Einblick in das Leben im Ghetto ermöglichen. Unter hohem Zeitdruck und größter Gefahr wurden die Dokumente in Blechkisten und Milchkannen an verschiedenen Stellen im Ghetto vergraben. Ihr Zeitzeugnis war ein kollektiver Akt des Widerstands gegen die Vernichtung. „Möge dieser Schatz in gute Hände fallen, möge er bis in bessere Zeiten überdauern, möge er die Welt alarmieren und wachrütteln für das, was geschehen ist“, hielt der 19-jährige David Gräber fest [1].
Diese ersehnten besseren Zeiten brachen mit dem Ende des Krieges im Frühjahr 1945 an – zu spät für David Gräber, Emanuel Ringelblum, Anne Frank und andere Holocaustopfer, von denen nur ihre Zeitzeugnisse das Kriegsende überdauerten. Für die Überlebenden war die von Victor Klemperer und allen anderen ersten Zeitzeug*innen imaginierte und adressierte Nachwelt plötzlich präsent und real geworden. Damit setzte die zweite Phase der Zeitzeugenschaft ein, in der es primär um Beweissicherung ging. Zu diesem Zweck wurden die alliierten und sowjetischen Soldaten, die 1945 auf Nazideutschland vordrangen, von professionellen Kamerateams begleitet. Ihre Bilder von der Befreiung der Konzentrationslager gingen um die Welt und prägen bis heute unsere Vorstellungen vom Vernichtungsapparat der Nazis. Die von der US-Armee erstellten Aufnahmen wurden unter der Aufsicht renommierter Filmemacher wie George Stevens und Billy Wilder in den Dokumentarfilmen Nazi-Konzentrationslager und Die Todesmühlen verarbeitet, die im Rahmen der Umerziehungs- und Entnazifizierungsbemühungen zum Einsatz kamen. Alfred Hitchcock arbeitete mit dem Footage der britischen Armee an einem unvollendet gebliebenen Filmprojekt, dessen Geschichte der Dokumentarfilm Night Will Fall (2014) von André Singer erzählt. Nazi-Konzentrationslager und der sowjetische Film Gräueltaten der deutschen Faschisten in der UdSSR[2] (Regie Elizaveta Svilova) über die Befreiung der KZs Auschwitz und Lublin-Majdanek wurden als Beweismittel im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess vorgeführt.
Parallel zu diesen Dokumentarfilmprojekten, an denen hochrangige Vertreter von Militär, Politik und Filmindustrie beteiligt waren, reiste der amerikanische Psychologe David P. Boder auf eigene Faust durch Europa, um in den Displaced Persons Camps Interviews mit Überlebenden des Holocaust aufzuzeichnen. Dafür verwendete er einen von seinem Kollegen Marvin Camras erfundenen Drahttonrekorder, einer damals neuen Technik der Tonbandaufzeichnungen. Seiner psychologischen Perspektive entsprechend interessierte sich Boder insbesondere für die Zusammenhänge von Sprache, Persönlichkeit und Trauma und sah die Interviews weniger als historische Quellen denn als Material für psychologische und anthropologische Untersuchungen. In einer Zeit, in der Tonaufnahmen nicht als historische Quellen anerkannt waren und kaum eine Universität oder ein Archiv über einen Drahttonrekorder verfügte, leistete Boder mit seinen Aufzeichnungen wichtige Pionierarbeit. Auf der Website Voices of the Holocaust sind diese einzigartigen Zeugnisse der unmittelbaren Nachkriegszeit abrufbar. [3]
[Video: University of Luxembourg; YouTube]
Der Ausschnitt erläutert, wie David Boder’s Interviews ursprünglich aufgezeichnet und später digital archiviert wurden.
Auf die Phase der Beweissicherung unmittelbar nach Kriegsende folgten die Nachkriegsjahre, in denen sich viele Holocaustüberlebende die noch frischen Eindrücke von der Seele schrieben. In den ausgehenden 1940er Jahren wurde der Buchmarkt geradezu überschwemmt von Erinnerungen und Erfahrungsberichten; im Jahr 1950 zählte der Historiker Philip Friedman 10.000 publizierte Bücher zum Holocaust [4]. Bei den meisten dieser Bücher war der Mitteilungsdrang größer als der literarische Wert oder das Publikumsinteresse, sodass die gesellschaftliche Resonanz insgesamt gering war. Die Atmosphäre in den Nationalstaaten erwies sich als eher ablehnend denn aufnahmebereit und die Opfer waren damit beschäftigt, in der Gesellschaft wieder Fuß zu fassen. Daher flaute diese publizistische Welle rasch ab und machte mit den 1950er Jahren nicht nur in Deutschland einem Jahrzehnt des kollektiven Schweigens Platz.
Ein Land, das gegen dieses Schweigen anarbeitete, war Israel. Als im Jahr 1961 Adolf Eichmann in Jerusalem vor Gericht stand, bot sich die Gelegenheit, das Thema der planmäßigen Judenvernichtung im Dritten Reich medienwirksam auf die internationale Agenda zu setzen. Der Generalstaatsanwalt Gideon Hausner war davon überzeugt, dass der Prozess über den spezifischen Fall Eichmann hinaus relevant sei für das Verständnis des Holocaust, sowohl in der Weltöffentlichkeit als auch für die israelische Bevölkerung. Nicht alle der für den Prozess ausgewählten 111 Zeugen waren daher für die Beweisführung gegen Eichmann von Belang, manche stammten auch aus Gebieten außerhalb von Eichmanns Wirkungskreis. Sie spielten für die Urteilsfindung der Richter keine bedeutende Rolle, hatten aber enormen Einfluss auf die Außenwahrnehmung und die gesellschaftliche Wirkung des Prozesses. Ihre Schilderungen sollten dazu beitragen, den von vielen als abstraktes Massenverbrechen wahrgenommenen Holocaust in konkreten Einzelschicksalen begreifbar zu machen.
[Video: ARD]
Der Ausschnitt zeigt einen anmoderierten Auszug aus den Videoaufzeichnungen im Gerichtssaal des Eichmann-Prozesses aus der Sondersendung Eine Epoche vor Gericht (Folge 13) vom 30.05.1961
Der Eichmann-Prozess war der erste Gerichtsprozess, der weltweit im Fernsehen übertragen wurde: Sendeanstalten in 38 Ländern strahlten Bilder aus dem Gerichtssaal aus, wobei die neu entwickelte Videotechnik zum Einsatz kam, die die Herstellung und Distribution erheblich vereinfachte und beschleunigte. Nirgends wurde dem Prozess im Fernsehen so viel Sendezeit eingeräumt wie in Deutschland, wo die ARD in der Sondersendung Eine Epoche vor Gericht regelmäßig über den Verlauf der Verhandlung berichtete. In Israel selbst, wo es Anfang der 1960er Jahre noch kein Fernsehen gab, wurde der Prozess, teilweise live, im Radio übertragen. Durch die Rundfunk-Berichterstattung drangen die Erfahrungen und Traumata der Holocaust-Überlebenden in das öffentliche Bewusstsein, sodass ihre individuellen Schicksale zu einem kollektiven kulturellen Trauma wurden, das die gesamte israelische Gesellschaft prägte.
Der Eichmann-Prozess fiel in eine Zeit, in der sich das Fernsehen in Deutschland gerade dem Thema Holocaust zuzuwenden begann: dokumentarisch in der Serie Das Dritte Reich von Heinz Huber, Artur Müller und Gerd Ruge, die in 14 Episoden von Oktober 1960 bis Mai 1961 ausgestrahlt und 1964 mit dem ersten Grimme-Preis ausgezeichnet wurde; fiktionalisiert in der fünfteiligen Adaption von Hans Scholz' Erfolgsroman Am grünen Strand der Spree (1960, Regie Fritz Umgelter), in dem verschiedene Figuren über ihre Kriegserlebnisse berichten. Dass dabei erstmals ein Massenmord an der jüdischen Bevölkerung in der von Deutschland besetzten Sowjetunion gezeigt wird, stellte einen Bruch des kollektiven Schweigens der Nachkriegszeit dar.
Das diskursive Klima der ersten Nachkriegsjahrzehnte ist auch dadurch gekennzeichnet, dass zentrale Begriffe nicht zur Verfügung standen. So wurden die psychischen Spätfolgen bei Holocaustüberlebenden als ‚KZ-Syndrom‘ bezeichnet; der Begriff ‚Trauma‘ war in der Psychologie noch nicht etabliert und wurde, zusammen mit der ‚Posttraumatischen Belastungsstörung‘, erst 1980 ins Handbuch der Amerikanischen Psychiatrie aufgenommen. Die Bezeichnung ‚Holocaust‘, die sich in den USA in den 1960er Jahren im Zuge der Berichterstattung über den Eichmann-Prozess eingebürgert hatte, fand in Europa erst weitere Verbreitung, als Ende der 1970er Jahre die erfolgreiche US-Miniserie Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiß (1978, Regie Marvin J. Chomsky) ausgestrahlt wurde. In Deutschland, wo bis dahin „Völkermord an den Juden“ und „Auschwitz“ die gängigen Bezeichnungen waren, wurde ‚Holocaust‘ zum Wort des Jahres 1979 gewählt.
[Video: Noetic Films; YouTube]
Ausschnitt aus einer Fernsehdiskussion zur TV-Serie Holocaust mit Viktor Frankl
Die Serie Holocaust erzählte zum ersten Mal mit den massenwirksamen Mitteln des Hollywood-Kinos von der Judenvernichtung: mitreißend, emotionalisierend, konstruiert und zugespitzt. In Europa, insbesondere in Österreich und der BRD, war sie ein Medienereignis, dem Proteste bis hin zu rechtsextremen Anschlägen auf Sendemasten vorangingen und das den gesellschaftlichen Umgang mit der NS-Zeit maßgeblich veränderte. Im Anschluss an die vier Episoden liefen Diskussionssendungen, an denen sich das Publikum telefonisch beteiligen konnte und auch Zeitzeugen teilnahmen. Das kollektive Schweigen war endgültig gebrochen und wich in den 1980er Jahren einem wachsenden Interesse an den Stimmen von Zeitzeugen. Kanonische Werke der Holocaust-Literatur erschienen (Imre Kertész, später Ruth Klüger und Victor Klemperer) oder erregten in Neuausgaben größere Aufmerksamkeit (Primo Levi, Elie Wiesel).
Auch in Holocaust-Dokumentationen kamen vermehrt Zeitzeugen zu Wort. Konsequent zum filmischen Prinzip erhoben wurde das Zeitzeugen-Interview von Claude Lanzmann in seinem neuneinhalbstündigen Dokumentarfilm Shoah (1985): Anstatt auf Archivaufnahmen oder ergänzendes Bildmaterial zurückzugreifen, stützt sich der Film nahezu vollständig auf Zeitzeugengespräche. Diese formale Entscheidung überrascht insofern, als es Lanzmann trotz der radikalen Reduktion – oder gerade dadurch – gelingt, den Ablauf der nationalsozialistischen Massenmorde vor den Augen der Zuschauenden in eindringlicher Weise nachvollziehbar zu machen. Unter den Befragten finden sich nicht nur Überlebende, sondern auch Mitglieder des Widerstands und sogar Täter, von denen manche mit versteckten Kameras aufgenommen wurden.
[Video: Berlinale - Berlin International Film Festival; YouTube]
Trailer zum Film Shoah, der 2025 auf den Internationalen Filmfestspielen Berlin wiederaufgeführt wurde
Shoah, der ausdrücklich als filmisches Gegenmodell zur Serie Holocaust konzipiert war, stieß eine Debatte über Ethik der Holocaust-Darstellung an, die Lanzmann mit seinen kontroversen Positionen befeuerte. So kritisierte er fiktionale Darstellungen wie in Steven Spielbergs Schindlers Liste (1993) als blasphemisch, lehnte aber quellenbasiertes Material ebenso strikt ab: „Wenn ich einen Film gefunden hätte – einen geheimen Film, weil das Filmen verboten war –, gedreht durch die SS, in dem gezeigt wird, wie 3000 Juden – Männer, Frauen und Kinder – zusammen sterben, in der Gaskammer des Krematoriums 2 in Auschwitz ersticken, so hätte ich ihn nicht nur nicht gezeigt, ich hätte ihn sogar vernichtet. Ich kann nicht sagen, warum. Das passiert von selbst.“ [5] Den Vorwurf, er vertrete ein geradezu alttestamentliches Bilderverbot, wies er vehement von sich: „Manche sagen, ich hätte den Holocaust zum Tabu erhoben. Das Gegenteil ist der Fall. Ich habe die Idee des Unsagbaren oder Unaussprechlichen niemals akzeptiert. Ich habe niemals aufgehört, das Wort zu restituieren, die Menschen zum Reden zu zwingen, und das bis in die extremen Details. ‚Shoah‘ entsakralisiert, jenseits jeglicher Pietät.“ [6]
Die umfangreichen Tonaufnahmen, die Lanzmann während seiner jahrelangen Recherchen für Shoah angelegt hat, wurden 2021 von seiner Witwe dem Jüdischen Museum Berlin gestiftet und sollen als Audio-Archiv erschlossen und zugänglich gemacht werden [7]. Sie schließen damit an die Drahtton-Aufnahmen David P. Boders ebenso an wie an andere Zeitzeugen-Archive, die parallel zur medialen Verwertung in Film und Fernsehen und frei von dramaturgischen Erwägungen Holocausterfahrungen dokumentieren und bewahren sollen. 1979 begann das von Laurel Fox Vlock, Dori Laub, William Rosenberg und Geoffrey Hartman initiierte und an der Yale Universität angesiedelte Fortunoff Video Archive for Holocaust Testimonies mit der Aufzeichnung von Zeitzeugeninterviews. Mit mittlerweile rund 4.500 Interviews und einer von der Psychotherapie inspirierten Interviewpraxis setzte das Fortunoff Archive zentrale Impulse für die Erforschung der Holocaust-Zeugenschaft. Als eines der ersten Projekte, das Videozeugnisse auch gezielt pädagogisch nutzte, wurde es zu einem wegweisenden Modell für nachfolgende Initiativen wie Steven Spielbergs USC Shoah Foundation, die zwischen 1993 und 2003 über 50.000 Videozeugnisse aufgezeichnet hat. Nicht zuletzt diese enorme Sammlungsleistung veranlasste die französische Historikerin Annette Wieviorka dazu, die 1990er Jahre als eine „Ära des Zeugen“ [8] zu charakterisieren, in der die Stimme der Überlebenden zum zentralen Medium der historischen Vermittlung wurde.
Achtzig Jahre nach Kriegsende sind wir nun in der Endphase dieser Ära angelangt. Nur noch wenige hochbetagte Menschen können aus erster Hand über ihre Holocausterfahrung sprechen. Verschiedene Initiativen versuchen auf unterschiedliche Weise, die Welt auf eine Zeit ohne Zeitzeugen vorzubereiten. Unter dem Einsatz neuester digitaler Filmtechnik erstellt die USC Shoah Foundation seit 2012 virtuelle Zeitzeugnisse, die als interaktive 3D-Hologramme auch künftigen Generationen das Erlebnis eines Zeitzeugengesprächs ermöglichen sollen.
[Video: Elex Michaelson; YouTube]
Die Zeitzeugen-Hologramme der USC Shoah Foundation, dargestellt im Beitrag Holocaust Holograms: Virtual Convos with Historic Figures
An der Babelsberger Filmuniversität findet seit 2021 ein Projekt mit volumetrischen Aufzeichnungen von Holocaustüberlebenden statt, die durch den Einsatz interaktiver und immersiver Technologien als Virtual Reality-Anwendung erlebbar gemacht werden. Und das Fraunhofer Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme entwickelte am Haus der Geschichte in Bonn eine KI, die die in Zeitzeugeninterviews transportierten Emotionen erkennen und analysieren kann.
Ganz analog arbeitet hingegen der Verein Zweitzeugen e.V., in dem junge Menschen eine Lebensgeschichte adoptieren, um sie beispielsweise in Schulen zu präsentieren. Sie erfüllen damit exakt den Auftrag, den die 103-jährige Margot Friedländer in einem Interview mit dem Spiegel formulierte: „Ihr sollt die Zeitzeugen sein, die wir nicht mehr lange sein können. Es ist in Eurer Hand, dass das nie wieder geschieht, was gewesen ist.“ Auch wenn der Holocaust lange beschwiegen wurde und viele Stimmen ungehört blieben – wenn die ‚Ära des Zeugen‘ zu Ende geht, werden die Zeitzeugen doch einen kaum ermesslichen Korpus an Aufzeichnungen hinterlassen haben. In der kommenden Welt ohne lebende Holocaust-Zeitzeugen wird es darum gehen, was wir, die Nachwelt, mit ihren Zeugnissen anfangen.
1. Vollhardt; Zadoff: Wichtiger als unser Leben. 2023, S. 22
2. Film Gräueltaten der deutschen Faschisten in der UdSSR auf der Website des United States Holocaust Memorial Museum: https://collections.ushmm.org/search/catalog/irn616417
3. Website Voices of the Holocaust: https://voices.library.iit.edu/
4. Mark L. Smith, No Silence in Yiddish. Popular and Scholarly Writing about the Holocaust in the early Postwar Years, in: David Cesarani/Eric J. Sundquist (Hrsg.), After the Holocaust: Challenging the Myth of Silence, London 2012, S. 55-66, hier S. 56
5. https://www.lemonde.fr/archives/article/1994/03/03/a-propos-de-la-liste-de-schindler-dernier-film-de-steven-spielberg-holocauste-la-representation-impossible_3801953_1819218.html
6. https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/claude-lanzmann-ueber-shoah-das-unnennbare-benennen-13391716.html
7. https://www.oral-history.digital/news/2024-09-16-lanzmann.html
8. Annette Wieviorka, L’ère du témoin, Paris 1998
David Assmann studierte Mediendramaturgie in Mainz. Er arbeitet als freier Filmkritiker, Filmemacher und Filmwissenschaftler in Berlin, ist Mitglied des Auswahlgremiums für Kinder- und Jugendfilme bei der Berlinale und hauptamtlicher Prüfer bei der FSF.

[Bild: Privat]
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