Abbau von Ressentiments im Kontext des Nahostkonflikts
Theater- und medienpädagogische Interventionen in Schulprojekten
Medienradar
Der Lehrer Hèdi Bouden tritt antisemitischen und antimuslimischen Vorurteilen im Klassenraum durch theater- und medienpädagogische Begegnungsprojekte entgegen.
Wie der Bildungswissenschaftler und Migrationspädagoge Prof. Dr. Paul Mecheril betont, gehe es in der medienkritischen Bildungsarbeit darum, „das eigene Wissen weniger als Instrument der Anklage einzusetzen und stärker als suchendes, bescheidenes, gleichwohl entschiedenes Angebot zum wechselseitig aufklärenden Gespräch bereit zu stellen.“[1]
Mit Mecherils Haltung, die von belehrender Anklage absieht und stattdessen Angebote zum „wechselseitig aufklärenden Gespräch“ macht, geht der Hamburger Lehrer Hèdi Bouden mit seinen Schüler*innen an die Arbeit. Er setzt sich seit Jahren durch diskriminierungskritische, mediale Bildungsarbeit für Verständigung zwischen israelischen, palästinensischen, jüdischen, muslimischen sowie anderen Religionen und Kulturen angehörenden Schüler*innen ein. Dafür erhielt er 2024 den Margot Friedländer Preis.[2]
Bouden betont die Wichtigkeit, Schüler*innen zuzuhören, ihre unterschiedlichen Perspektiven zuzulassen, diese nicht von vornherein zu sanktionieren und sie anschließend gemeinsam in der Gruppe zu überprüfen. Die Schüler*innen auf diese Art als Partner*innen im Diskurs ernst zu nehmen und einzubeziehen, hilft dabei, sie nicht zu marginalisieren und an fragwürdige Informationskanäle zu verlieren. Durch gemeinsame und langfristig angelegte Medien- und Theaterprojekte, regelmäßig organisierte Begegnungen und Reisen sowie die Bereitschaft, die eigene Vorbildrolle als Lehrkraft weder zu über- noch zu unterschätzen, setzt sich Bouden für Demokratiebildung im öffentlichen Kommunikationsraum Schule ein. Er betont die Wichtigkeit, im Unterricht vergangene und gegenwärtige geopolitische, ethnonationalistische, religiöse oder koloniale Konfliktfelder nicht isoliert zu behandeln. Erst wenn verschiedene Konfliktfelder miteinander verglichen werden können, ohne sie dabei zu relativieren, können Zusammenhänge und Differenzen, Kontinuitäten und Singularitäten verständlich werden.
Das Projekt Architecture of Hope
Für das multimediale Projekt Architecture of Hope (2023) brachte Bouden Schüler*innen mit unterschiedlichen Migrationsgeschichten des Helmut Schmidt Gymnasiums aus Hamburg mit jüdisch-israelischen Schüler*innen der Shaar Ha Negev High School aus Sderot und arabisch-israelischen Schüler*innen des Almahabesh Theatres aus Rahat zusammen. Gemeinsam realisierte das unwahrscheinliche Ensemble mehrere Jahren Theater- und Kunstprojekte gegen Ressentiments und Intoleranz. Die Projekte wurden vom israelischen Künstler Nir Alon und dem deutschen Filmemacher Jan Lewandowski begleitet.
Immer wieder stoßen in Boudens Projekten Schüler*innen auf eigene Vorurteile oder blinde Flecken sowie jene der Anderen. Mit Geduld moderiert Bouden dann den Prozess der Annäherung und versucht, der Voreingenommenheit die Erfahrungen im neu geschaffenen, heterogenen Kollektiv entgegenzusetzen, die ursprünglichen Freund-Feind-Lager aufzulösen und auszudifferenzieren und dabei Widersprüche bewusst zuzulassen. Ziel solcher transkulturellen Gruppenarbeit ist es, Empathie zu fördern, unterschiedliche Subjektivitäten der Differenzgruppe kennenzulernen und aus der Distanz auszutreten und sich als Teil eines gemeinsamen Gefüges zu verstehen, bei dem es auf Kooperation ankommt. Schüler*innen können noch so häufig darüber lesen, dass keine Gruppe, über die man vermeintlich schon viel weiß, homogen ist, erst aber wenn sie konkrete Geschichten der anderen Gruppe erfahren, bspw. die eines rassismuserfahrenen muslimischen Deutschen oder aber eines palästinensischen Israelis, wird für die Schüler*innen erfahrbar, wie vielschichtig die Gruppen aufgebaut sind und wie unmöglich und unangemessen es ist, pauschal oder mit moralischer Überlegenheit über sie zu urteilen.
Nicht immer ist es möglich, Machtasymmetrien im neu geschaffenen Kommunikationsraum auszugleichen, schließlich wird ein Teil der Schüler*innen mit einer Besatzermacht assoziiert, während ein anderer Teil von ihnen zu einer Gruppe gehört, die unter der Kontrolle dieser Besatzung steht. Die Schüler*innen bringen unterschiedliche Erfahrungen von Gewalt und transgenerational übertragenen Traumata mit. Die Erfahrung durch Boudens Projekte bleibt für sie ein oft lebensprägendes, einmaliges Erlebnis, das neue, zuvor unwahrscheinliche bis undenkbare Beziehungen ermöglicht. Das Theaterprojekt zwischen muslimischen, jüdischen, christlich geprägten und atheistischen Schüler*innen mit und ohne Migrationserfahrung eröffnet Chancen, stigmatisierende Ressentiments und reduktionistische Sichtweisen zu überwinden.
Die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Anderen ermöglicht es den Einzelnen, ihren einseitigen Blick zu einem Verständnis weiterzuentwickeln, das die eigene Sicht und die Sicht der anderen miteinander in Beziehung setzt. Sie lernen, dass ihre Geschichten sich teilweise ähneln, miteinander zusammenhängen und einander prägen. Auch dass Geschichte selbst durch andere Perspektiven fortwährend verändert und neugeordnet wird, nichts Festes ist, wird für sie erfahrbar.
[Video: Hèdi Bouden; YouTube]
Der ARTE:re Beitrag Building Bridges in Times of War | Brücken bauen in Zeiten des Krieges, ZDF/ARTE (2024) stellt das Projekt Architecture of Hope vor
Theaterprojekte wie „Architecture of Hope“, zu dem auch Video- und Multimediainstallationen gehörten, erfüllen neben künstlerischen auch therapeutische Funktionen. Schüler*innen begreifen die Einschränkungen eines abschließenden, rigiden und die Möglichkeiten eines offenen, unabgeschlossenen Denkens. Das hilft ihnen, sich aus der Position oft ausgegrenzter und von Diskriminierung betroffener Personen hin zu moderierenden, souveränen Brückenbauer*innen zu entwickeln. So erleben sie ihre eigene Ausgrenzungserfahrung nicht mehr als Stigma, sondern Vorteil: als ein Instrument zu mehr Weltoffenheit und zu durchaus komplizierten, bedeutungsvollen Beziehungen, die Raum für Mehrdeutigkeit lassen. Diese Erfahrung gibt ihnen die Würde und Anerkennung zurück, die die Gesellschaft ihnen durch Alltagsrassismus oder -diskriminierung häufig genommen hat. Sie erleben sich sowohl als zugehörig als auch verantwortlich für die Gemeinschaft – ein Miteinbezogensein, das weiter gestärkt werden muss.
Umgang mit der medialen Diskursführung des Nahostkonflikts im Klassenzimmer
In Zusammenarbeit mit Hèdi Bouden sind im Folgenden einige Anleitungen zum kompetenten Umgang mit der medialen Diskursführung zum Nahostkonflikt im Klassenzimmer zusammengetragen:
| Seriöse Quellen von Fake News unterscheiden lernen:
Unterschiedliche Positionen zulassen und Nachrichten der Differenzposition lesen:
Vertrauen in Journalismus und offizielle Nachrichtensendungen (wieder-)herstellen:
Informationen sind nur so gut wie ihre Quellen:
Nutze Faktenchecks bei Kontroversen und aktuellen Themen:
Gesprächsvoraussetzungen im Klassenzimmer:
Das Existenzrecht des Anderen darf nicht infrage gestellt werden. Konkretes Unrecht muss benannt werden können:
Die bekannten Drei-D-Regeln gelten für beide Konfliktparteien, also für Israel und für Palästina:
Die Geschichte des Konflikts besser verstehen lernen:
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Es gibt eine Reihe von konstruktiven Handreichungen, die das multiperspektivische und demokratiefördernde Gespräch über den Nahostkonflikt im Klassenzimmer erleichtern, wie Verknüpfungen – Ansätze für die antisemitismus- und rassismuskritische Bildungsarbeit des Bildungsbausteine Vereins. Oder Über den Nahostkonflikt sprechen. Der Nahostkonflikt in der Bildungsarbeit von ufuq.de, einem Träger der freien Jugendhilfe, der zu Pädagogik, politischer Bildung und Prävention in der Migrationsgesellschaft arbeitet und bundesweit Ansprechpartner für Pädagog*innen, Lehrkräfte und Mitarbeiter*innen von Behörden ist.
1. Netzwerk Rassismuskritische Migrationspädagogik BW: 41. Newsletter „Rassismuskritische Migrationspädagogik“, veröffentlicht im November 2023, file:///C:/Users/kitte/Downloads/NL_NWRKMP_November_2023.pdf (zuletzt abgerufen am 11.12.2025).
2. : Margot Friedländer Preis für Hamburger Lehrer, veröffentlicht am 27.11.2024 in ZEIT ONLINE, https://www.zeit.de/news/2024-11/27/margot-friedlaender-preis-fuer-hamburger-lehrer (zuletzt abgerufen am 11.12.2025).
3. Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe: Vertrauenswürdige Informationen erkennen, https://www.bbk.bund.de/DE/Warnung-Vorsorge/Vorsorge/In-der-Krise-informiert-sein/Vertrauenswuerdige-Infos-erkennen/vertrauenswuerdige-infos-erkennen_node.html (zuletzt abgerufen am 11.12.2025).
4. Bundeszentrale für politische Bildung: 75 Jahre nach der Nakba, in: APuZ - Aus Politik und Zeitgeschichte, veröffentlicht am 28.04.2023, https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/israel-2023/520482/75-jahre-nach-der-nakba/#footnote-target-4 (zuletzt abgerufen am 11.12.2025).
Jana Papenbroock studierte Kunstgeschichte in Paris und audiovisuelle Medien an der Kunsthochschule für Medien in Köln. Neben ihrer freien Prüftätigkeit für die Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) arbeitet sie als Dokumentarfilmemacherin im Bereich der visuellen Anthropologie und als Autorin und Übersetzerin für Theater-, Film- und Radioprojekte mit überwiegend transkultureller, neurodiverser, sozialer und ökologischer Thematik.

[Bild: privat]
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